Das Nuller-Heft

11FREUNDE-Spezial: 00er

Das waren die Nuller Jahre

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
03.12.2011

Peter Endrulat über das 0:12 gegen Gladbach

»Ich hätte rausgehen sollen«

Text: Peter Endrulat (Protokoll: Bastian Henrichs)  Bild: Imago

Heute treffen sich Dortmund und Gladbach zum Spitzenspiel. Schon eimal gab es ein legendäres Duell: Am 29. April 1978 schlug Gladbach den BVB mit 12:0. Torwart Peter Endrulat versucht es zu verhindern – und scheitert dramatisch.

Peter Endrulat über das 0:12 gegen Gladbach - »Ich hätte rausgehen sollen«


Die ganze Saison über hatten wir mitten im Abstiegskampf gesteckt. Mein erstes Spiel als Nummer eins machte ich zwar erst am 29. Spieltag gegen Eintracht Braunschweig, weil der Stammtorhüter Horst Bertram sich verletzt hatte. Danach habe ich aber bis Saisonende jedes Spiel gemacht – so schlecht konnte ich also nicht gewesen sein. Im vorletzten Spiel schafften wir mit mir im Kasten endlich den Klassenerhalt. Deshalb ist es möglich, dass bei dem einen oder anderen im letzten Spiel einfach die Luft raus war. Uns war natürlich klar, dass Gladbach versuchen würde, seine letzte kleine Möglichkeit im Kampf um die Meisterschaft gegen den 1. FC Köln zu nutzen. Aber einen solchen Sturmlauf hatten wir nicht erwartet.



Ich machte mich ganz normal warm. Die Fans waren guter Dinge und bejubelten immer noch unseren Nichtabstieg. Jupp Heynckes erzielte gleich in der ersten Minute das 1:0 für Gladbach – und das Unheil nahm seinen Lauf. Ich weiß gar nicht mehr, wer welches Tor erzielt hat. Ich sah nur Bälle aus acht Metern Entfernung auf mich zufliegen, und die gingen immer flach in die Ecke, so dass ich gar nicht mehr reagieren konnte. Wenn ich mal einen abwehren konnte, hat ihn der nächste Gegenspieler reingemacht. Komisch: Ich habe eigentlich gut gehalten und trotzdem bis zur Pause sechs Tore reingekriegt.

»Jetzt hältst du mal noch ein paar gute Bälle«

Otto Rehhagels Kabinenansprache war kurz. Was sollte er auch groß sagen? Er meinte natürlich, dass wir uns schämen sollten und dass es nicht sein könne, wie wir uns abschießen lassen. Aber er hat nicht groß getobt. Mich fragte er schließlich, ob ich weiterspielen wolle. Da hätte ich sagen müssen, dass ich nicht weitermachen will. Aber ich hatte die Einstellung: »Jetzt hast du sechs Stück bekommen, das werden ja nicht noch mal sechs werden. Jetzt hältst du mal noch ein paar gute Bälle«. Ich wollte ja meinen gerade gewonnenen Stammplatz nicht gleich schon wieder loswerden. Aber das war leider die falsche Entscheidung. Heute weiß ich: Ich hätte rausgehen sollen. Dann hätte Horst Bertram die sechs Dinger bekommen. Davon bin ich überzeugt. Die meisten vergessen, dass ich eigentlich fast alles gehalten habe, was haltbar war. Ich glaube, es war das zehnte Tor, bei dem ich mal eine Flanke unterlaufen habe. Aber das passiert, und beim Stand von 10:0 spielte da auch eine gehörige Portion Frust mit. Irgendwann war ich nur noch mit mir selbst und mit dem Spiel beschäftigt.

Die Schmährufe der Fans habe ich schon gar nicht mehr wahrgenommen. Als der Schiedsrichter dann endlich abpfiff, war ich total konsterniert. Da habe ich mit keinem gesprochen. Ich bin ganz schnell zu meinem Auto gerannt und nach Hause gerast. Ein bisschen erträglicher wurde die Situation nur durch den Umstand, dass Köln trotz des 12:0-Sieges der Gladbacher doch noch Meister geworden ist. Im Nachhinein habe ich mich sehr geärgert, dass ich keine Chance mehr bekommen habe, mich in einem anderen Spiel auszuzeichnen. So eine hohe Niederlage ist für einen Keeper Gift. Ich hatte fest mit einer Vertragsverlängerung gerechnet, aber die Unterschrift wurde immer wieder hinausgezögert. Die Vereinsverantwortlichen wollten wohl gucken, ob sie mich als Nummer eins behalten wollen. Nach dem Spiel habe ich dann keinen Vertrag mehr gekriegt. So schnell ging das. Deswegen bin ich dann zu Tennis Borussia Berlin gewechselt.



Aus Heft #80 07 / 2008

Mailands alte Männer




---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach






Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 26.07.2010 12:04:02 Sawitzki

    So eindrucksvoll und bitter diese Geschichte auch ist, irgendwie kam sie mir gleich bekannt vor. Und siehe da: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,562983 ,00.html ...

  • User
  • 26.07.2010 12:06:14 L3v3l0rd

    Und?
    Im Magazin "11 FREUNDE" erinnert sich der Keeper an das für ihn fatale Borussen-Duell.
    Schlimm?

  • User
  • 26.07.2010 12:38:37 AntiMöller

    Der Spiegel ist aber spät dran, das Interview ist doch Asbach. Naja, ist ja eh zeitlos.

  • User
  • 03.12.2011 19:05:10 plissee

    Trotzdem prima - ein Klassiker!

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Igor de Camargo ist...

super
Belgier
Brasilianer
eine Nasenschwalbe
blöd
clever
groß
klein
mittelgut
Igor de Camargo




Jiri Stajner über Tschechien und Hannover

11Freunde Liveticker

DVD Edition