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Public Viewing
ch_lohmann Offline
Dabei seit: 22.06.2014

Public viewing ist der letzte Schrei. Ganz Deutschland pilgert in Bierzelte, Bars, Biergärten und Cafés, um die deutschen WM-Spiele mit bemalten Backen und umgehängten Deutschland-Girlanden zu feiern. Mich beschleicht schon nachmittags das Gefühl, dass eine Niederlage gegen die Afrikaner vielleicht ganz gut täte. Zwei Stunden vor Anpfiff: Platz warmhalten im Straßencafé, im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Wind frischt bei klarem Himmel auf. Kuschelig ist anders. Dann noch eine Stunde Tortur beim ARD-Vorprogramm. Hochfokussiert, hochbegabt, hochmotiviert seien die deutschen Fußballer, erzählt uns der Mann im Kellneroutfit (Delling). Es klingt schon jetzt ein bisschen wie Geisterbeschwörung. Inzwischen hat sich die Stammbelegschaft des Public-Viewing eingefunden. In viel zu enge Lederhosen gezwängt und mit schwarz-rot-goldenen Accesoires behängt wie beim Fasching ruft man sich ein kumpelhaftes „Grieß di“ zu.
Endlich geht´s los. Die Hymne wird mit Wunderkerzen gefeiert. Ich lehne dankend ab. Eigentlich bin ich schon ein bisschen Ghana-Fan, vor allem als ich höre, der Torwart habe keine Spielpraxis und sei nur einsachtzig. Nach einer Viertelstunde habe ich 52 Quer- und 39 Rückpässe der deutschen Wunderboys gezählt und gehe erstmal pinkeln. Das deutsche Aufbauspiel versprüht die Dynamik des übergewichtigen Gustl-Bayrhammer-Verschnitts, der an der Theke sein viertes Weißbier bestellt. Ich fröstele und schaue auf die Uhr. Soll das noch über eine Stunde so weitergehen? Zum Glück wirken die Afrikaner agiler, entschlossener und - auch wenn es der Kommentator noch nicht wahrhaben will – gefährlicher.
Kurz nach der Halbzeit plötzlich ein Jubeln von der nächsten Straßenecke. Eine halbe Minute später sehen auch wir den Grund: Aus dem Nichts schlägt Müller einen langen Ball in die Spitze, den Götze mit viel Glück über die Linie bugsiert. Das sind die Tücken des Public Viewing. Das Signal kommt eine Ecke weiter 30 Sekunden früher an und lässt ein Live-Spiel zu einer zeitversetzten Übertragung in voller Länge werden. Ab sofort wissen wir, in welche Richtung wir lauschen müssen, um kein Tor der Wunderboys zu verpassen. Leider klappt das bei afrikanischen Toren nicht so reibungslos. Totenstille. „´Zifix“. Gustl bestellt noch ein Weißbier. Ich muss ein bisschen lachen, denn die deutsche Spezialkraft Mustafi, die so geheim ausgebildet wurde, dass es selbst den größten Fachleuten entgangen ist, sieht beim Kopfballversuch aus wie ein Schuljunge, der aus Angst vor einer Watschn den Kopf einzieht. Kurz danach: Fehlpass Lahm, Ghana spielt schnell, Neuer hechtet vergeblich. Das deutsche Mittelfeld wirkt hölzern und langsam. Ist Lahm nicht Außenverteidiger? Ist Khedira nicht erst kürzlich von einem Kreuzbandriss genesen? Zum Glück kommen jetzt endlich meine Lieblinge Schweini und Miro, der später den Taschenrechner auspackt und pfälzert: „Zwanzig WM-Spiele und fuffzehn Kischten – so schlescht is des net.“ Auch das Klose-Tor hören wir schon, als sich Kroos erst den Ball an der Eckfahne zurecht legt. Soll man trotzdem noch jubeln?
Als sich Lahm hinterher im Interview mit roter Bonje fünfzehn Mal über den zart sprießenden Kinnbart streicht, ahne ich, dass wir in Brasilien nicht Weltmeister werden: „Wir hatten über 90 Minuten die klareren Torschasen.“ Aha. Schade nur, Philipp, dass du an keiner davon beteiligt warst, zumindest an keiner für die Weißen. Fazit: Ghana war besser. Und die Hitze scheint den Deutschen nicht nur körperlich zuzusetzen. Ach so, und das nächste Mal mache ich lieber Private Viewing.

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