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25.05.2011

Als Maradona fast nach Brandenburg kam

Das Tor, das nicht fallen durfte

Text: Lennart Laberenz  Bild: Mareike Foecking

Im Spiel zwischen Brandenburg und Leipzig steht es 2:2. Bleibt es dabei, ist Lok Meister und Stahl als Vierter der Tabelle für den UEFA-Pokal qualifiziert. Dann aber trifft Brandenburg zum 3:2 – und besiegelt sein Schicksal.

Als Maradona fast nach Brandenburg kam - Das Tor, das nicht fallen durfte


»Natürlich wollten wir das Spiel gewinnen.« Falk Zschiedrich sitzt auf einem ausladenden, grüngemusterten Ecksofa in einem Passauer Einfamilienhaus. Außen leuchtet das Haus frisch und gelb, mit einem hölzernen Balkon, drinnen ist noch kaum ein Kratzer auf dem Furnier. Vor fünf Jahren bauten die Zschiedrichs, das Wohnzimmer ist spärlich möbliert und wirkt noch neu. Falk Zschiedrich ist ein schmaler, fast möchte man sagen, zarter Mann. Er versinkt ein wenig im Fauteuille. Das Spiel, das auch Zschiedrich gewinnen wollte, war das vorletzte Heimspiel der DDR-Oberliga 1987/88.



Am Morgen feiert Erich Honecker in der sowjetischen »Prawda« die »Großtaten im Namen der Zukunft« – es ist der 43.Jahrestag des Sieges der Alliierten über Hitlers Deutschland. Weiter westlich bestreitet Björn Engholm den letzten Tag der schleswig-holsteinischen Landtagswahlen. Und auf den Rängen des kleinen Stadions an der Quenzbrücke peitschen 15000 Zuschauer ihre BSG Stahl nach vorn. Es läuft die Nachspielzeit gegen den Tabellenführer Lok Leipzig. Jeske führt den Ball im Rücken der Abwehr, aber Schiedsrichter Kirschen pfeift den Vorteil ab. Voß und Kapitän Ringk stehen zum Freistoß bereit. Der Ball liegt zentral, etwa 20 Meter vor dem Tor von Lok.

Die 28. Saison war »eine der spannendsten, dramatischsten Meisterschaften seit der Oberliga-Etablierung«, wie nach dem letzten Spieltag der Kommentar der »Märkischen Volksstimme« bemerken sollte. Über das Spiel gegen den Favoriten und Meisterschaftsanwärter 1.FC Lok Leipzig im »Stadion der Stahlwerker« schrieben die »Brandenburger Neueste Nachrichten«: »Es war ein packendes, über weite Strecken gutklassiges Oberligaspiel.« Zweimal haben die Brandenburger geführt, zweimal holt die spielerisch überlegene Lok auf. Vor allem der junge Bernd Hobsch drängt immer wieder nach vorn. Lok steht im Moment vor dem verhassten Erich-Mielke-Verein BFC Dynamo Berlin an der Spitze der Tabelle. An dritter Stelle hat Dynamo Dresden bereits zu viele Punkte Rückstand um noch ins Meisterschaftsrennen einzugreifen. An vierter Stelle rangiert die Betriebssportgemeinschaft des Brandenburger Stahlwerkes. Die Konstellation ist tückisch, im Heimspiel gegen Lok steht viel auf dem Spiel: Wenn Lok in Brandenburg gewänne, wären sie der Meisterschaft sehr nahe, am Pokalsieg von BFC Dynamo gegen den erheblich schwächeren FC Carl Zeiss Jena zweifelt niemand. Lok würde im Europapokal der Landesmeister, der Tabellenzweite BFC im Pokal der Pokalsieger antreten. Damit hätte die Liga einen lachenden Verlierer, Stahl würde sich hinter Dynamo Dresden als Vierter der Tabelle für Europa qualifizieren.

»Eigentlich wollten wir das Spiel nicht gewinnen«


Zwei Jahre zuvor hatten sich die Brandenburger schon einmal überraschend für den UEFA-Cup qualifiziert. Mit einem besseren Torverhältnis waren sie Tabellenfünfter geworden und profitierten von drei Europacup-Plätzen, die die DDR damals noch zugeteilt bekam. In der ersten Runde gewannen sie gegen den irischen FC Coleraine, bevor gegen IFK Göteborg das Aus kam. Die Spiele in Brandenburg sind unvergessen, die Mannschaft blieb größtenteils zusammen. Falk Zschiedrich spielt zu dem Zeitpunkt noch bei Stahl Riesa, dem sächsischen Oberligaklub des Stahlkombinats. In der Winterpause 1987/88 wechselt er nach Brandenburg. Das Spiel gegen Lok Leipzig verfolgt er zunächst von der Bank, in der 82.Minute wechselt ihn Trainer Peter Kohl ein. Falk Zschiedrich ist noch frisch.

Der Kapitän wird schießen. Christoph Ringk läuft an und schlenzt den Ball über die Mauer. Zwischen den Pfosten steht der ehemalige DDR-Fußballer des Jahres, René Müller. Er hütet auch das Tor der DDR-Auswahl. Der Schuss dreht sich über die Mauer, Müller streckt sich und klatscht den Ball zur Seite. Falk Zschiedrich ist dem Verteidiger entwischt und läuft dem Ball in Richtung der rechten Eckfahne nach.

Falk Zschiedrich arbeitet heute als Briefträger in Passau. »Nicht der Traumjob, aber da bin ich am frühen Nachmittag wieder zu Hause.« Noch immer ist er drahtig, mit schmalen Schultern und scharf gezogenen Gesichtszügen. Die ehemals blonden Strähnen, die auf älteren Bildern auch mal zur Kunstlocke gerollt waren, sind stiftgrade nach oben geföhnt und dunkelgrau. Noch immer trägt er den einst so beliebten Oberlippenbart, nur raspelkurz – so als hätte er sich von einem alten Freund, der einem zwar etwas unangenehm geworden ist, noch nicht so richtig lösen wollen. Zschiedrich sitzt auf seiner Sofaecke und der Besucher hat das Gefühl, dass alles auch ganz anders hätte verlaufen können. »Nein«, sagt er plötzlich, »eigentlich wollten wir das Spiel nicht gewinnen.«

Zschiedrich, mittlerweile 45 Jahre alt, hat das DDR-Aufbau- und Auswahl-System durchlaufen. Er wurde in Radeberg geboren, »da wo das Bier herkommt«, beeilt er sich zu sagen, wahrscheinlich wird in Niederbayern die Deutschlandkarte noch nach Biersorten geordnet. Er spricht mit weichem sächsischen Klang, unter die sich nur vereinzelt die rauen, abgehackten Worte seiner niederbayrischen Wahlheimat mischen.



Aus Heft #68 07 / 2007


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Kommentare

  • User
  • 31.08.2009 03:38:22 Statistikfreund

    Es ist schon merkwürdig, einen Artikel über Stahl Brandenburg ohne auch nur die Erwähnung des Namens Eberhard Janotta lesen zu müssen. Na ja, wird sicherlich Gründe haben.

    Ansonsten kann man ihn hier nochmal spielen sehen:
    http://www.youtube.com/watch?v=V9l-UCZWGW8&feature =related

    bzw. hier: http://www.youtube.com/watch?v=SqdE8s3vTbo
    oder als channel: http://www.youtube.com/profile?user=bsgstahl&view= videos&sort=v

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