So war das »Jahrhundertspiel« Kiel gegen BVB wirklich
Don't believe the Hype!
Text: Moritz Herrmann Bild: Moritz Herrmann / imago
Die »Kieler Nachrichten« erhoben das DFB-Viertelfinale Kiel-BVB zum Jahrhundertspiel, der »NDR« sprach von einer Stadt »im Ausnahmezustand«. Wirklich? Wir waren am gestrigen Mittwoch in Kiel, um die Superlative zu überprüfen. Eine Spurensuche in der Handballhochburg.
Da, das Bettengeschäft, blau-weiß-rote Ballons im Schaufenster. Die Farben von Holstein Kiel! Oder sind nur die Landesfarben gemeint? So genau lässt sich das nicht sagen, zu rar hat sich die Fußballeuphorie bisher gemacht. Von der via Facebook initiierten Aktion, hernach alle Kieler Schal, Fahne oder Wimpel aus dem Fenster hängen sollen, ist nichts zu sehen. Zwei Busfahrer fachsimpeln immerhin über das Ergebnis, der eine hofft auf die Verlängerung. Sein Kollege sagt: »Joar, mal gucken.« Kiel am Dienstag, 13 Uhr Ortszeit. Hanseatische Zurückhaltung.
Das Stadion ruht im stillen Schneekleid, die Sonne bricht durch die Wolken. Das riesige Thermozelt spannt sich wie ein Zeppelin über den Rasen, der am 18. Januar 2012 eigens aus den Niederlanden herbeigekarrt wurde. Die weiße Plane, schon vor dem Achtelfinale gegen Mainz im Einsatz und zuletzt nach Newcastle entliehen, wird mit warmer Luft bepumpt. Kiel setzt auf den Heimnimbus, die Heizglocke verhindert ein Ausweichen ins rasenbeheizte Hamburg. Dass sich Jürgen Klopp im Ersten später trotzdem über irreguläre Bedingungen echauffieren wird, genau wie Mats Hummels und Sebastian Kehl, ahnt hier noch keiner.
Auch in Japan kennt man plötzlich Kiel
Die marode Schüssel wird pokaltauglich gemacht. Bunter Kabelsalat verdeckt die Sponsoren der Interviewwand, auf der Haupttribüne schrauben die Mitarbeiter des Bezahlsenders »Sky« an ihren Kameras. Ein Ordner in Neonweste streusalzt die Stufen zum Spielertunnel. Über 150 Securitys haben die norddeutschen Gastgeber für das Viertelfinale aufgefahren. In der Regionalliga sind es gerade mal sechzig. Nach oben korrigierte Dimensionen auch auf dem Hauptparkplatz: riesige Ü-Wagen von »NDR«, »RTL« und »ARD« reihen sich aneinander. Es ist eine Premiere, das erste Live-Spiel von Holstein Kiel im Öffentlich-Rechtlichen. 300 Journalistengesuche prasselten auf Medienleiter Patrick Nawe ein, sogar aus Japan.
In der Turnhalle zwischen West- und Südtribüne köpft Ulli Schwark ein Veltins. Schalkebier, genau. Schwark grinst. Mit seinem Fanclub »Die Elite« organisiert er die Choreografie am Abend. Riesige Rollen bedecken den Hallenboden, in Weiß und Blau und Rot. Jörg Duggen, Spaßvogel der Gruppe, robbt auf allen Vieren über die Folie. Mit Paketroller verklebt er die Streifen. Duggen hat sich extra Urlaub genommen. »Die Elite«, seit 1999 eingetragen, seit den Siebzigern im Stadion, versammelt sechzehn Haudegen, Kuttenfans eigentlich, nur würden diese Kutten nicht mehr passen, feixt Klaus Zitzke. Gelächter in der Runde, die mit der Choreografie Neuland betritt.
Mit den Ultras wurde die Stimmung verbannt
Seit die Ultra-Szene aus dem Stadion verbannt ist, kennt man aufgeladene Atmosphäre in Kiel nur noch vom Hörensagen. Im Sommer 2011 hatten Kieler und Lübecker Ultras beim holsteinischen Landespokalfinale ihre Rivalität mit Fäusten ausgeprügelt. 54 Ultras des KSV erhielten Hausverbot am heimischen Westring. Dazu kamen 20 Stadionverbote, die noch weiter zurückreichten. Plötzlich war die Ultra-Szene tot, und mit ihr die Stimmung. Jonas Ruß, 21, erklärt: »Wenn der BVB hundert Leute sperrt, fällt das kaum ins Gewicht. Hier geht die ganze Dynamik verloren.« Einst auch Ultra, hilft er der Elite heute bei den Vorbereitungen.
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