Als Georg Volkert Rot sah
»Ich gehe nicht vom Platz!«
Text: Georg Volkert Bild: Imago
Juli 1968, Freundschaftsspiel zwischen Austria Wien und dem 1. FC Nürnberg: Wegen Meckerns sieht Georg »Schorsch« Volkert die Rote Karte. Doch er weigert sich, den Platz zu verlassen – und provoziert den Spielabbruch.
Wir waren gerade Deutscher Meister geworden und tingelten nach der Saison noch ein bisschen umher – unter anderem zu einem Freundschaftsspiel gegen Austria Wien ins Praterstadion. Aber der Begriff »Freundschaftsspiel« trifft nicht ganz zu: Ich wurde getreten wie nichts Gutes. Einmal flog ein Wiener Verteidiger mit offener Sohle direkt auf mein Gesicht zu – ich konnte mich gerade noch wegducken, sonst hätte ich die Stollen in der Stirn gehabt. Der Schiedsrichter jedoch dachte nicht daran, das zu ahnden.

Aber eine harmlose Aktion unseres Abwehrspielers Ludwig »Luggi« Müller bestrafte er kurz danach sofort mit der Gelben Karte. So eine Ungerechtigkeit! Da bin ich ausgerastet. Es kam zu einem Verbalscharmützel zwischen dem Schiedsrichter und mir, ein Wort gab das andere, und am Ende zeigt mir dieser Mann doch glatt die Rote Karte! Ich konnte es nicht fassen! Das Schlimmste war noch: Drei Tage später stand das Länderspiel Deutschland gegen Brasilien an, und ich musste befürchten, dass Bundestrainer Helmut Schön mich nach einem Platzverweis ausbooten würde. Ich musste diese Rote Karte also um jeden Preis rückgängig machen. Auch meine Mitspieler Müller, Heinz Strehl, Ferdinand Wenauer und sogar unser Trainer Max Merkel kamen herbeigelaufen und versuchten, den Schiedsrichter noch umzustimmen. Doch der wollte einfach nicht mit sich reden lassen – da konnte nicht einmal Max Merkel mit seinem Wiener Schmäh etwas bewirken. »In zwei Minuten sind Sie vom Platz verschwunden«, herrschte der Schiri mich an, »sonst breche ich das Spiel ab!« Aber ich blieb stur und wollte mir eine solche Ungerechtigkeit einfach nicht bieten lassen. »Ich gehe nicht vom Platz, Trainer«, sagte ich zu Merkel. »Dann soll er das Spiel halt abbrechen! Basta!« Und das tat er dann auch, da war er genauso konsequent wie ich. Der war Österreicher, und ganz ehrlich: Ich glaube, er wollte sich vor heimischem Publikum profilieren.
Als er dann den Abbruch tatsächlich verkündet hatte, gab es wütende Tumulte unter den Zuschauern. Wir stahlen uns in die Kabine und mussten nach dem Duschen durch den Hinterausgang aus dem Praterstadion verschwinden. Um nicht auf der Straße attackiert zu werden, unternahmen wir dann auf Schleichwegen eine schöne Busrundfahrt durch die Nacht von Wien.
Noch am selben Abend rief Max Merkel bei Bundestrainer Schön an und erklärte ihm, was vorgefallen war. »Der Schorsch soll trotzdem kommen«, sagte der. Also fuhr ich zusammen mit »Luggi« Müller im Nachtzug von Wien nach Stuttgart, wo das Spiel gegen Brasilien stattfinden sollte – ratter-ratter-ratter! Um halb neun morgens kamen wir an, Schön nahm uns in Empfang. »So benimmt sich kein Nationalspieler«, sprach er. »Und jetzt kannst du nach Hause fahren.« »Dann hätte ich ja gar nicht kommen müssen!«, antwortete ich – und musste neun Jahre auf mein nächstes Länderspiel warten. Leider war das nicht das Ende des Liedes.
Auch der DFB haute noch drauf: Ich wurde für die ersten zwölf Wochen der Saison 1968/69 gesperrt. »Dummheit eines noch nicht ausgereiften Franken«, schrieb die Fachpresse. Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich habe einfach einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Egal, ob mir oder anderen eine Ungerechtigkeit widerfährt, muss ich dagegen angehen. So wie damals, im Wiener Praterstadion.
Protokoll: Dirk Gieselmann
Aus Heft #84 11/2008
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