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08.02.2012

So war das »Jahrhundertspiel« Kiel gegen BVB wirklich

Don't believe the Hype!

Text: Moritz Herrmann  Bild: Moritz Herrmann / imago

Die »Kieler Nachrichten« erhoben das DFB-Viertelfinale Kiel-BVB zum Jahrhundertspiel, der »NDR« sprach von einer Stadt »im Ausnahmezustand«. Wirklich? Wir waren am gestrigen Mittwoch in Kiel, um die Superlative zu überprüfen. Eine Spurensuche in der Handballhochburg.

So war das »Jahrhundertspiel« Kiel gegen BVB wirklich - Don


Da, das Bettengeschäft, blau-weiß-rote Ballons im Schaufenster. Die Farben von Holstein Kiel! Oder sind nur die Landesfarben gemeint? So genau lässt sich das nicht sagen, zu rar hat sich die Fußballeuphorie bisher gemacht. Von der via Facebook initiierten Aktion, hernach alle Kieler Schal, Fahne oder Wimpel aus dem Fenster hängen sollen, ist nichts zu sehen. Zwei Busfahrer fachsimpeln immerhin über das Ergebnis, der eine hofft auf die Verlängerung. Sein Kollege sagt: »Joar, mal gucken.« Kiel am Dienstag, 13 Uhr Ortszeit. Hanseatische Zurückhaltung.



Das Stadion ruht im stillen Schneekleid, die Sonne bricht durch die Wolken. Das riesige Thermozelt spannt sich wie ein Zeppelin über den Rasen, der am 18. Januar 2012 eigens aus den Niederlanden herbeigekarrt wurde. Die weiße Plane, schon vor dem Achtelfinale gegen Mainz im Einsatz und zuletzt nach Newcastle entliehen, wird mit warmer Luft bepumpt. Kiel setzt auf den Heimnimbus, die Heizglocke verhindert ein Ausweichen ins rasenbeheizte Hamburg. Dass sich Jürgen Klopp im Ersten später trotzdem über irreguläre Bedingungen echauffieren wird, genau wie Mats Hummels und Sebastian Kehl, ahnt hier noch keiner.

Auch in Japan kennt man plötzlich Kiel

Die marode Schüssel wird pokaltauglich gemacht. Bunter Kabelsalat verdeckt die Sponsoren der Interviewwand, auf der Haupttribüne schrauben die Mitarbeiter des Bezahlsenders »Sky« an ihren Kameras. Ein Ordner in Neonweste streusalzt die Stufen zum Spielertunnel. Über 150 Securitys haben die norddeutschen Gastgeber für das Viertelfinale aufgefahren. In der Regionalliga sind es gerade mal sechzig. Nach oben korrigierte Dimensionen auch auf dem Hauptparkplatz: riesige Ü-Wagen von »NDR«, »RTL« und »ARD« reihen sich aneinander. Es ist eine Premiere, das erste Live-Spiel von Holstein Kiel im Öffentlich-Rechtlichen. 300 Journalistengesuche prasselten auf Medienleiter Patrick Nawe ein, sogar aus Japan.

In der Turnhalle zwischen West- und Südtribüne köpft Ulli Schwark ein Veltins. Schalkebier, genau. Schwark grinst. Mit seinem Fanclub »Die Elite« organisiert er die Choreografie am Abend. Riesige Rollen bedecken den Hallenboden, in Weiß und Blau und Rot. Jörg Duggen, Spaßvogel der Gruppe, robbt auf allen Vieren über die Folie. Mit Paketroller verklebt er die Streifen. Duggen hat sich extra Urlaub genommen. »Die Elite«, seit 1999 eingetragen, seit den Siebzigern im Stadion, versammelt sechzehn Haudegen, Kuttenfans eigentlich, nur würden diese Kutten nicht mehr passen, feixt Klaus Zitzke. Gelächter in der Runde, die mit der Choreografie Neuland betritt.

