Die Geschichte der Fußballfans

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22.12.2011

Leeds-United-Legende Don Revie

Gegen die Wand

Text: Mathias Ehlers  Bild: Imago

Don Revie ist die Symbolfigur von Leeds United. Wie sein Klub wurde auch er geliebt, gehasst, stieg auf und fiel ins Bodenlose. Wir stellen den Mann vor, der England als Spieler und Trainer spaltete wie niemand nach ihm.

Leeds-United-Legende Don Revie - Gegen die Wand


Am Ende standen nackte Zahlen – 3:6. Für den englischen Fussball bedeuteten diese weit mehr als nur die erste Heimniederlage gegen ein kontinentales Team. Die siegreichen Ungarn führten der Nation, die sich als Mutterland dieses Sports versteht, schmerzhaft vor Augen, wie moderner Fussball gespielt wird. Das Rückspiel in Budapest geriet noch bitterer: mit einem 1:7 im Gepäck trat die englische Auswahl die Heimreise an.



Der Nimbus der Unbesiegbarkeit war dahin. Die Annahme, mit »Kick & Rush« ließe sich die Welt domieren, wurde zum Wahnwitz. Das Trauma saß entsprechend tief, und der englische Fußball tat sich schwer, die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Don Revie, Offensivspieler bei Manchester City, hingegen passte genau auf, studierte die Rolle des ungarischen Schlüsselspielers Nandor Hidegkuti und versuchte, mit seinen »Citizens« ähnlich aufzutreten.

Gut bezahlt, aber nicht glücklich

Der so genannte »Revie-Plan« war geboren. Mit Erfolg, denn Manchester City, zuvor meist im Tabellenkeller beheimatet, schwang sich durch diese Adaption des ungarischen Systems zu einem der führenden englischen Teams der 50er Jahre auf. Revie selbst wurde 1955 zum »Fußballer des Jahres« gewählt und stand auf dem Höhepunkt seiner Spielerkarriere. Für ihn der Anlass, den gebührenden Ruhm auch versilbern zu wollen. Revie landete beim FC Sunderland, wurde gut bezahlt, aber nicht glücklich. Zwei Jahre und einen Abstieg später heuerte Revie bei Leeds United an – zwar eine graue Maus, aber immerhin erstklassig. Die jungen Spieler, allen voran der am Anfang seiner großartigen Karriere stehende Billy Bremner, schauten zu ihm auf und nahmen die Ratschläge aus dem Munde des erfahrenen Stars begierig an.




Dieser fühlte sich wohl in den Midlands, hielt United auch nach dem Abstieg aus der First Division die Treue und begann, über die eigene Zukunft zu sinnieren. Einen Job außerhalb des Fußballs konnte sich Revie kaum vorstellen, und so reifte der Entschluss, Trainer zu werden.

Eine entsprechende Chance bot sich ebenso plötzlich wie unverhofft – im Laufe der Saison 1960/61 musste Jack Taylor seinen Trainerstuhl räumen, und der 33jährige Revie wurde zum Spielertrainer befördert. Nicht viel mehr als eine Notlösung, aber eine Notlösung mit nachhaltiger Wirkung. Mit viel Enthusiasmus stürzte sich Revie in die Herausforderung. Umgehend nahm er Kontakt zu Manchester Uniteds Chefcoach Matt Busby auf,  um mit ihm über dessen Philosophien, Visionen und Erfahrungen zu sprechen. Revie war unheimlich beeindruckt von der nach der Flugzeugkatastrophe von München geleisteten Aufbauarbeit Busbys und nahm sich ManUniteds Struktur zum Vorbild für sein Wirken in Leeds. Ein umfangreiches Sichtungsnetz wurde aufgebaut, talentierte Nachwuchsspieler durch Revies Überzeugungsfähigkeit nach Leeds gelockt und ins kalte Wasser geworfen. Die Ambition, an der Elland Road etwas ganz Großes aufzubauen, unterstrich der junge Coach, indem er die traditionellen blau-gelben Trikots ausmusterte und sein Team in weißen (bewusst an Real Madrid erinnernden) Shirts auflaufen ließ.

Der Erfolg kam nicht sofort. Als er sich dann aber einstellte, wollte er gar nicht mehr gehen. Das in die jungen Spieler gelegte Vertrauen zahlte sich aus, und auf dem Transfermarkt bewies Revie ein glückliches Händchen. 1964 wurde Leeds United wieder erstklassig, die Spielweise fand allerdings wenig Freunde. Man warf den »Whites« Verrat vor: Verrat an der britischen Fußballkultur und dem auf der Insel heiligen »Fair Play«. Äußerst zynisch trat Revies Team auf, sehr defensiv und stets an der Grenze zum Unerlaubten. In erster Linie galt es, den Gegner einzuschüchtern. Von allen Seiten, sowohl von Medien als auch Kollegen, hagelte es angewidert Kritik ob der destruktiven und teilweise überharten Gangart, die Revie seiner Mannschaft verordnete und so gar nichts vom Glanz des Trikotpaten aus Madrid hatte. United wurde als ein Haufen wild um sich tretender Provinzkicker verspottet.

Von welcher Intensität und Professionalität Revies Arbeitsweise gekennzeichnet war, fand nur wenig Beachtung. Mit hohem Aufwand wurden Dossiers über Gegner erarbeitet, Schwachpunkte identifiziert und der Zufall minimiert. Revies Raubeine waren die fittesten Spieler der First Division, unterwarfen sich einem Ernährungsplan und wuchsen unter ihrem Patriarchen zu einer verschworenen Gemeinschaft heran. Zur einschüchternden Kampfkraft gesellte sich eine technische Versiertheit, die kein anderes englisches Team dieser Zeit bieten konnte.



Ergänzung zu Heft #88 03/2009

Die Legende von Leeds United


weiterlesen [1] [2]





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