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Rückblick Saisonfinale 06/07
Ballfeder Offline
Dabei seit: 28.12.2005
Den Oscar für vergebene Chancen
Man muss schon sehr vorsichtig sein mit Prognosen und Expertisen in diesem
täglich, manchmal stündlich, ach, minütlich sich wandelnden Geschäft
namens Fußball.
Manchmal denkst du: „Klasse, gleich Champions-League-Sieger...“ - Und
dann kommen Sheringham und Solskjaer und belehren dich eines Besseren.
Manchmal feierst du den Titelgewinn sogar schon in der Halbzeitpause. Und auf
einmal stemmt Steven Gerrard den begehrten Pott an dessen silbrigen Ohren in
die Höhe. Manchmal denkst du, du wärst endlich Deutscher Meister. Und
plötzlich läuft da in Hamburg noch ein Spiel im Hintergrund.
Erwarte das Unerwartete!
Der Fußball hätte ihn mal verdient, den Oscar, für das beste Drehbuch und
die beste Regie. Aber wen sollte man auch zur Preisverleihung schicken? Das
Schicksal, dieses unmenschliche Grauen? Sepp Blatter, diesen grauenvollen
Menschen?
Also verwerfen wir den Gedanken mit dem Oscar schnell wieder. Als
Fußball-Fan weiß man auch ohne Auszeichnungen um den unschätzbaren Wert
seiner Leidenschaft. Erwarte das Unerwartete. Das gilt zwar nicht für den FC
Bayern, macht aber doch – oder gerade deshalb – den Reiz der Bundesliga
aus.
Wozu brauchen wir noch das Heer aus Experten, wenn am Ende der VfB Stuttgart
Deutscher Meister wird und der „Glubb“ den Pokal holt? Wahrscheinlich
haben sich jene Fachleute Konrad Adenauer als Klingelton gezogen. Und immer,
wenn das Handy bimmelt ertönt die Stimme des Altbundeskanzlers in
nachbearbeiteter polyphoner Qualität: „Was... (herausfordernd und dann mit
künstlerischer Pause)... interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“
Mit diesem Freibrief lässt es sich dann gut drauflos experteln.
Dann fallen eben schon mal Sätze wie: „Zum Titel führt kein Weg an Werder
Bremen vorbei!“ Am Ende stimmte diese Aussage sogar wieder. Vier Punkte
Rückstand sind eine ganze Autobahn.
Prognosen ohne Insiderwissen
Der Fußball besteht im 21. Jahrhundert nicht mehr aus Nostalgie und
Anekdoten. Elf Freunde waren vor Vorvorgestern, einer Zeit, die vielen
Experten vorkommt, als wäre sie erst gestern gewesen. Die Karten sind neu
gemischt worden. Am Pokertisch sitzen Trainertypen, wie Armin Veh, Thomas
Schaaf, Jürgen Klopp, Petrik Sander, auch Thomas Doll und andere gehören
dazu. Die lassen sich nicht mehr so einfach in ihr Blatt schauen.
Dadurch fischen Experten im Trüben. Viele Prognosen fußen auf verstaubten
Erfahrungswerten, mit denen man in dieser Pokerrunde keinen Stich mehr machen
würde. Es ist letztlich immer noch am besten, die Protagonisten zu Wort
kommen zu lassen. Da ist die Fehlerquote einfach geringer.
Abgerechnet wird am Ende
Mirko Slomka am 32. Spieltag nach dem knappen 1:0-Sieg gegen Nürnberg: „Es
wird ein richtig hartes Ringen um den Titel. Wer die Schale haben möchte,
der muss auch darum kämpfen.“
Roberto Hilbert am selben Tag: „Warum sollen wir nervös werden? Wir haben
uns das die ganze Saison erarbeitet. Wir haben ein sehr großes
Selbstvertrauen und sind motiviert bis oben hin. Wir sind eine Mannschaft,
ein Team. Das zeigen wir Woche für Woche auf dem Platz. So wird es auch
weitergehen.“
Mirko Slomka eine Woche später nach der 0:2-Pleite im Derby gegen den BVB:
„Das ist natürlich schwer, jetzt noch daran zu glauben, dass man es noch
schaffen kann.“
Armin Veh am selben Tag: „Abgerechnet wird am Ende. Es waren ja schon ein
paar Vereine in dieser Saison Deutscher Meister, dann waren sie’s wieder
nicht. Deshalb: 34. Spieltag, dann steht der Deutsche Meister fest.“
Besser kann man den Versuch, das Unvorhersehbare vorherzusehen, gar nicht
konterkarieren.
Verdammte Jugend!
Ach so, die Bayern. Die dürfen nun erst mal nicht mehr mit den Großen
zusammen im goldenen Sandkasten spielen. Eine gewöhnungsbedürftige
Situation, schließlich gab es das zuletzt nach der Saison 94/95. Doch
wenigstens sind die Schuldigen gefunden. Die Jugend ist eben auch nicht mehr
das, was sie beim FC Bayern noch nie gewesen ist.
