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15.05.2011

Als Bayer Leverkusen alles verspielte

Der Albtraum eines Sommers

Text: Jens Kirschneck, Erik Eggers und Thorsten Schaar  Bild: Imago

Heute vor neun Jahren vergeigte Bayer Leverkusen auch die dritte von drei möglichen Titelchancen und unterlag im Champions-League-Finale mit 1:2 gegen Real Madrid. Wir erinnern an die endgültige Vizekusen-Stigmatisierung.

Als Bayer Leverkusen alles verspielte - Der Albtraum eines Sommers


Eine Fußballsaison ist ein komplexes Gebilde. Höhen und Tiefen, Phasen der Euphorie und der Krise wechseln einander im Laufe der Spielzeit ab. Möglicherweise kommt irgendwann ein neuer Trainer, Teile des Personals verschwinden oder stoßen neu hinzu. Ist es also redlich, die Dramaturgie einer Saison auf fünf Minuten zu reduzieren? Sicher nicht, und doch kommt jeder, wirklich jeder, mit dem man sich über Bayer Leverkusen des Frühjahrs 2002 unterhält, auf bestimmte fünf Minuten zu sprechen. Und es sind nicht etwa die letzten fünf Minuten des letzten Spiels der Saison, sondern fünf vermeintlich unscheinbare Minuten ein paar Wochen zuvor.



Es ist der 20. April 2002, der 32. Spieltag, und Bayer spielt daheim gegen Werder Bremen. Fünf Punkte Vorsprung haben die Leverkusener zu diesem Zeitpunkt auf Borussia Dortmund, das gegen den schon fast abgestiegenen 1. FC Köln antreten muss. Die dunklen Regenwolken, die seit Tagen über dem Rheinland gelegen haben, sind auf einmal wie weggeblasen, es ist der erste warme Frühlingstag, »ein guter Tag, um Deutscher Meister zu werden«, wie die »Süddeutsche Zeitung« später schreibt. Doch Bayer kommt schwer ins Spiel und gerät durch einen Sonntagsschuss von Lisztes, bei dem Torwart Hans-Jörg Butt keine besonders gute Figur abgibt, rasch in Rückstand. Nach einer guten halben Stunde gelingt Zé Roberto der Ausgleich, kurz darauf verschießt Butt einen Elfmeter, so geht es mit dem 1:1 in die Pause. Bald nach Wiederanpfiff beginnen dann jene fünf Minuten, von denen noch Jahre später jeder spricht, der dabei war. Plötzlich erscheint eine Einblendung auf der Anzeigetafel der BayArena, Köln hat in Dortmund den Ausgleich geschossen. Das bedeutet: Wenn es dabei bleibt, braucht Bayer noch ein Tor, um auf sieben Punkte davon zu ziehen, dann wären sie vorzeitig Meister. Ein Ruck geht durchs Stadion und auch durch die Mannschaft, die beinahe wie von Sinnen alles nach vorne wirft, dabei ist doch noch mehr als eine halbe Stunde zu spielen. Am Ende der fünf Minuten schließt Ailton einen Bremer Konter zum 1:2 ab, und natürlich gelingt Dortmund durch einen unberechtigten Elfmeter in der Schlussphase das 2:1. Danach hat Bayer Leverkusen nur noch zwei Punkte Vorsprung. Als Michael Ballack nach dem Duschen auf den Parkplatz kommt, stemmt er sich trotzig den wartenden Journalisten entgegen: »Was ist? Irgendwas passiert?«

In Wahrheit war natürlich eine Menge passiert. »Bremen war der Knackpunkt für die Meisterschaft«, sagt Reiner Calmund heute. »Diese Einblendung hätte nicht kommen dürfen, und das Team hätte sich taktisch cleverer verhalten müssen.« Calmund hat es sich mit belegten Brötchen und einem Milchkaffee im Kaminzimmer des »Altenburger Hofs« gemütlich gemacht, einem Hotel in der Nähe seines Wohnortes im Bergischen Land. Wenn er von Bayer spricht, sagt er immer noch »wir«, obwohl er dort 2004 als Manager ausgeschieden ist. Er bleibt vorsichtig, wenn es darum geht, die aktuelle Bayer-Führung zu bewerten, doch die Identifikation mit dem Klub ist in jeder Sekunde zu spüren. Calmund redet gerne ohne Punkt und Komma, und jetzt, wo es um die Ereignisse des Frühjahrs 2002 geht, kommt man als Gesprächspartner höchstens ein Dutzend Mal in drei Stunden zu Wort. Der Ex-Manager redet sich in einen Rausch, wie man ihn von seiner damaligen Mannschaft auf dem Spielfeld kannte, dabei wirft er sich auf dem Sofa hin- und her, soweit es der massige Körper zulässt, und haut zur Betonung des Gesagten permanent mit der flachen Hand auf den Tisch.

