Lexikon der ausgestorbenen Fußballbegriffe
Pausentee und Pferdelunge
Text: Andreas Bock und Dirk Gieselmann Bild: Imago
Es gab Zeiten, da erquickten sich Fußball-Experten daran, wie filigran ein Spieler das »Spielgerät« am Fuß führen konnte. Sie redeten von »Entmüdungsbecken« und »Übungsleitern«. Lest hier, was sie meinten.
Agile, der
Zuletzt gehört im Zusammenhang mit dem Mannheimer Dauerläufer Dimitrios Tsionanis. Der zeichnete sich durch so ziemlich nichts anderes aus, als eben »agil« zu sein. Das war nachfolgenden Generationen zu wenig, sie setzten sich mit den Möglichkeiten auseinander, die sich auftun, wenn man den Ball in sein Spiel einbezieht. So verschwand auch der Titel »der Agile« aus dem Wortschatz der Sportberichterstattung. Ohnehin passte er in seinem Ilias-haften Sound zu niemandem so gut wie zu dem griechischen Hermes vom Waldhof.

Aluminium, das
Eifrige Reporter, die nicht Ball sondern »Leder«, die nicht Schiedsrichter sondern »Mann in Schwarz« sagen, bezeichnen Latte und Pfosten als Aluminium. Zurecht fragt man sich: Wieso? Soll aus der reinen Benennung des Gesehenen eine haptische Erfahrung für den Zuschauer werden, eine Textur-Vorstellung, die einem die schönste Gänsehaut seit dem Elfmetertor von Andi Brehme in Rom 1990 beschert? Oder möchte der Reporter älteren Zuschauern erklären, dass mittlerweile nicht mehr auf Holztore geschossen wird, zugleich er jüngeren Zuschauern vermittelt, dass es sich hier nicht um einen Freizeitkick im Park handelt, bei dem auf Rucksäcke oder gar auf Stöckchen geschossen wird, sondern um ein brisantes Profispiel, um Männer-Fußball, der hart wie Stahl ist?
Anspielstation, die
Klingt nach 70er-Jahre-Standfußball und passt daher nicht mehr zu einem Sportart, in dem Spieler wie Franck Ribéry oder Chinedu Obasi mit 200 Stundenkilometern über den Rasen jagen. Kulturhistorisch nicht verifiziert, stammt das Wort wohl aus einer Zeit, in der Spieler ihren Aktionsradius auf etwa drei Quadratmetern reduzierten. Pallim, nächste Station: Günter Netzer. Der Ball trudelt ein. Pallim, nächste Station: Gerd Müller. Und irgendwann trotteten aus dem Schatten der Flutlichtanlage tatsächlich Ata Lameck oder Matthias Herget und stellten sich neben die nächste oder übernächste Station, bereit, den rasanten Fluss der Stationen ein für allemal zu durchbrechen. Pallim.
»Durch die Hosenträger«
Kann zunächst als pfiffiges – wo wir schon bei Anachronismen sind, hier ein wunderschön veraltetes Adjektiv – Wortspiel verstanden werden: Der Ball geht durch die Beine, die die Hosen tragen. Bela Rethy vertrat indes die These, dass die Hosenträger tatsächlich diese elastischen Gummidinger sind, die man mit einem metallenen Schnappverschluss an der Hose befestigt und sie über die Schultern spannt. Er erkannte also eine Widersprüchlichkeit und kräht seither bei Tunneln oder Schüssen, die dem Torhüter nah am Unterkörper durchrutschen: »Durch die Unterhose! Durch die Unterhose!«
Entmüdungsbecken, das
Der Ort, wo erschöpfte Helden gern mal den Schniedel in der lauen Strömung baumeln ließen – und auch keine Scheu zeigten, wenn das Kamerateam von »ranissimo« spontan draufhielt. In Zeiten der verwissenschaftlichen Spielnachbereitung ist das Entmüdungsbecken jedoch anscheinend aus der Mode gekommen, zu groß ist die Gefahr, dass angerissene Sehnen u. a. durch Wärmezufuhr ins Überdimensionale anschwellen.







