Als Uli Stein den Lehmann machte
»Du hast kein Ventil für Frust«
Text: Uli Stein Bild: Imago
Jens Lehmann ist wegen einer Tätlichkeit vom Platz geflogen. Nicht sein einziger Ausraster. Was geht in einem solchen Mann vor? Uli Stein glaubt, dass es an der Einsamkeit des Keepers liegt. 1987 streckte er Bayerns Jürgen Wegmann nieder.
Ich weiß noch: Das Spiel war bedeutungslos. Ein 1:2, das wohl alle vergessen hätten - wäre da nicht mein Fauxpas gewesen. Was ich noch weiß, ist, dass Jürgen Wegmann kurz vor Schluss den Ball über die Linie gedrückt hat. Wir saßen einander gegenüber, er wollte wohl zum Jubeln aufstehen. Und dann der Blackout: Ich habe ihm einen Faustschlag verpasst (mitten ins Gesicht; die Red.). Aber ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern, es ist wie ein Filmriss. Obwohl ich es mir ein paar Mal im Fernsehen angeschaut habe, kann ich mir bis heute nicht erklären, warum ich das getan habe. Jedenfalls hatte ich keinen Hass auf Wegmann, und provoziert hat er mich auch nicht. Da hätte in dem Moment wahrscheinlich jeder sitzen können. Es war der Tiefpunkt einer unerfreulichen Zeit.

Schon die Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko war verkorkst. Es gab ja dieses Duell zwischen Toni Schumacher und mir um den Platz im Tor. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich als stärker empfunden - und nicht nur ich: Vor dem ersten Spiel hat selbst Franz Beckenbauer (damals DFB-Teamchef; die Red.) zu mir gesagt, ich sei der Bessere. Gespielt habe ich trotzdem nicht - aus welchen Gründen auch immer. Dann dachte ich natürlich: »Warum soll ich noch hier bleiben?« Aber dass ich meinen Rausschmiss provoziert habe, das stimmt nicht. Übrigens hat nicht Beckenbauer mich nach Hause geschickt, sondern Hermann Neuberger, der damalige DFB-Präsident (angeblich hatte Stein Beckenbauer als »Suppenkasper« bezeichnet; die Red.). In Deutschland war ich endgültig als Querulant abgestempelt. Trotzdem hat Beckenbauer 1990 noch mal angefragt - er wollte mich als Nummer 1 für die WM in Italien. Aber Neuberger sagte: »Nee, der spielt nie wieder für Deutschland!« Sicher, einige Dinge hätte ich eleganter lösen können. Und ich habe mich manchmal in der Wahl der Mittel vertan. Aber im Kern halte ich die Dinge, die ich gesagt und getan habe, noch immer für richtig.
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