Der Ruf als »ewiger Zweiter«

Die Geschichte begann ja nicht erst 2002, sie begann spätestens im Sommer 2000. Da verlor Bayer Leverkusen am letzten Spieltag mit 0:2 in Unterhaching, verspielte die fast schon sichere Meisterschaft und begründete seinen Ruf als »ewiger Zweiter«. Als Coach Christoph Daum wenig später wegen seiner Kokainaffäre zurücktreten musste, dachte man bei Bayer erstmals über einen Trainer Klaus Toppmöller nach. Der stand beim Zweitligisten 1.?FC Saarbrücken unter Vertrag, ein Engagement in Leverkusen scheiterte damals an überhöhten Ablöseforderungen der Saarländer. Stattdessen verpflichtete Bayer 04 etwas überraschend Berti Vogts. Weil der als Spaßbremse galt, holte Calmund neben dem Co-Trainer Wolfgang Rolff und Torwart-Coach Toni Schumacher den immer fröhlichen Ex-Nationalspieler Pierre Littbarski in den Trainerstab, um die Profis bei Laune zu halten. Es war ein Schuss, der nach hinten losging. Littbarski, der zuvor einige Jahre in Japan gelebt hatte, präsentierte sich als ordnungsliebender, prinzipientreuer Typ. »Er war strenger als Berti, und Berti war fast der Stimmungsmacher«, sagt Calmund heute. Als Littbarski im Training Michael Ballack umgrätschte, hatte er es sich mit dem Kader verdorben. Im Sommer hatte Bayer als Vierter zwar die Qualifikationsrunde für die Champions League erreicht, doch die Atmosphäre war nachhaltig belastet.

So kam es, dass alle Trainer bis auf Schumacher am Saisonende gehen mussten, und Klaus Toppmöller mit ein paar Monaten Verspätung doch noch Chef-Coach in Leverkusen wurde. Für ihn, der allenfalls Anfang der 90er in Frankfurt mal ein ähnlich starkes Team trainiert hatte, ging mit dem Engagement ein Traum in Erfüllung. Während der Sommerpause saß er in seinem Haus in Rivenich an der Mosel und spielte an der Magnettafel tausende mögliche Aufstellungen durch. Was für Möglichkeiten: Allein das Mittelfeld mit Ballack, Zé Roberto, Bastürk oder Schneider ließ Kenner mit der Zunge schnalzen. Als Toppmöller mit Calmund bald darauf zur U21-Weltmeisterschaft flog und dabei die Mannschaftsquartiere der Argentinier und Brasilianer besuchte, konnte der Manager die unverhohlene Begeisterung des Trainers spüren. »Er war ein Fußballkind mit riesigen Träumen«, sagt Calmund. »Er hat mit dem argentinischen Nationaltrainer geredet, und dieser Moment war für ihn wie Ostern, Weihnachten, Geburtstag und Kommunion zusammen. Er hätte sich wohl am liebsten noch ein weiß-blaues Trikot übergezogen, mittrainiert und Autogramme geholt. Und diese Begeisterung hat er später in Leverkusen eins zu eins auf die Mannschaft und das Umfeld übertragen. Selbst mich hat er angesteckt, und ich bin ja schon ein abgebrühter Hund.«



weiterlesen [1] [2] [3] [4] [5]



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Kommentare

  • User
  • 04.07.2007 22:39:57 prettygirlsmakegraves

    Ein interessanter und ansprechend geschriebener Artikel, kann mich noch gut an das damalige Team erinnern (nun gut, so lange ist es nicht her) und ich war sogar etwas traurig, als ich den Text las...;)
    Daumen hoch!

  • User
  • 01.08.2007 00:31:14 ode

    Absolut geil zu lesen... Auch, wenn wir damals zu Vizekusen wurden: Es war doch ne geile Saison und ein fantastisches Team...

    Ich empfehle auch die Artikel vom "rund-magazin" per newsletter anzufordern. (das magazin ist ja derzeit auf dem abstellgleis)

    dort gibt es auch einen schönen artikel über bayer!

    ode.

  • User
  • 16.08.2007 16:42:20 BesiegdasPillenpack

    Sollte der Thread nicht vielmehr heissen :
    Als Bayer Leverkusen alles verspielte - Der TRAUM eines Sommers ???

    Hier schon mal die Überschrift für den nächsten Artikel:
    Als aus Vizekusen Abstiegskusen wurde - Ein Traum wurde wahr

  • User
  • 16.08.2007 16:51:40 Stinkbaer

    Unglaublich. Da wird einem Leverkusen schon fast richtig sympathisch. Also irgendwie scheint mir der Herr aus Köln recht verbittert zu sein.

  • User
  • 16.08.2007 16:54:52 penalty

    hat sich extra für seinen hass registriert und den passenden namen verpasst... manche leute machen sich wirklich gedanken, wie sie ihre zeit am befriedigensten totschlagen.

  • User
  • 16.08.2007 17:04:27 lebowski

    Auch auf mich wirkt der Beitrag des Herrn Packbesieger recht eindimensional.

  • User
  • 16.08.2007 17:06:01 einrudithömmes

    Hast du den Schuss nicht gehört, Kamerad Schnürschuh?

    Der Fred ist seit 15 Tagen tot. Und der der Titel ist korrekt, da er sich auf den gleichnamigen Artikel bezieht, du Nase. Meine Fresse...

    Und überhaupt: Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.

  • User
  • 16.08.2007 17:07:28 einrudithömmes

    Huch, ich bin nicht alleine, merk' ich gerade...

  • User
  • 16.08.2007 17:09:48 saloth sar

    wenigstens hörst du den schuss noch!

  • User
  • 16.08.2007 17:12:24 einrudithömmes

    Denke schon... Sonst so, alles klar bei dir?

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