Traumduell unter staatlicher Beobachtung (2)
Geyer heulte Rotz und Wasser
Text: Torsten Preuß Bild: Imago

Als in der Nacht nach dem Hinspiel die Delegation der „Sportgemeinschaft Dynamo Dresden“ wieder vollzählig in Ostberlin landete, standen die Wetten für das Rückspiel vielerorts gegen die Bayern. Ganz Fußball-Dresden wusste nach der knappen 3:4-Niederlage: „Zu Hause reicht uns schon ein 1:0. Dann sind wir weiter.“ Damals war die Frage in Dresden also nicht: „Wer gewinnt das Traumduell?“, sondern „Wie kann ich dabei sein?“ - als einer von 35.000 glücklichen Augenzeugen im Rudolf-Harbig-Stadion. 100.000 Karten hätte man verkaufen können, so viele träumten damals in Dresden und Umgebung davon, bei dem Sieg des Besten aus dem Osten über den Besten aus dem Westen dabei zu sein.
Der größte Teil der Eintrittskarten wurde in Dresden über die Betriebe verteilt, und einer der Ersten, der eine Karte ergattern konnte, war Karsten O., ein Bohrer im VEB Kupplungs– und Triebwerksausbau. Doch die Freude ward nicht lang.
„Müller, nimm mich mit in den Westen!“
Einer der vielen Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit meldete bald: ‚Danach äußerte er, dass er am 07.11.1973 dem BRD Spieler Müller zurufen will: „Müller, nimm mich mit in den Westen!“ Zu diesem Zweck will er seine Karte mit seinem Freund tauschen, der einen Sitzplatz auf der 3. Reihe hat, um nahe am Spielfeldrand zu sein.’ Karsten O. wurde nicht nur die Karte entzogen. ‚Zusätzlich wurden durch die Volkspolizei Maßnahmen eingeleitet, ihn am Spieltag vom Spiel fernzuhalten.’ Welche Maßnahmen das sein konnten, steht im Bericht über Peter H., ein gerade erst ‚Amnestierter’, über den gemeldet wurde, dass er ‚bei der Bezirksstaatsanwaltschaft Dresden Abt.21 vorgesprochen hat. Er teilte mit, dass er im Besitz einer Eintrittskarte für das Fußballspiel sei und fragte, ob es für ihn strafbar sei, wenn er die Fahne der BRD schwenken würde. Er stehe fest hinter der Mannschaft von Bayern München. Die weitere Bearbeitung erfolgte durch die Kreisdienststelle des MfS Dresden – Stadt.’ Ein Mitarbeiter der Stasi schlug vor, ‚Peter H. am Nachmittag des 7.11. in die Untersuchungsabteilung der BV Dresden zu bestellen, zwecks Aushändigung restlicher Sachen.’
Negative Ereignisse im Zusammenhang mit der Begegnung Dynamo Dresden gegen Bayern München sollten im eigenen Land mit aller Macht verhindert werden. Ganz wie es Erich Mielke in der spielbegleitenden „Aktion Vorstoß“ gefordert hatte. Ein Befehl, dem seine Mitarbeiter in Dresden schon seit dem Hinspiel eifrig nachgekommen waren: ‚Während der Fernsehübertragung des Fußballspiels aus München bei einem Gemeinschaftsempfang von 60 Lehrlingen und einiger Erzieher im Lehrlingswohnheim der Berufsschule Lockwitz, brachten 6 Lehrlinge offen ihre Sympathie für die BRD-Mannschaft zum Ausdruck. Trotzdem bekamen 3 von ihnen durch den Betrieb Karten für das Rückspiel am 07.11.1973. In Gesprächen unter Mitwirkung des MfS zeigte sich danach, dass es sich bei der Begeisterung der Personen um keine spontane Reaktion handelte, sondern sich bei diesen Jugendlichen bereits seit längerem eine zustimmende Haltung zum kapitalistischen Profifußball herausgebildet hat.’
Es blieben noch 11 Tage bis zum Spiel, als am Morgen des 27. Oktobers der öffentliche Vorverkauf der 8000 Restkarten für den „deutsch-deutschen Fußballgipfel“ in Dresden begann. Am Abend davor sah es in der Stadt so aus: ‚Bereits in den frühen Abendstunden des 26.10.1973 begannen sich an den 5 Vorverkaufsstellen Menschen anzusammeln, die auf die Öffnung warteten. Dieser Personenkreis, der in den Abend und Nachtstunden anwuchs, erreichte gegen 24 Uhr den Umfang von 1000 Personen, bei Dresden Information Prager Straße, 600 bei HO-Sportartikel Pirnascher Platz, je 300 bei Modehelfer Schäferstraße und Haushaltwaren Bodenbacher Straße. Die vorwiegend jugendlichen Personen richteten sich auf eine Übernachtung ein und nahmen zum Teil reichlich Alkohol zu sich. Durch die Verwendung von verschiedensten Sitz- und Liegemöglichkeiten entstand ein unwürdiges Bild. In den frühen Morgenstunden wuchs die Zahl der Wartenden so an, dass nur durch den Einsatz zusätzlicher Sicherungskräfte die Aufrechterhaltung der Disziplin möglich war. Gegen 02.00 Uhr wurden Sportfunktionäre und Angehörige der Sicherungskräfte eingesetzt, um durch Agitation ein weiteres Anwachsen dieser Personen zu verhindern, was sich in der Folgezeit bewährte. Gegen 10 Uhr war der Vorverkauf beendet.’ Für einen Sitzplatz auf der Ost-Tribüne, der teuersten Preiskategorie, bezahlte man damals 8,10 Mark. Auf dem Schwarzmarkt waren diese Karten bald 250 Mark wert, doch die Möglichkeit, Beckenbauer, Hoeneß und Müller einmal mit eigenen Augen zu sehen, war unverkäuflich.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayern München, Dynamo Dresden






