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Hans van der Meer und mehr
zzhanneszz Offline
Dabei seit: 27.03.2010
Als ich vor ein paar Jahren an der Bergmannstraße in ein Kiosk ging, um mir ein Päckchen Zigaretten zu kaufen, FairPlay hieß die Marke übrigens, entdeckte ich in dem Kiosk ein Heft mit dem altmodischen Titel 11Freunde, das den merkwürdigen Titel ,Simulanten' trug. Ich blätterte es auf und wusste nach ein paar Seiten Lektüre, dass ich hiermit einen Schatz gefunden habe. Nach einem Heft, dass abseits von Schlagzeilen und den immer gleichen "Fußball-Deutschland" bewegenden Themen operiert, sondern ein Auge auf Felder wirft, die zwischen Gesellschaft und Fußball, Politik (eher weniger) und Fußball und natürlich Kultur und Fußball liegen, habe ich ohne es vorher gewusst zu haben, immer gebraucht. Es war eine wirklich sehr rasche Erkenntnis. Die rasche Erkenntnis war vergleichbar mit einer neuen Freundin. Bevor man sie kennen lernt, scheint das Leben zwar auch geordnet und sinnvoll zu sein, aber wenn man mit ihr zusammen ist, fragt man sich, wie man nur bisher ohne sie leben konnte.

Ich fing also an, dem Heft im Rahmen meiner Lesetätigkeiten, die übrigens sehr ausgeprägt sind, einen hohen Stellenwert einzuräumen. Publik, also in meinem Freundeskreis bekannt, machte ich 11freunde mit der nächsten Ausgabe. Schöne Aussicht hieß sie und ist meiner Meinung nach die beste Ausgabe von 11freunde, die es jemals gab. Ich wollte, dass meine Freunde das gleiche Lesegefühl verspürten wie ich und erwartete stets ein grandioses Feedback.
Ich traute 11freunde alles zu und dachte, dass im Printjournalsimus nicht mehr möglich ist. Ja, man war jung zu der Zeit und wusste noch wenig von der Welt, schließlich ging ich damals noch zur Schule. Meinen damaligen Horizont konnte 11freunde da noch abdecken. Ich nahm mir vor unbedingt ein Praktikum bei 11freunde machen zu wollen, woraus leider nie was wurde, da ich den Entschluss nie bis zum Ende ausgeführt habe.

Ich las zu der Zeit jeden Artikel, manche auch zweimal, bis auf die Hetzer Kolumne, die habe ich noch nie gelsen, weil man der schon ansieht, dass sie unlustig ist. In der Schule hielt ich mit einem Freund in Religion freiwillig ein Referat über die Maradonnianer. Als einzige Quelle der artikel aus 11freunde. Mein Lehrer, ein Fußballfan, war begeistert und wurde so zum Abonnementen. Wie ich.

Das Verlieben-Sein ist leider zeitlich begrenzt. Es folgt stets eine Rationalisierungsphase. In dieser ist, wie es die Metaphorik des allgemeinen deutschen Volkssprachschatzes bereit hält, nicht mehr alles so rosig. Man zweckrationalisiert sich, lernt andere Seiten der Freundin kennen, manche gehen einem sogar auf die Nerven. Aber man liebt sich und sieht gerne darüber hinweg.

Nach 6 Ausgaben relativierte sich auch mein Lesegefühl. Ich nahm die Artikel nur eher zur Kenntnis als dass sie mich zum Schwärmen und Nachdenken anregten. Nach vlt. weiteren 12 Ausgaben meinte ich eine immer gleiche Vorgehensweise zu entdecken: Reportagen über Fussball in Russland oder sonstwo auf der Welt, Porträts etwas 'anderer' Fußballspieler oder Karrieren, und schließlich Berichte über das, was 11freunde unter Kultur versteht, nämlich abgewirtschaftete Vereine, mit Namen wie Uerdingen oder Meppen oder Essen, denen man irgendeine Tradition nachsagt. Natürlich gab es auch stets erfreuliche Sachen: Biermanns Musterprofi, 'unnützes' (aber wer legt das fest) Wissen, oder die langen Interviews, die die Profis gerne geben, da sie bei 11freunde sicher sein können, dass das Interview auch so abgedruckt wird (siehe Hyppiä) und einzelne Reportagen aus England. Oh je, je länger ich schreibe, desto mehr wirklich gute Geschichten fallen mir ein, z.B. 102 Sekunden oder der Artikel über die Leverkusener Mannschaft von 2002. Letztere zeichneten sich besonders durch die Informanten aus, da in diesen richtig aus dem Nähkästchen geplaudert wurde.

