Leeds-Legende John Charles
Die Ein-Mann-Mannschaft
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Ein Mann wie ein Baum. Der Hüne John Charles wechselte einst als teuerster Spieler der Welt von Leeds nach Turin. Noch heute verneigen sich Briten und Italiener gleichermaßen vor dem Mann, den sie den »Sanften Riesen« nannten.
Mit fassungslosem Blick starrten die Anhänger des Torino FC einander im Oktober 1957 an. So eben war John Charles, im Trikot von Erzfeind Juventus, auf dem Weg, sein erstes Stadt- Derby für Juve zu entscheiden. Mit Riesenschritten stürmte der Waliser allein auf das Tor des Torino FC zu.
Allen ist klar, was jetzt passieren muss. Immerhin war Charles als teuerster Spieler der Welt aus Leeds nach Turin gekommen, um das zu tun, was er am besten konnte – Tore schießen. Doch plötzlich stoppte Charles ab und schob den Ball ins Seitenaus. »Ich habe zuvor den gegnerischen Libero mit meinem Ellbogen getroffen. Es erschien mir nicht fair, so ein Tor zu erzielen«, wird John Charles später zu Protokoll geben. »The Gentle Giant«, der »Sanfte Riese«, war seinem Namen als echter Gentleman wieder einmal gerecht geworden.
Ein Kreuz wie ein Kühlschrank
Mit pechschwarzen Händen hatte John Charles 1947 seinen ersten Vorvertrag mit Frank Buckley, dem Team Manager von Leeds United, per Handschlag besiegelt. Der 16-jährige Charles arbeitete seinerzeit als Schuhputzer und Platzwart für die erste Mannschaft in seinem Heimatort Swansea. Buckley hatte Charles zufällig in einem Jugendspiel entdeckt, war von seinen Fähigkeiten euphorisiert und wollte ihn sofort verpflichten. Doch die Sache hatte gleich mehrere Haken, denn Charles war zunächst einmal zu jung für einen Profivertrag. Zudem waren seine 1,63 Meter nicht gerade das Idealmaß für die beinharte, englische Second Division. Zwei Probleme, von denen bald niemand mehr sprechen sollte. John Charles ging zum Militär, und als er zu den »Peacocks« zurückkehrte, erschrak Frank Buckley gehörig. Vor ihm stand ein 1,87 großer Hüne mit einem Kreuz wie ein Kühlschrank – der perfekte Verteidiger für Buckleys System.
Nach seiner ersten Saison an der Elland Road wurde Charles als 18-jähriger in die walisische Nationalelf berufen. Doch der schüchterne Junge konnte sich trotz seiner beängstigenden Erscheinung, nicht durchsetzen und begann an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Sein Entdecker Buckley nahm sich seiner an und arbeitete mit ihm an Sprungkraft und Technik. In der neuen Saison stellte er Charles als Mittelstürmer auf – eine Initialzündung, denn er erzielte 21 Tore im ersten Jahr. Seine eleganten Bewegungen verwunderten Gegner und Mitspieler gleichermaßen, nie zuvor hatten sie einen so großen Spieler mit einer solchen Ballbehandlung gesehen.
Eine weitere Saison später markierte der Waliser 42 Treffer, bis heute Saison-Rekord in der Geschichte von Leeds United. Während seiner Karriere spielte Charles auf beinahe allen Positionen und entwickelte sich so zum einem vielseitigsten Spieler der Welt. »Er war ein kompletter Spieler. Am liebsten hätte ihn der Trainer vorne ein Tor schießen lassen und ihn dann direkt als Libero aufgestellt, damit er die Tore verhindert«, sagte der Journalist Michael Parkinson über Charles. Der Riese aus Swansea überragte seine Gegen- und Mitspieler also nicht nur aufgrund seiner Körpergröße. Weltmeister Jack Charlton, der selbst noch mit Charles zusammen spielte, nannte ihn »den besten Kopfballspieler, den ich je gesehen habe.«
Ergänzung zu Heft #88 03/2009





