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Vereine am Rande der Insolvenz

Die neue Bescheidenheit

Text: Paul Linke  Bild: Imago

Die neue Bescheidenheit

Existenzangst haben sie nicht mehr, denn das Schlimmste ist bereits überstanden. Und ein zweites Mal soll es nicht geben, denn dazu haben sie zu sehr gelitten. Bescheidenheit ist also das richtige Stichwort. Gepaart mit der Einsicht, sich übernommen zu haben. „Ach, hören Sie mir auf mit Regionalliga!“, sagt Herbert Sander, 78, Präsident und Retter des VfR Neumünster. „Keine Experimente mehr!“



Das Experiment begann 2003. Der fußballerisch zwischen dem HSV und Holstein Kiel gelegene Traditionsverein schaffte eher zufällig den Aufstieg in die Regionalliga und wähnte sich in einem besseren Leben – zurück in der Vergangenheit, als man noch zu den Granden des Nordens zählte. Die 50er und 60er waren die erfolgreichste Zeit in Neumünster. Seit 1955 kickte der VfR in der Oberliga Nord, der damals höchsten Spielklasse in Deutschland, erreichte 1959 sogar den dritten Platz und wäre 1963 beinahe in die neu gegründete Bundesliga avanciert. Darauf ist man stolz, daran wollte man 2003 anknüpfen. Doch nach nur einem Jahr in der Dritten Liga nahm der Höhenflug einer Kleinstadt jäh sein Ende. Mit 23 Punkten auf der Habenseite folgte der direkte Abstieg in die Oberliga.

„Neumünster hat 81 000 Einwohner, ist halb so groß wie der Zentralfriedhof von Chicago und doppelt so tot“, zitiert Sander einen eigentümlichen Werbeslogan der Stadt. Das klingt nach Spott, ist aber eine ironische Note und der erste Grund für das Scheitern des Ausflugs des VfR Neumünster in die Drittklassigkeit. In einem Landstrich, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, lässt sich schwerlich ein Publikum finden, das das finanzielle Überleben sichert. Die wenigen Treuen und Verrückten konnten nicht die Ränge füllen. Zwar war das Stadion an der Geerdtstraße mit einem Fassungsvermögen von 16 000 ausreichend, auch die vom DFB erteilten Auflagen kein Hindernis. Doch die tatsächlichen Zuschauerzahlen pendelten deutlich unterhalb des Ligaschnitts.  

Der Löwe von Neumünster

Der zweite Grund ist der Blauäugigkeit der damaligen Vereinsführung geschuldet. „Einen Regionalligaverein darf man nicht nebenberuflich führen“, rechnet Sander mit seinen Vorgängern ab. Zu unprofessionell sei die Herangehensweise gewesen, niemand hätte den Überblick über die Zahlen behalten und um potente Sponsoren geworben. Beschleunigt wurde der finanzielle Ruin durch überzogene Spielergehälter. Das halbherzige ehrenamtliche Engagement stieß hier an seine Grenzen. Als sich der sportliche Niedergang bald abzeichnete, war auch der Insolvenzverwalter nicht mehr weit. Doch erst im Sommer 2005 wurde ein entsprechender Antrag gestellt. Die Forderungen der Gläubiger beliefen sich da bereits auf 160 000 Euro, der Vorwurf der Insolvenzverschleppung machte die Runde und gefährdete die Zukunft des Vereins. Das Schreckensszenario: Sollten der VfR bis zu der vom zuständigen Kieler Rechtsanwalt gesetzten Frist 50 000 Euro nicht auftreiben, würde dem Verein die Lizenz für die Oberliga entzogen werden.

Dass die Eröffnung des Insolvenzverfahrens doch noch abgewendet werden konnte, verdankt der Verein seinem vielleicht größten Fan und Förderer. Als Heribert Sander im April 2006 zum Präsidenten des VfR Neumünster gewählt wurde, war die Erleichterung groß. Ohne Gegenstimme und Enthaltung votierten die Mitglieder für den Mann, der schon von 1967 bis 1981 dem Verein vorsaß. Der Betreiber einer Modefirma war wieder bereit, tief in die eigene Tasche zu greifen, um die Verbindlichkeiten auf das erforderliche Minimum zu drücken. Zusätzliche Gelder stammten aus Sammelaktionen, dem wohlwollenden Verzicht einiger Gläubiger und einen Benefizspiel gegen den HSV. Vor etwas mehr als einem Monat konnte der Antrag auf Insolvenz zurückgezogen werden. „Ich habe gekämpft wie ein Löwe“, sagte ein überglücklicher Sander. „Ich wollte nicht den Weg des 1. SC Göttingen 05 gehen.“ Das mahnende Beispiel eines anderen ehemaligen Regionalligisten, der sich nicht mehr aus der Schuldenfalle befreien konnte, aus dem Vereinsregister gestrichen wurde und nach einer Fusion unter neuem Namen in der Kreisliga anfangen musste, hatte Sander stets vor Augen. Es war die blanke Existenzangst.

 



Ergänzung zu Heft #62 01 / 2007




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