Ortsbesuch: Zu Gast bei der Bundestagsanhörung zur Fangewalt
Grau in Grau
Text: Marius Gutowski Bild: Imago
Der Sportausschuss des Bundestages hatte zur Anhörung zum Thema Fangewalt geladen und alle waren sie da: Fanvertreter, Polizei und Heribert Bruchhagen. Ein Bericht über vermeintliches Feuer, triste Inneneinrichtung und vertane Chancen.
Der Treppenwitz schreibt sich fast von allein. Als die wenigen Besucher der Sportausschusssitzung zum Thema »Gewalt im und um Fußballstadien« kurz vor Beginn der Veranstaltung durch die gläsernen Schiebetüren des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus wollen, ertönt eine Stimme aus dem Off: »Gefahr, Gefahr. Bitte bewahren Sie Ruhe und verlassen Sie sofort das Gebäude.« Ein Feueralarm zwingt alle Anwesenden in die eisige Kälte ans Ufer der Spree. Eine halbe Stunde lang gibt es ein großes Tamtam, drei Löschwagen der Feuerwehr rücken unter Blaulicht und Sirenen an. Folgerichtig ulkt der Kollege von der »taz«: »Pyrotechnik«.
Denn darum soll es heute Nachmittag unter anderem gehen. Nach einer halben Stunde ist der Auftritt der Feuerwehr vorbei. Sachverständige, Politiker und Besucher schieben sich aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen gemächlich wieder ins Gebäude. Unter ihnen auch Michael Gabriel, Leiter der KOS-Fanprojekte, der Probleme beim Einlass hat, weil es die Sicherheitskräfte mit Ausweispflicht und Taschenkontrolle ganz genau nehmen.
Eine Veranstaltung, spannend wie die Anzüge der Politiker
Als auch der letzte Besucher im Saal Platz nimmt, läuft die Veranstaltung bereits seit zwanzig Minuten. Die Sicht von der Zuschauerloge auf die geladenen Protagonisten ist schlecht. Hier erhascht man einen Haaransatz von Heribert Bruchhagen, da sieht man das Jackett von Ben Praße, dem Vertreter der Fan-Vereinigung »Unsere Kurve«. Die Inneneinrichtung ist unaufgeregt wie die Anzüge der Politiker. Von der Decke hängt ein kleiner Videowürfel, dem im weiteren Verlauf der Veranstaltung eine hohe Bedeutung zukommen wird. Auf der kleinen Tribüne räkeln sich lustlos circa 50 Besucher. Die meisten von ihnen verlassen den Saal nach einer guten Stunde. Verdenken kann man es ihnen nicht: Die öffentliche Anhörung ist eine schrecklich dröge Angelegenheit. Das liegt in erster Linie nicht einmal an den Protagonisten, sondern viel eher am Prozedere: Jeder Teilnehmer darf in einer circa fünfminütigen Stellungnahme erläutern, was er denn vom Thema Gewalt in Fußballstadien hält. Und so fliegen Begriffe wie Stadionverbot, personifizierte Eintrittkarten, Gesichtsscanner und gewaltbereite Polizisten wild durch den Raum.
Neue Erkenntnisse? Fehlanzeige
Andreas Ritter, Präsident von Dynamo Dresden, hat sogar eine kleine Power-Point Präsentation vorbereitet, die er auf dem viel zu kleinen Videowürfel vorstellt. Zu erkennen ist hier nichts, aber die Gestaltung der Folien passt sich farblich der tristen Inneneinrichtung des Gebäudes an. Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizei der Länder, schwingt die Rhetorik-Keule und schiebt in jeden zweiten Satz ein »...meine lieben Damen und Herren« ein. Sympathischer macht das seine radikalen Aussagen nicht. Nachdem alle geladenen Gäste ihre Position mehr oder weniger eindrucksvoll untermauert haben, beginnt eine erste Fragerunde. Die Protokollanten haben ihre liebe Mühe und Not, bei dem rasanten Tempo mitzukommen. Wer wurde angesprochen? Ben Praße? Holger Hieronymus? Oder war es doch Heribert Bruchhagen, der durch seine mysteriöse neue »Jugendkultur, die gewaltbereiter ist, als alles vorher Bekannte«, ein lautmalerisches Untergangsszenario zeichnet?
Eine offene Diskussion, wie sie bei Teilnehmern aus allen beteiligten Gruppierungen wünschenswert wäre, kann gar nicht erst entstehen. Zu wahllos sind die Fragen der Politiker, die teilweise schlichtweg schlecht vorbereitet zu sein scheinen. So muss sich Andreas Ritter um Höflichkeit bemühen, als er die Frage aus dem Lager der FDP beantworten muss, »ob der Ausschluss aus dem DFB-Pokal dem Verein denn auch finanziell schaden würde.« Der fehlende rote Faden ist das große Manko der Veranstaltung, bei der schon schnell klar wird, dass in das Thema nach dieser Sitzung in etwa so viel Bewegung kommen wird wie in die Eisschollen vor dem Fenster, die unbeharrlich die Spree verzieren. Nach einer weiteren Fragerunde ist der Spuk vorbei. Überpünktlich um 18 Uhr schließt Dagmar Freitag die Sitzung. Neue Erkenntnisse? Fehlanzeige.






