Bernd über 25 Jahre HSV-Heimspiele
»Manchmal könnt ich kotzen«
Text: Andreas Bock Bild: Marcus Vogel
Bernd Kroschewski feiert Jubiläum. Seit 25 Jahren hat er kein einziges Heimspiel verpasst – trotz seines Labels »Fidel Bastro« und zwei Bands, die so gerne auf Tour wollen. Ein Gespräch über Fansein in den 80ern, Horst Hrubesch und Fragebögen in Stadionheften.
Bernd Kroschewski, redest du eigentlich noch gerne über den HSV?
Ja, natürlich. Wieso denn nicht?
Seit 25 Jahren hast du kein Heimspiel verpasst, vermutlich gibt es in der Nordkurve nicht mal eine Handvoll Leute, die sich in Gesprächen über den HSV auf Augenhöhe mit dir bewegen.
Nein, das stimmt nicht. Ich bin auch nicht dieser Typ Fan, der alle Fakten seines Vereins runterbeten kann. Ich bin kein Datensammler.
Demnach weißt du nicht mal, wie viele Spiele du bisher besuchst hast.
Nein. Früher, noch vor 1983, habe ich die Eintrittskarten gesammelt und die Torschützen und Ergebnisse drauf gekritzelt. Seit 1983 habe ich eine Dauerkarte, da fällt das weg.
Für die Statistik: Du hast nicht mal UI-Cup-Spiele gegen Mannschaften aus Moldawien oder Mazedonien sausen lassen?
Nein, meine Serie hält seit 1983. Mein erstes Spiel sah ich allerdings schon zwei Jahre zuvor – ein DFB-Pokal-Spiel gegen Eintracht Trier, Eintritt 2,50 Mark. Das Spiel ging 2:1 für den HSV aus. Tore: Hieronymus, Hrubesch, Gegentor Harald Kohr, der später bei Kaiserslautern spielte. Mein Bruder Franko hat mich damals mitgenommen. Der ist sechs Jahre älter als ich und geht demnach schon länger zum HSV, hat aber irgendwann mal ein paar Spiele wegen eines Urlaubs verpasst – mittlerweile sind es in all den Jahren sogar vier oder fünf Spiele, bei denen er nicht im Stadion war. Bedenklich. (lacht)
Erinnerst du dich noch an den Moment, als du vor dem Spiel gegen Trier die Stufen der Westkurve erklommen hattest und in diese riesige Betonschüssel blicktest?
Das war enttäuschend. Jedenfalls hatte ich mir das ganz anders ausgemalt, ich hatte die Bilder aus dem Fernsehen vor Augen, die Bilder der Meisterschaft 1979 im Kopf, auch die Bilder von feiernden Fans bei der WM 1978. Und gegen Trier waren 3000 Zuschauer im Volksparkstadion. Klar, die Größe des Stadions war beeindruckend. Und auch diese Westkurven-Typen mit den langen Haaren, mit den Jeansjacken und den Kutten. Für einen kleinen Butschi, wie ich es damals war, eröffnete sich eine vollkommen neue Welt. Ich kannte bis dahin ja nur den Bolzplatz um die Ecke, wo wir mit selbst bemalten HSV-Meistertrikots über den Acker tobten.
Verspürst du samstags seither so etwas wie einen inneren Zwang?
Nein, jedenfalls ist dieser Zwang nicht negativer Natur. Der Gang ins Stadion ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Und irgendwann wollte ich die Serie natürlich nicht einreißen lassen.
Gab es denn ein Spiel, das du aufgrund äußerer Umstände beinahe verpasst hättest?
Ganz knapp war es gegen Ajax Amsterdam im Europapokal der Pokalsieger 1987. Vorher war ich geschäftlich in Dänemark und hatte die Fähre verpennt. Ich kam erst fünf Minuten vor Ende der Partie ins Stadion. Ein anderes Mal, 1997, spielte der HSV gegen Samsunspor, wo Hrubesch damals Trainer war. Ich kam ziemlich betrunken am Volkspark an, der Ordner schaute mich an und sagte: »Dreh erst mal ein paar Runden ums Stadion, dann sehen wir weiter.« Zur zweiten Halbzeit, als ich ein wenig ausgenüchtert hatte, durfte ich rein. Ganz ehrlich: Das war auch vollkommen okay, denn ich war voll wie ein Eimer.
Und gab es in den 25 Jahren nicht mal diesen Abend nach dem Spiel, an dem du dachtest: »Das war’s. Es reicht mir!«?
Nein, zumindest nicht aufgrund von schlechten Spielen. Dazu würden mich höchstens die Rahmenbedingungen treiben.
Du meinst die Beschallung vor, während und nach dem Spiel?
Ja, zum Beispiel. Einerseits gehe ich mit großer Vorfreude ins Stadion, andererseits könnte ich oftmals kotzen, wenn ich dort ankomme. Diese Lotto-King-Karl-Scheiße vor dem Spiel oder »Right Said Fred« und »Truckstop« in der Halbzeitpause. Und neben mir im schlimmsten Fall noch 40-jährige Familienväter, die den Tränen nahe sind, weil sie ergriffen sind von dem Mist. Nee, das ist nicht meine Welt. Ich versuche daher, stets kurz vor Anpfiff ins Stadion zu kommen, um diesem Kirmes zu entgehen.
Früher war es besser?
Lotto King Karl gab es zumindest noch nicht. Natürlich haben mich auch früher schon Dinge gestört, etwa die rassistischen Rufe von irgendwelchen Neo-Nazis gegen Souleyman Sané. Damals habe ich mich wirklich geschämt, dass es um mich herum solche Leute gab, die im gleichen Stadion stehen und den gleichen Verein anfeuern.
Hast du damals den Mund aufgemacht?
Wir standen im alten Volksparkstadion in Block D oben rechts und der war nazifrei. Wir haben in diesen Jahren viel Zeit damit verbracht, NPD-Aufkleber abzukratzen. Das war keine gute Zeit, man fühlte sich ziemlich oft sehr alleine – viele HSV-Fans sind aus diesem Grund zum FC St. Pauli abgewandert.
Ist es heute anders?
Du hast zumindest oberflächlich das Gefühl, dass solche Idioten nicht mehr im Stadion stehen. Der Verein verbot vor einiger Zeit auch Thor-Steiner-Klamotten, obwohl ich bezweifele, dass überhaupt ein Ordner weiß, was das ist. Trotzdem glaube ich, dass es immer noch viele dieser Arschlöcher gibt, vermutlich sieht man sie aufgrund der Masse nur nicht mehr richtig. Ich glaube jedenfalls kaum, dass das Problem heute nicht mehr existent ist.
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