Liebe Leser,
»Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn«, ruft Reporter Herbert Zimmermann. Und wie es weiter geht, weiß jeder Fußballfan hierzulande. Dass sich Bozsik leichtsinnig auf einen Zweikampf mit dem Deutschen Hans Schäfer einlässt, der dann allerdings eine ziemlich unpräzise Flanke nach innen schlägt, die wiederum von der ungarischen Abwehr nur halbherzig aus dem Strafraum geköpft wird. Am Ende ist es dann Helmut Rahn, der den Ball aufnimmt. Der »müsste schießen«, weiß Zimmermann, schießt dann auch und macht den Weltmeistertitel perfekt.
Ein Sieg mit Folgen weit über den Fußball hinaus. Sportlich konnte man die Weitsicht Herbergers rühmen, auf den Kaiserslauterer Block um Fritz Walter vertraut zu haben, technisch machten Dasslers Schraubstollen den Unterschied, und vom Unterhaltungswert her war die Aufholjagd nach frühem 0:2-Rückstand großes Kino. In der Rückschau jedoch wurde aus einem Fußballspiel, frei nach Joachim Fest, ein Akt der mentalen Staatsgründung. Weil die Deutschen neun Jahre nach Kriegesende endlich einmal etwas erreicht hatten, ohne dafür den M18-Stahlhelm aufzusetzen und andere Länder zu überfallen, half der WM-Titel einer ratlosen und obendrein zweigeteilten Nation bei der Identitätsfindung. Die später zum Konsens geronnene Parole »Wir sind wieder wer« traf die ebenso erleichterte wie geschichtsvergessene Stimmung der Bevölkerung ziemlich gut. Dass die deutschen Zuschauer in Bern nach dem Schlusspfiff aus alter Gewohnheit die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmten, passte ebenfalls ins Bild.
Und doch waren die fünfziger Jahre mehr als nur Bern und Fritz und Sepp. Sie ließen die ungarische Elf über Jahre berückend schönen Fußball spielen, ließen 1958 den Stern des jungen Pelé aufgehen und die Fußballwelt über schwedische Einpeitscher staunen. Sie schufen mit Bernd Trautmann, der im Tor von Manchester City ein FA-Cup-Endspiel mit gebrochenem Nackenwirbel durchstand, einen modernen Herkules. Und überall in der Welt deutete sich an, dass die Zeiten des hehren Amateursports Fußball, in denen die Kicker zwecks sportlicher Ertüchtigung und prächtiger Kameradschaft aufliefen, endgültig vorbei waren. In Deutschland allerdings nur sehr langsam, selbst der legendäre »100 000 Mark Sturm« von Preußen Münster in der Saison 1950/51 lebte nicht in Saus und Braus. »Nach dem Training bekamen wir eine Flasche Milch und ein Würstchen mit Kartoffelsalat. Das kostete 1,90 DM, und die wurden auch noch auf unser Vertragsspielergehalt angerechnet«, erinnerte sich später Stürmer »Fiffi« Gerritzen. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre.
Die Titelgeschichten der Fünfziger-Ausgabe
Ein Jahr – ein Bild Skurriles, Dramatisches, Bewegendes: Die Dekade in Bildern
Hexenkessel und Hochverrat Die Chronik eines Jahrzehnts, in dem Fußball auch ein Politikum war
Das waren die 50er: Medien
»Herberger schickte uns Schokolade« Kronzeuge Dettmar Cramer über Fußball in und nach dem Krieg
Das waren die 50er: Mode
Das Jahr der 100 000 Wie Mäzene in Münster einen legendären Sturm zusammenkauften
Es war einmal im Westen Die Zeit der Oberliga West gilt noch heute als Goldene Ära
Friedrich der Große Held oder Anti-Held? Fritz Walter hat Deutschland verändert
Auf Natursohlen Barfuß in Hamburg: Das Gastspiel der indischen Nationalelf
Hans Bauer, Weltmeister Über einen wenig bekannten 54er, der Rekordspieler des FC Bayern war
Mein Feind, der Baum, ist tot Wie die Spieler des MTV Gittelde eine störende Eiche ermordeten
Elf Freunde müsst ihr sein Auf den Spuren eines Jugendbuchklassikers
Das waren die 50er: Strassenfussball
»Ich habe mich gefühlt wie ein Affe im Zoo« Bernd Trautmann über seine Profijahre in England
Das waren die 50er: Musik
Machen sie sich schon mal frei! Bilder von Spielern, wie Gott sie schuf
Die ersten Ultras Schwedische Einpeitscher empörten bei der WM 1958 ganz Deutschland
Das waren die 50er: Karriere
In aller Feindschaft Real Madrid vs. Barca: Wie aus ideologischer Rivalität »El Clásico« wurde
Das waren die 50er: Taktik
Maracana Blues Pleiten, Pech & Pannen bei der WM 1950
Mann mit Hut Der Ungar Béla Guttmann lehrte die Welt, wie man Tore schießt
Junge Greise Vom Leben gezeichnet: Damals wurden die Spieler früh alt
Flanke auf Backbord Fußballspiele auf norwegischen Hochseeschiffen
Das waren die 50er: Almanach, Bücher, Memorabilia
11 FREUNDE in den 50ern + Impressum






