Bettina Wiegmann über die WM 2003
„An den Titel hatte keine gedacht“
Text: Bettina Wiegmann Bild: Imago

Ende Juni begann bereits die Vorbereitung auf das Turnier. Bis zum Start im September haben wir immer neun bis zehn Tage am Stück trainiert, hatten vier Tage frei und kamen dann wieder zusammen. Wir hielten an unserem seit Jahren praktizierten System, Ballgewinn im Mittelfeld und schnellem Umschalten auf Angriff, fest. In jeder Einheit merkte man, dass die taktische Marschroute mehr und mehr verinnerlicht wurde.
Drei Monate Vorarbeit hören sich zwar nach übertrieben hohem Aufwand an, aber ich weiß, dass sich die Amerikanerinnen mindestens ein halbes Jahr akribisch auf dieses Turnier vorbereitet haben. Wir konnten also nicht davon ausgehen, dass wir konditionell besser gerüstet waren.
Allerdings war zu diesem Zeitpunkt das primäre Ziel, sich für Olympia zu qualifizieren. An einen Sieg über die USA und den WM-Titel hatte keine gedacht.
Die Gruppenphase
Deutschland – Kanada 4:1 (1:1)
Deutschland – Japan 3:0 (2:0)
Deutschland – Argentinien 6:1 (4:0)
Das Turnier begann schlecht. Wir waren keine fünf Minuten auf dem Feld, und schon lagen wir 0:1 gegen Kanada zurück. Das war natürlich ein Schock. Nun mussten wir uns ins Spiel und ins Turnier hinein kämpfen. Das Elfmetertor zum 1:1 kurz vor der Halbzeit war dementsprechend wichtig, denn so gingen wir mit einem psychologischen Vorteil in die Pause. Und konnten anschließend endlich das Umsetzen, was wir uns von Anfang an vorgenommen hatten. Am Ende stand es 4:1, und das immens wichtige Auftaktspiel war gewonnen.
Im nächsten Spiel warteten die Japanerinnen auf uns, die eigentlich unangenehm zu spielen sind: Sie sind immer quirlig, schnell und deshalb gefährlich. Doch die Mannschaft hatte sie gut im Griff, wir lagen schon zur Pause 2:0 in Front und gewannen am Ende recht souverän mit 3:0.
In der letzten Begegnung der Gruppe, gegen Neuling Argentinien, hatten wir natürlich alle Trümpfe in der Hand. Schließlich waren sie bereits ausgeschieden und hatten bis dato kein Tor erzielt. Das 6:1 gab uns, wie die gesamte Gruppenphase, viel Rückenwind für das Viertelfinale. Neun Punkte, 13 Tore – jetzt konnten die großen Gegnerinnen kommen.
Viertelfinale
Deutschland – Russland 7:1 (1:0)
Das Ergebnis war lange nicht vorauszusehen. Wir hatten uns zwar zunächst viele Chancen erarbeitet, nutzten diese aber nicht und konnten uns bis zur Pause nicht entscheidend absetzen. In der zweiten Hälfte lief es dann wie am Schnürchen: Uns gelang einfach alles, und wir schossen Tor um Tor. Während sich die Russinnen ihrem Schicksal fügten, spielten wir uns in einen Rausch. Wir waren ein Team, das, wenn es ins Rollen kam, dem Gegner viele Dinger einschenken konnte. Das hatten wir mit diesem Spiel abermals unter Beweis gestellt.
Wichtiger als das Ergebnis war jedoch, dass wir uns für Olympia qualifiziert hatten. Wir konnten nun von Spiel zu Spiel denken. Alles war wir noch erreichen sollten, wurde zur Zugabe.
Ergänzung zu Heft #71 10 / 2007





