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10.10.2011

Die Geschichte des Jimmy Greaves

»Ich bin Alkoholiker«

Text: Ulrich von Berg  Bild: Imago

Tottenhams Jimmy Greaves rauchte gern mal eine Kippe in der Halbzeit. Doch das Nikotin war Greaves’ kleinstes Problem. 1979 bekannte sich der Stürmer in einem Buch zu seiner Trunksucht. Wir erinnern an Tottenhams größte Legende.

Die Geschichte des Jimmy Greaves - »Ich bin Alkoholiker«


Ein makabres und für den Protagonisten entwürdigendes Schauspiel war es, das sich in der Bungalowsiedlung am Stadtrand Londons den Nachbarn an einem kalten Sonntagmorgen im Winter 1977 bot.



Einen solchen Akt der Selbsterniedrigung hatten sie noch nicht erlebt. Der Mann, von dem sie mit Sicherheit wussten, dass er einmal zu den berühmtesten Fußballstars des Landes gezählt hatte, kam in einem schmierigen Bademantel aus dem Haus getorkelt und kippte den Inhalt mehrerer Mülltonnen auf die Straße. Dann sank er auf die Knie und kroch in dem Unrat herum. Er schien etwas zu suchen, und bei dieser Suche verfiel er in immer größere Panik. Jimmy Greaves war offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne. Als er die erste leere Wodkaflasche entdeckt hatte, setzte er sie an den Mund und versuchte gierig, ein paar übriggebliebene Tropfen herauszulutschen. Aber die Pulle war genauso leer wie die übrigen, die er noch fand. Seine Frau Irene hatte bei ihrer Vernichtungsaktion ganze Arbeit geleistet, hatte, bevor sie endgültig die Koffer gepackt und abgehauen war, den gesamten, raffiniert überall im Haus versteckten Alkoholvorrat ihres Gatten in den Ausguss geschüttet und die Flaschen entsorgt. Zu diesem Zeitpunkt war der natürlich in irgendeinem Pub gewesen, denn sonst wäre es im Hause Greaves womöglich zu Mord und Totschlag gekommen. Als Jimmy nun realisierte, dass er zur Befriedigung seiner Sucht noch so lange warten musste, bis die Kneipen öffneten, stimmte er ein Klagegeheul an, das an einen angeschossenen Wolf erinnerte.

»I am a professional footballer. And I am an ALCOHOLIC.«

Eine solche Szene, mit der Greaves schon auf Seite 2 seiner Autobiografie aufwartet, vermutete man damals in einem der großen Säuferromane von Charles Jackson, Robert Stone oder Hans Fallada, aber nicht unbedingt in der Lebensbeichte eines Fußballers. Das war starker Tobak, auch wenn der Untertitel unmissverständlich klar machte, um was es auf den 160 Seiten außer Fußball vorrangig gehen würde: »My name is Jimmy Greaves. I am a professional footballer. And I am an ALCOHOLIC.« Selbstredend wusste man damals schon, dass im abendländischen Kulturkreis Fußball und Saufen eine symbiotische Einheit bilden. Und man wusste auch, dass sich besonders in Großbritannien zahlreiche bekannte Ex-Spieler um den Verstand gezecht hatten, aber dass auch Jimmy Greaves so schlimm an der Flasche hing, das war neu. Zum einen, weil er es lange Zeit erstaunlich gut verstanden hatte, seine Sucht vor der Öffentlichkeit zu verbergen, zum anderen, weil die Boulevardmedien damals noch nicht ganz so schamlos wie heute im Privatleben von Prominenten herumwühlten.

Wie gesagt, Greaves war keineswegs der erste britische Ex-Fußballstar, der durch den Alkohol zugrunde zu gehen drohte. Der Schotte Hughie Gallacher etwa, einer der sagenumwobenen Goalgetter der 20er und 30er Jahre, stürzte sich 1957, vom Fusel zerstört, vor einen Zug. Doch Greaves war der Erste, der sich mit einem Buch öffentlich als Alkoholiker outete, und zwar zu einem Zeitpunkt, als dies noch mit dem Risiko behaftet war, dadurch den letzten Rest gesellschaftlicher Akzeptanz zu verlieren. Auf der Insel galt Alkoholismus länger als anderswo als Charakterdefizit und nicht als Krankheit.


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