Die Geschichte der Fußballfans

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Traumduell unter staatlicher Beobachtung (1)

Dresdner spielten wie Ackergäule

Text: Torsten Preuß  Bild: Imago

Dresdner spielten wie Ackergäule

Als ostdeutscher Fußballmeister träumte man bei Dynamo Dresden lange von einem Aufeinandertreffen mit dem westdeutschen Meister Bayern München. Fußball war in Dresden schon immer die wichtigste Nebensache der Welt gewesen, und in Zeiten des Europapokals einer der wenigen konkreten Schnittpunkte, die sich den Ostdeutschen mit dem Westen noch boten.

Am Ufer der Elbe riefen die Fans: „Ob es regnet oder schneit zu ‚DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!‘ ist es nie zu weit.“ Das galt natürlich nur, wenn die beste Elf des Ostens nicht gerade im Westen antreten musste. Denn die Spiele die dort stattfanden, konnten die Menschen in Dresden lediglich am Fernseher verfolgen. So auch die Auslosung des Europapokals, als am 5. Oktober 1973, in einem Saal des noblen „Grand Hotel“ von Zürich, vor laufenden Fernsehkameras eine Hand elegant in den gläsernen Pokal griff, um die Begegnungen der zweiten Runde zu losen. Dynamo Dresden konnte in der ersten Runde mit Juventus Turin bereits eines der stärksten Teams ausschalten, Bayern München setzte sich souverän gegen den schwedischen Meister Atvidaberg FF durch und war nun selbst größter Schrecken der Verbliebenen. Außer natürlich für Dresden. Hier träumte man weiter von einer Partie gegen die Mannschaft von Udo Lattek. Es wäre das größte, einmal gegen die Bayern zu spielen. Größer noch als gegen Turin, Glasgow oder Madrid. Denn wenn die Besten im Osten gegen die Besten aus dem Westen gewinnen sollten, wären sie schließlich der wahre deutsche Meister.



Bisher hatte der Fußballgott immer etwas gegen diese Begegnung gehabt. Erst an diesem Mittag des 5. Oktober 1973, im noblen Saal des „Grand Hotel“ von Zürich, als die Hand so elegant den nächsten Gegner von Bayern München aus dem gläsernen Pokal zog, war es soweit: „Dynamo Dresden.“ Das Traumlos für das Traumduell, endlich spielte Dynamo Dresden gegen den FC Bayern München, endlich. In Dresden wurde über nichts anderes mehr geredet. Auf der Straße, in den Betrieben, den Kneipen, den Familien und natürlich bei Dynamo selbst.

„Hallo Dresden!“

Eine Stunde nach nach der Auslosung klingelte bei Heinz Maier das Telefon. Trotz der völlig veralteten und oft kaputten Leitungen, hatte es Rolf Grother von der Münchner Abendzeitung geschafft, den Vizepräsident von Dynamo Dresden zu erreichen: „Hallo Dresden! Herzlichen Glückwunsch zum ersten echten Kräftevergleich der beiden deutschen Meister.“ Maier entgegnete fragend: „Warum soll im Fußball nicht geschehen, was in anderen Sportarten längst üblich ist?“ Grother: „Was weiß man denn in Dresden von Bayern München?“ „Wir kennen sie alle. Von Beckenbauer bis Maier. Ein Gegner, der Respekt verdient, aber wir gehen vor den Bayern nicht in Ehrfurcht auf die Knie.“ Dann wird es politischer, als der Westdeutsche den Ostdeutschen fragt: „Erwarten sie einen Prestigekampf der beiden deutschen Meister?“ Maier diplomatisch: „Wir sehen die Begegnung mit Bayern München vom rein sportlichen Standpunkt aus.“ „Freut man sich in Dresden auf das Duell gegen Bayern?“ „Wir wollen im Europapokal weiterkommen.“ Dann Grothers letzte Frage: „Betrachten Sie es als Vorteil, dass Sie zuerst nach München müssen?“ Maier: „In gewissem Sinne schon, denn die endgültige Entscheidung, wer weiterkommt, fällt erst in unserem 35.000 Mann Stadion in Dresden. Dieser Platz heißt nicht umsonst ‚der Hexenkessel der DDR’.“

Für das Ministerium für Staatssicherheit war das Spiel gegen Bayern wahrlich kein Traum, vielmehr ein Alptraum. Gegen „Mannschaften des kapitalistischen Auslands“ zu spielen, bedeutete in der Dresdner Zentrale immer höchste Alarmbereitschaft. Ungefähr zu gleicher Zeit, als das deutsch-deutsche Interview geführt wurde, erhielt auch Erich Mielke in der Zentrale für Staatssicherheit einen Anruf. Und wenn er es nicht schon gewusst hatte, wusste er es jetzt: ausgerechnet gegen den Meister der Bundesrepublik.

Kein Rückspiel im Leipziger Zentralstadion

Etwas Schlimmeres konnte nicht passieren. Von nun an war jeder Schritt genau zu überlegen - möglichst schneller als der „Klassenfeind“. Also startete noch am gleichen Tag die „Aktion Vorstoß“ zur Verhinderung jeder „negativen Vorkommnisse im Zusammenhang mit den beiden Spielen“. Überlegungen, das Rückspiel in das 100.000 Menschen fassende Zentralstadion in Leipzig zu verlegen, wurden aber schnell verworfen. Das Rückspiel sollte in Dresden stattfinden, so wie das Hinspiel in München. Am 24. Oktober 1973 um 20 Uhr. Bis dahin waren es noch 19 Tage.


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