Horst Ehrmantraut im Interview
»Ich war quasi ein Niemand«
Text: Stefan Schneider Bild: Imago
Horst Ehrmantraut hat nur einen Titel gewonnen: Knorrigster Bundesligatrainer aller Zeiten. Den Grundstein für diesen Erfolg legte er in Frankfurt. Hier erinnert er sich an Ansgar Brinkmann, Meppen und seinen geliebten Gartenstuhl.
Herr Ehrmantraut, was machen Sie derzeit?
Ich entspanne und erhole mich.
Von Ihrem Engagement in Saarbrücken?
Nein, das ist ja schon länger her. Es gab ein paar Angebote, auch aus dem Ausland, die haben aber alle nicht so gepasst. Ich mache jetzt nur noch das, was mich, ich sage mal, anspringt.
In der Eintracht-Mannschaft von 1996/97, die Sie trainierten, spielten Jan Åge Fjørtoft, Ansgar Brinkmann und Bernd Schneider. Was hat diese Mannschaft ausgezeichnet?
Das war eine Mannschaft, die wir bewusst so zusammengestellt hatten, weil die Eintracht mit einem sehr engen finanziellen Budget arbeiten musste. Deshalb hatten wir ein Konzept entwickelt, relativ günstige Spieler zu verpflichten. Spieler wie Ansgar Brinkamnn, Thomas Epp, Alexander Kutschera und Bernd Schneider, der damals aus Jena kam. Eine zusammen gewürfelte Mannschaft, könnte man fast sagen, von Spielern, die sich woanders nicht etabliert hatten. Es war viel Risiko dabei, aber im Endeffekt hatte sich das Konzept ausgezahlt, da diese Spieler ihre Chance genutzt haben, sich noch mal in den Vordergrund zu spielen und sich toll engagiert haben. Das war unser Glücksmoment.
Konnte man erkennen, welches Potenzial in Bernd Schneider steckte?
Ja, ja! Beim Bernd auf jeden Fall. Das war von Anfang an abzusehen. Ich hatte mich damals stark engagiert, den Bernd zu bekommen, und Dank der guten Beziehungen des Präsidenten haben wir ihn dann auch gekriegt. Aber auch so ein Kutschera, der war bei München nicht mehr zum Zuge gekommen. Ansgar Brinkmann war vereinslos. Bei Thomas Epp lief auch fast nichts mehr. Wir hatten wirklich viele Spieler, die bei anderen Vereinen keine Rolle mehr gespielt hatten. Das war eine Konstellation, die man heute nur noch selten im Fußball findet, dass sich Spieler nochmals so ins Rampenlicht spielen können. Ein Ansgar Brinkmann, dass weiß ich noch wie heute, der war auf dem Weg zum Probetraining nach Zwickau, dass müssen sie sich mal überlegen! Ich kannte ihn von früher und hatte eine gute Meinung von ihm. Und als ich davon hörte, sagte ich ihm, er solle sofort umkehren und zu uns kommen. Nachdem er ein-, zweimal mittrainiert hatte, wurde dann verhandelt – und weil die Eintracht ein Verein mit einem großen Renommee ist, wollte er auch gerne zu uns. Ansgar hat sich ziemlich positiv entwickelt als Typ und als Spieler.
Dabei hatte er den Ruf, nicht ganz unkompliziert zu sein.
Der ist auch nicht ganz einfach, glauben sie mir! Aber da muss man als Trainer schon das notwendige Fingerspitzengefühl aufbringen. Um den Spieler in die richtigen Bahnen zu lenken und ins Team einzubinden. Ansgar, aber auch Kutschera und Epp, das war damals eine außerordentlich günstige Zusammensetzung.
Die Eintracht wird gern als die „Diva vom Main“ bezeichnet. Welchen Einfluss haben die Medien und die ehemaligen Spieler auf die Entscheidungen der Vereinsführung?
Frankfurt ist die Bankenmetropole in Deutschland, und dementsprechend viele Menschen sind auch im Bankwesen beschäftigt. Ich drück das mal so aus: Frankfurt ist eine »Denkerstadt«, also eine Kopfstadt. Also das genaue Gegenteil zu so Städten wie Bochum oder Duisburg, solchen Arbeiterstädten.
Ein schwieriges Milieu für Sie.
Ja, ich bin ja genau den konträren Weg gegangen. Ich sage immer: „Bankerstadt und Denkerstadt“. Die Erwartungshaltung war schnell unheimlich groß. Und da kommt der Ehrmantraut aus Meppen und will der Bankerstadt Frankfurt was beweisen. Das hätte ja keiner gedacht, dass wir so einen Erfolg haben werden. Und dazu passte auch die Entscheidung, mich während der Spiele auf einen Gartenstuhl zu setzen, das war ja alles bewusst gewählt, um den Spielern zu zeigen: Ich bin für euch da! Aber auch um den Leuten zu zeigen: Es kommt nicht darauf an, ob ein Stuhl 50 Millionen kostet oder 1,90! Im Endeffekt ist das, was auf dem Rasen passiert, wie der Erfolg zu Stande kommt, das Wichtige! Dass es nicht wichtig ist, wie viel Geld da ist, das wollte ich den Leuten beweisen. So was kannst Du aber nur einmal im Leben machen – und gerade weil da eine so gute Konstellation mit der Mannschaft war, war das möglich.
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