Mit den Ultras wurde die Stimmung verbannt

Seit die Ultra-Szene aus dem Stadion verbannt ist, kennt man aufgeladene Atmosphäre in Kiel nur noch vom Hörensagen. Im Sommer 2011 hatten Kieler und Lübecker Ultras beim holsteinischen Landespokalfinale ihre Rivalität mit Fäusten ausgeprügelt. 54 Ultras des KSV erhielten Hausverbot am heimischen Westring. Dazu kamen 20 Stadionverbote, die noch weiter zurückreichten. Plötzlich war die Ultra-Szene tot, und mit ihr die Stimmung. Jonas Ruß, 21, erklärt: »Wenn der BVB hundert Leute sperrt, fällt das kaum ins Gewicht. Hier geht die ganze Dynamik verloren.« Einst auch Ultra, hilft er der Elite heute bei den Vorbereitungen.


weiterlesen [1] [2] [3]



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Kommentare

  • User
  • 08.02.2012 12:41:02 Orangeat und Sukkade

    Ich gehe nicht ganz konform mit dem Artikel. 1995 ist der VfB natürlich in die 2. Liga aufgestiegen und die KSV konnt da nix dran ändern. Das was ihr ansprechen wollt, war '99 oder so. Interessiert niemanden, ganz recht. Ansonsten kommt's halt auf die Perspektive an. Wer KSV-Euphorie im Kieler Einzugsgebiet erkennen wollte, der hat's erkannt. Wer die THW-Überschattung erkennen wollte, der hat halt das gesehen...

  • User
  • 08.02.2012 14:07:00 24THINK

    Kiel am Dienstag, 13 Uhr Ortszeit. Hanseatische Zurückhaltung.

    kiel ist keine hansestadt.
    richtig wäre hier: Holsteinische Zurückhaltung.

  • User
  • 08.02.2012 14:14:32 suppenteller

    was für eine dämliche klugscheißerei 24think, als ob nicht jeder verdammt nochmal wüsste was gemeint sei. gleichzeitig setzt du dich mal so richtig in die nesseln, wenn du da den historisch korrekten gibst, schließlich waren auch zig städte hansemitglieder die weit von dem entfernt sind, was man so heute unter hanseatisch versteht. hanseatische lebensfreude in köln, hanseatische direktheit in dortmund, hanseatische provinzialität in venlo....

  • User
  • 08.02.2012 14:22:24 giselher

    Hehe, suppenteller. Blattschuss. Treffer und versenkt.

  • User
  • 08.02.2012 14:48:49 24THINK

    ja, ich so als nordeutscher hab da mal gar keine ahnung und weiß
    natürlich auch nichts darüber wie sehr es einem kieler bekommt hanseatische zurückhaltung unterstellt zu bekommen.
    und dass jeder zweite hafen auch als hansekontor etc diente, musste mir auch der verdammt noch mal so weise suppenteller plus entourage erklären.

    schön und gut ist das alles.

    kiel war, ist und bleibt aber trotz all des gezetes keine hansestadt, sondern die haupstadt des bundeslandes schleswig-holstein und im speziellen des landesteils holstein, nach dem auch der kieler verein benannt ist. treffend wäre hier also nach wie vor: holsteinische zurückhaltung.

  • User
  • 08.02.2012 14:56:40 24THINK

    ach so, noch etwas dämliche klugscheißerei aus den nesseln meinerseits:

    weil ja jeder weiß, was gemeint ist, muss es wohl auch unwichtig sein,
    dass es einen unterschied gibt zwischen dem begriff hansestadt und einer stadt, die zur hanse gehörte.
    aber weiß ja jeder verdammt noch mal was gemeint war mit dem, was man heute so unter hanseatisch versteht.

  • User
  • 08.02.2012 14:59:55 Yvy

    Und bei "Der Patrizier 2" kommt Kiel auch nicht vor, noch nicht mal als Hansekontor

  • User
  • 08.02.2012 15:00:48 Yvy

    Wenn mich jemand als Franke bezeichnen würde , wär das selbe. 15km von der fränkischen Grenze aufgewachsen (auf der anderen Seite, wie ich betonen möchte).

  • User
  • 08.02.2012 15:01:12 Yvy

    Superpippo !

  • User
  • 08.02.2012 15:01:23 Yvy

    der Bayernkiller !

  • User
  • 08.02.2012 15:03:26 alterzabo

    ach komm Ivy, ist so ein großer Unterschied nicht, die Grenze zwischen Oberpfalz und Franken läuft nur auf dem Papier entlang einer Linie.

  • User
  • 08.02.2012 15:05:42 Fix

    Die hanse existiert doch nicht mehr, da kiel aber in der Hanse zeitweise Mitglied, war könnte man kiel, doch als hansestadt bezeichnen.

  • User
  • 08.02.2012 15:26:04 giselher

    1200 dunnemals bis 1500 irgendwann war Kiel Hansestadt. Irgendwann und kurze Zeit auch mal dänisch. In der DDR war Kiel nie.