„Wir waren uns alle im Klaren, dass es ein schwieriges Jahr wird“, hatte
Uli Hoeneß am Ende der Saison erklärt, den Blick in die Ferne auf
dahinschwimmende Felle gerichtet. „Wir wollten den Umbruch machen. Wir
wollten den jungen Spielern eine Chance geben sich zu entwickeln, Ihnen die
Chance geben, das Ding alleine rum zu reißen. Das ist absolut misslungen.
Daran gibt es überhaupt nichts zu deuteln. Wir werden unsere Politik
verändern. Die Jungen hatten ihre Chance!“ Rumms!
Aber halt! Welche Chance meint der Bayern-Manager wem so großzügig gewährt
zu haben? Lukas Podolski? Zugegeben, der Kölner brillierte konstant elegant
in Werbesports und Computerspielen, weniger auf dem Platz. Aber musste ihm
deshalb der Steinzeitpsychologe Magath durch wochenlanges Bankdrücken
unbedingt Spielfreude und Selbstbewusstsein rauben?
Meinte Hoeneß das 26-Jährige Berufstalent Roque Santa Cruz? Jenes
fleischgewordene Verletzungspech, das seit acht Jahren auf den passenden
Moment wartet, sein unbestrittenes Talent auch endlich mal zu zeigen?
Stefan Maierhofer? Bei dem mit elf Toren erfolgreichsten Stürmer der
FCB-Reserve reichte Hoeneß\' Geduld für insgesamt 13 Profi-Saisonminuten in
zwei Kurzeinsätzen, ehe er nach Koblenz verhökert wurde.
Meinte Hoeneß Bastian Schweinsteiger, zu einem Zeitpunkt, als klar war, was
den Mittelfeld-Star geritt... pardon, gebissen hatte?
Zu weit hinten oder auch mal zu dumm
Andreas Ottl? Es war sein erstes Profijahr. Und um das träge Spiel der
Bayern zu beschleunigen, hätte er von seiner Sechser-Position aus erst die
tiefen Krater umdribbeln müssen, die die Füße eines Michael Ballack
hinterlassen haben.
Stephan Fürstner? Er hatte seinen ersten und einzigen Einsatz am 32.
Spieltag in Gladbach. Beim Stand von 1:1 bekam er drei Minuten vor Spielende
die Chance, eine verkorkste Bayern-Saison ganz alleine irgendwie vergessen zu
machen?
Julio dos Santos? Missverständnisse gibt es immer wieder mal...
Christian Lell? Um eine Mannschaft führen oder wenigsten entscheidend
prägen zu können, muss man über spielerische Intelligenz verfügen. Dass
es bei Lell am Spielerischen hapert, hat er bereits in Köln bewiesen.
Angetrunken die eigene Freundin auf offener Straße zu verprügeln und danach
die Polizisten des Geld-Diebstahls zu bezichtigen, zeugt von enorm hoher
Selbstüberschätzung eines Fußballers, der gerne Profi wäre, dem dazu aber
eben die Intelligenz fehlt.
Die Konstante „Kahn“
Phillip Lahm? Zugegeben, der kleine Linksverteidiger kann mehr, viel mehr. Er
hatte es aber auch nicht leicht, musste er doch dauernd einen ziellos umher
irrenden Daniel van Buyten einfangen und zurück an dessen angestammte
Position geleiten, wie ein Blindenhund sein Herrchen.
Mats Hummels? Er verspielte seine einzige Chance wohl leichtfertig am letzten
Spieltag als er in der 52. Minute in die Scholl-Gala eingewechselt wurde.
Gegner? Gegner war..äh..Gegner...war Mainz!
Andreas Görlitz? Tja, das Kreuz mit dem Knie. Die einzige Chance des
Rechtsverteidigers war nicht auf dem Platz zu finden, sondern in den Künsten
der medizinischen Abteilung des Rekordmeisters.
Michael Rensing? Der einzige Jung-Profi der Bayern, der seine wenigen aber
dafür umso verantwortungsvolleren Chancen stets bravourös genutzt, aber
dennoch nie eine richtige bekommen hat. Sein „Chancentod“ heißt Oliver
Kahn. Die medizinische Abteilung tüftelt gerade zusammen mit der TU München
an einem orthopädischen Gehbock, der den Benutzer in seiner altersschwachen
Statik stabilisiert, ohne dabei auf Arme und Hände angewiesen zu sein. Die
Forschungen machen Fortschritte. Kahn verlängerte deshalb soeben bis 2018.
Rensing wird resignieren und Frank Rost beim HSV beerben. Das wird die Chance
für Bernd Dreher beim FCB...
Altes muss sich erst bewähren
Nun soll in der kommenden Saison also wieder mal alles besser werden an der
Isar. Die Jungen haben\'s vergeigt, deshalb unterschreibt nun auch ein
30-jähriger kluger Toni einen hoch dotierten Vierjahresvertrag beim
Rekordmeister.
Man muss die Bayern nicht immer verstehen. „Sie san nun mal sie.“
„Das Glück besteht nicht in großen Erfolgen oder in der Sicherung des
einmal Erreichten. Das Glück besteht allein in der Pflichterfüllung und
darin, dass man zu dem steht, was man für richtig hält, auch wenn man dabei
unterliegt.“
Nein, nicht Hoeneß 2007. Wieder Adenauer, 1962...