Es ist natürlich immer schwer neue und originelle Themen zu finden, aber was mir fehlte, waren Artikel aus dem Bereich Taktik oder wissenschaftlich angehauchte Analysen. Keine bloße Unterhaltung durch Nacherzählen alter Geschichten oder Verrherlichung der kulturellen Umgebung des Fußballs. Es ist zwar auch nicht das primäre Motiv von 11freunde, es ist ja schließlich ein Fußball Kultur Magazin, aber eine stärkere Durchdringug dieser Themen würde ich mir sehr wünschen, da derartige auch intellektuelle Bedürfnisse befriedigen.

Ich musste das bisherige aus dem Grund schildern, damit man nachvollziehen kann, wie glücklich und erfreut ich darüber bin, endlich mein Lesegefühl wieder entdeckt zu haben, denn nun zur 101. Ausgabe: Der Artikel von Hans van der Meer hat bei mir endlich wieder das schon verloren zu scheinende Lesegefühl geweckt. Ich vergas während des Lesens alles um mich herum, erweiterte meinen Horizont um ein vielfaches und nach dem Lesen hielt ich die Welt für eine bessere.
Van der Meer hat solch einen tiefgehenden, analytisch scharfsinnigen und in sich stimmigen argumentativen Text verfasst, der mein Herz beim Lesen erwärmte. Van der Meer nimmt einen mit, man kann in seine Welt eintauchen, er führt einen sachlich und verzaubernd in die Thematik ein und argumentiert mit diesem scharfsinnigen, analytischen Verstand, der, glaube ich, nur in Holland existiert. Dem Argument, dass durch die stetigen Einzelbilder, die in den Zeitungen auftauchen, ein weg vom Spielverständnis und hin zur Personenverehrung bedeuten, kann ich nur zustimmen. Man hat zwar heutzutage das Fernsehen, um das Spiel zu verfolgen, aber auch dort findet man in den Wiederholungen der Highlights meist auch nur Nahaufnahmen in Zeitlupe. Das Fernsehen ist der Fotografie natürlich deutlich überlegen und für die Berichterstattung wichtiger. Schade ist trotzdem, dass das Fernsehen die Fotografen so verdrängt hat, dass diese nur noch hinter dem Tor ihre Fotos schießen können.
Van der Meer will Momente festhalten, auf denen die Parallelität von Fußballspielen und Alltag zum Ausdruck kommt. Beim Verfolgen eines Fußballspiels oder dem aktiven Spielen blendet man die Welt aus. Es gibt nur den Raum, auf dem das Fußballspiel stattfindet, obwohl der Raum in dieser Welt liegt und mit dem Schlusspfiff sich wieder auflöst und in die Welt wieder eingegliedert wird.
Eine weitere Sache gefiel mir an dem Artikel sehr. Wer das Bild von Messi kennt, der auf acht Holländer mit dem Ball am Fuß zuläuft, weiß, was ich meine. Solche Bilder, die eine Spielsituation zeigen, regen zum selbstständigen Nachdenken an. Man möchte bei solchen Bildern die Play Taste drücken und sehen wie sich die Situation entwickelt und spielt so im Geiste verschiede Szenarien durch. Es ist nicht wie im zdf oder auf sky, dass man von Experten gesagt bekommt, was an der oder Situation nicht gestimmt hat. Bei Bildern muss man sich selbstständig damit auseinandersetzten und nur sie regen im Gegensatz zum Fernsehen zum Träumen an.

Was bedeutet dieser Artikel in Bezug auf 11freunde?
Ich möchte hiermit zum Ausdruck bringen, dass ich solch einen Artikel in keinem anderen Magazin, Journal, Zeitung, etc. gefunden hätte und dafür bin ich danbar. Ich möchte anregen, dass es mehr solcher analytischer Artikel in 11freunde bedarf.
Drittens habe ich in dem Bild vom alten Ajax Stadion etwas entdeckt. Nämlich 11freunde, auch wenn das sehr kryptisch klingen mag. Doch dass das Bild sowohl den Fußball als auch die Umgebung und das drumherum ums Fußballspielen festhält, kommt dem Anspruch und der Wirkungsabsicht von 11freunde sehr nahe. Viertens haben meine Freundin und ich uns vor zwei Wochen getrennt. Mein Abonnement kündige ich aber nicht.

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