Die Geschichte der Fußballfans

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Uli Sude im Interview

„Doc, gib mir Drogen!“

Interview: Maximilian Hendel  Bild: Imago

„Doc, gib mir Drogen!“

Herr Sude, was zeichnet einen sehr guten Torhüter aus?

Ich bin ein Freund von Torhütern, die ein Spiel lesen können. Das ist heute gefragter denn je. Torhüter müssen wie Tiger auf Beutesuche sein. Das heißt antizipieren: Wann muss er springen? Wann muss er sich heranschleichen?



Welches „Raubtier“ fällt Ihnen darauf spontan ein?

Jörg Stiel! Der besaß für all das die Erfahrung, den richtigen Riecher, und konnte als Libero die Bälle abfangen. Aber ihm kam auch Hans Meyers System, den Gegner weit vom Tor fernzuhalten, zu gute. Wenn ein Trainer die Philosophie hat, sich in die Räume zurückfallen zu lassen und hinten zu stehen, kann der Torwart natürlich nicht am 16er herumgeistern.

Wem eiferten Sie nach?


Der Wolfgang Kleff hatte die Stärke, Stürmer und ihre Vorhaben zu beobachten, Dinge vorherzusehen. Er war für mich einfach ein Mann, der damals schon der voraus denkende Torwart war, der sehr viel spekuliert und Spiele gelesen hat. Das vermittelte er uns Torleuten. Es gab damals in dem Sinne ja keinen Torwarttrainer, sondern du hast dir das einfach abgeschaut. Sei es das Dirigieren, die Kommunikation mit den Defensivspielern – ein ständiger Dialog, der viele Situationen schon im Vorfeld bereinigte.

Sie begannen erst mit 12 Jahren, in einem Fußballverein zu spielen. Das ist ein ungewöhnlich später Zeitpunkt.

Sie müssen die geografische Situation vor Augen haben. In der kleinen Gemeinde Goldhausen (in Nordhessen, Anm. d. Red.), wo ich wohnte, gab es selbst keinen Fußballverein. Wenn man die Hühner mitzählt, waren wir 300 Seelen im Dorf. Mein Vater hatte einen kleinen Hof samt Scheune, und wir verbrachten jede freie Minute, um an das Scheunentor zu ballern oder den Ball hochzuhalten.

Wie verschlug es Sie dann eines Tages, fern der Hühner und des elterlichen Hofes, zu Ihrer ersten Mannschaft?

Ich werde nie vergessen, wie mein Kumpel mir sagte: „Mensch, lass uns mal nach Immighausen fahren und bei einem Spiel zuschauen. Ich gehe da zur Schule und habe ein paar Kumpels, die dort spielen.“ Also machten wir eine Radtour. Zur Halbzeit lagen die 0:4 zurück, wir beide hatten uns in der Halbzeit schnell ne Turnhose angezogen, und einfach mitgespielt. Nach einem Spielerpass oder dergleichen fragte da keiner. Wir gewannen noch 13:4. Nach dem Spiel war Immighausen natürlich heiß auf uns. Von da an spielten wir mit - auch mit Pass (lacht). Wir sind dann jedes Mal 13km hin und zurück mit dem Fahrrad gefahren, um am Training oder Spiel teilnehmen zu können.

Warum wechselten Sie wenig später vom Feld ins Tor?


Wie bei vielen anderen Beispielen eher durch Zufall. Ein Freund von mir brach sich die Hand. Dann bin ich rein gegangen und auch nicht mehr raus gekommen, weil ich Spaß daran hatte.

Zu welchem Zeitpunkt stellte sich heraus, dass in Ihnen mehr als der Held von Immighausen stecken könnte?


Irgendwann spielte ich in Korbach und fand meine persönliche Goldgrube, denn ein Mann sprach mich an, Sindo Bengeochea, ein Spanier. Er spielte früher selbst in San Sebastian und kam nach Deutschland, um zu arbeiten. Der hatte das komplette Torwartrepertoire drauf. Diesem Mann habe ich sehr, sehr viel zu verdanken. Er sagte: „Pass mal auf, Junge. Ich hab’ dich beobachtet. Da müssen wir noch was mit deinem Gewicht machen, und an deiner Sprungkraft, deiner Technik arbeiten. Aber ansonsten hast du ein Talent für gewisse Dinge.“ Er nahm sich dann über drei Jahre unentgeltlich meiner an. Ob nach dem Training, vor dem Training, immer in der Sandgrube, da die Plätze gesperrt waren. Diese Freundschaft hält heute noch.

1976 ging es dann mit dem Fahrrad weiter nach Mönchengladbach?

(lacht) Nein, aber ich habe mein Glück in beide Hände genommen, wollte mich einfach mit den Profis messen und ging nach Gladbach: „Hallo, hier ist der Uli Sude, ich will mich mal vorstellen.“ Und alle gucken dich an. Udo Lattek sagte nur: „Na gut, kommt, Jungs, dann schießt mal ein paar Bälle drauf.“ Daraus wurde eine Stunde. Danach lag ich halb im Koma, aber wäre lieber tot umgefallen, als aus dem Tor zu gehen.




Ergänzung zu Heft #72 11 / 2007


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