    Alles Kokolores. Gegenstand der Diskussion ist der Begriff "hanseatische Zurückhaltung". Das Adjektiv hat sich längst von dem historischen oder geographischen Hanse-Begriff emanzipiert. Es ist ein Synonym für (gemengemäßig) "ruhig, zurückhaltend, rational, überlegen".

    Denkers Ansatz ist Quatsch. Entschuldigend sei angemerkt, dass Westdeutsche Themen nicht in seine Kernkompetenz fallen.

  • User
  • 08.02.2012 15:26:15 24THINK

    dass kiel als hansestadt durchgehen soll, kann man ja mal in lübecker farben gekleidet beim nächsten derby per megafon verkünden und hier dann später von seinen erlebnissen berichten.

  • User
  • 08.02.2012 15:30:30 24THINK

    wenn schon ein schwank aus der jugend kommt, dann bitte richtig:

    Beim letzten Hansetag 1669 in Lübeck waren nur noch neun Städte vertreten: Lübeck, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Danzig, Hildesheim, Köln, Osnabrück und Rostock.

    und nur mal, falls jemand unsicher geworden sein sollte:
    ja, ossis sind die wurzel allen übels.

  • User
  • 08.02.2012 15:32:59 Fix

    ...und die krone ist 24think.

  • User
  • 08.02.2012 15:34:15 Karpfenluder

    Na endlich, ich dachte schon, wasn hier los?

  • User
  • 08.02.2012 15:35:28 24THINK

    ja, danke. mit machtsymbolik kann ich mich identifizieren.

    anders als der niedere pöbel hier...

  • User
  • 08.02.2012 15:36:00 giselher

    Hehe. Manchmal dauerts halt. Aber letztlich ist auf ihn Verlass....

  • User
  • 08.02.2012 15:43:23 24THINK

    ja, auf mich ist verlass.

    holsteinischer verlass.

  • User
  • 08.02.2012 15:50:43 giselher

    holsteinischer verlass hört/fühlt sich so ähnlich an wie hanseatischer Humor...

  • User
  • 08.02.2012 15:53:20 ColePorter

    Wird wohl mal wieder Zeit für nen neuen Hansetag, oder?
    1669 is schon ne Zeitlang her...

  • User
  • 08.02.2012 16:04:35 24THINK

    wieso?
    ist doch noch aktuell genug, um von kiel als hansestadt zu reden.
    obwohl die stadt beim letzten hansetag ja gar nicht mehr dabei war.

    und holsteinischer verlass und hanseatischer humor sind charaktereigenschaften güteklasse a, wie jeder weiß.

  • User
  • 08.02.2012 19:54:01 Orangeat und Sukkade

    Scheißt doch gottverdammt nochmal auf diese verfickte Hansescheiße! Ich glaube, sogar Soest ist Hansestadt? Der Begriff der Hanse hat mittlerweile doch eh den Umweg über diverse Marketing-Agenturen genommen - wie sonst ist zu erklären, dass die Hansestadt Lüneburg vor Gericht ziehen musste, um sich diesen Beinamen zu erkämpfen. Und prompt ratterte dann zB auch das neue, grässlich-kackverdammte Logo des FC Hansa Lüneburg durch die Marketing-Agenturen. Erzählt mir was von Kack-Städten, aber lasst doch diese verfickt-eitle Hanse endlich in Ruh'!

  • User
  • 10.02.2012 10:26:59 jens2901

    @ColePorter: Schlechte Recherche, Hansetage finden seit 1982 jährlich in ehemaligen und aktuellen Hansestädten statt.

  • User
  • 10.02.2012 10:35:14 haibi

    Die Hanse(ls)-Tage gibts dauernd in in so überraschend hanseatischen Städten wie z.B. Lüneburg.
    Ein rein folkloristsches Trauerspiel das mit dem üblichen Tam-Tam der Provinpolitiker garniert letztendlich ein Art massenabfertigung für in Bussen herangeschaffte Touris ist.
    Der Begriff "hanseatische Zurückhaltung" dürfte allerdings i.d.T. so in etwa das beschreiben was man den z.B. hamburgischen Kaufleuten aus der späten Mittelalter nachsagt, rel. still sein Geschäftchen machen, das genaue Gegenteil der Hansetage so zu sagen.
    Zum Thema Hans a Lüneburg sei zu sagen das man den vielen Wirtschaftsflüchtlingen aus Meck-Pom ein wenig Heimatgefühl geben wollte, anders kann ich mir das jedenfalls nicht erklären.

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