Liebe Leser,
Willy Brandt war kein Fußballfan. Er wird deshalb nicht gewusst haben, was er tat, als er am 28. Oktober 1969 als frisch gewählter Kanzler in seiner Regierungserklärung versprach, er wolle fortan »mehr Demokratie wagen«. Vielleicht hätte er sich korrigiert, hätte er geahnt, dass ab da allerlei krumme Vergleiche zwischen der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung und der Spielfreude der deutschen Nationalelf gezogen werden würden. Um es mit dem Kulturkritiker Karl-Heinz Bohrer zu sagen: »Netzers Pässe atmeten den Geist der Utopie.« Welche Utopien das nun im Einzelnen waren, wusste Netzer wohl selbst nicht so genau. Wie überhaupt in den siebziger Jahren vieles passierte, für das Brandt nur sehr eingeschränkt verantwortlich gemacht werden konnte. In der Bundesliga ließen sich die Spieler schmieren, Paul Breitner posierte im Schaukelstuhl mit Mao-Bibel, in Argentinien durften folternde Generäle eine WM ausrichten, und dann war da auch noch Córdoba. Aber da war ja schon Helmut Schmidt Kanzler.
Unser Sonderheft zu den Siebzigern versammelt große und kleine Geschichten eines faszinierenden Jahrzehnts: Franz »Bulle« Roth und Rainer Bonhof erzählen von der Rivalität zwischen Gladbachern und Münchnern, im Interview spricht César Luis Menotti vom schmalen Grad zwischen Anpassung und Widerstand, in großen Reportagen machen wir vergessene Triumphe wie den Sensationssieg des 1. FC Magdeburg 1974 im Europapokal der Pokalsieger wieder lebendig.
Und zugleich hat es uns auch Spaß gemacht, den einen oder anderen Mythos zu zertrümmern. Etwa den, dass die Nationalelf 1972 beim 3:1-Sieg in Wembley gegen die Engländer tatsächlich einen Giganten des Weltfußballs niedergerungen habe, wie es die Spielplakate versprachen. Tatsächlich schlichen die englischen Spieler lustlos und untrainiert über den Platz. Und keinesfalls drückten an diesem Abend Heroen wie Günter Netzer dem Spiel ihren Stempel auf. Der beste Mann auf dem Platz, so unser Autor Uli von Berg, war eindeutig Siggi Held von Kickers Offenbach. Wer anderer Meinung ist, kann ab sofort übrigens die Geschichte des Fußballs mitschreiben. Auf der Homepage www.spieleunsereslebens.de entsteht das Gedächtnis des Fußballs.
Legenden und Triumphe, lange Haare und lange Pässe. Dazu eine kleine Prise Bundesliga-Skandal und kompromittierende Bilder unserer Autoren aus Kinderzeiten – auf 132 Seiten. Viel Spaß beim Lesen!
Aufstellung
Ein Jahr – Ein Bild
Skurriles, Dramatisches, Bewegendes: Die Dekade in Bildern
Schmiergelder und Jahrhundertspiele
Philipp Köster über ein Jahrzehnt der Extreme
Das waren die 70er: MODE
»Breitner war ein Freak«
Als der Fußballer bei der Politband Ton, Steine, Scherben auftauchte
Sie brauchten keinen Overath
Offenbach schockt arrogante Kölner und wird Pokalsieger
Um Kopf und Kragen
Die besten O-Töne vom Bundesligaskandal
Ein feiner Mann
Höttges und Hölzenbein über Bundestrainer Helmut Schön
Das waren die 70er: MEDIEN
Stylepass für Berti, Franz und Rudi
Als Fußballer zu Popstars wurden
»Karl-Heinz, ich hab gar nichts gesagt«
Legendär: Deutschland vs. Italien 1970 mit Kurt Brumme im Radio
Es konnte nur einen geben
Wolfgang Overath über die großen Spielmacher der 70er
Das waren die 70er: STADIONKULTUR
Schwankende Schwaben
Fans des VfB Stuttgart auf Auswärtsfahrt: Ein Bilderreigen
»Wir waren mitten in der Pampa«
Reporter Rolf Kramer erinnert sich an böse WM-Tage in Argentinien
Das waren die 70er: TECHNIK
Kugelblitze, Tanzbären und Invaliden
Das deutsche Wunder von 1972 in Wembley war gar nicht so toll
Das waren die 70er: REISEN
Der Harte und der Zarte
Wie Ajax und Holland den Fußball revolutionierten
»Wir sind hier, um zu tanzen«
1979 eroberte der Provinzklub Nottingham Forest Europa
Das waren die 70er: BÜCHER, ALMANACH, MEMORABILIA
11FREUNDE in den 70ern + Impressum







