Dienstagskolumne: Zu Besuch im türkischen Wettbüro
Der schöne Schein
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Geld! Teure Frauen! Weltreisen! Geld! Unser Kolumnist Lucas Vogelsang wollte das Leben eines reichen Spielers führen, also marschierte er das erste Mal in seinem Leben in ein Wettbüro. Und verpulverte gleich mal sein Honorar für diesen Text.
Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jede Woche machen sich Lucas Vogelsang, Frank Willmann, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, textet für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.
Das hat man nun davon, wenn man auf Typen hört, die aussehen wie streng liberale Staubsaugervertreter. Einstecktuch im mit Goldknöpfen verzierten Kapitänssakko, ölige Frisur, die es zur Guttenberg-Brille ganz offensichtlich gratis dazu gibt. Quasi auf Rezept. Er stand vor ein paar Tagen neben mir in einer dieser verrauchten Bars, die ja heute nicht mehr Bars heißen, und schon gar nicht mehr einfach nur Kneipe, sondern Smoker’s Lounge und sagte, ganz beiläufig: »Da hab ich letztes Mal einfach einen großen Schein auf Bayern gesetzt.«
Interessant. Fußballwetten. Nicht mein Ding, gab ich ihm zu verstehen. Und ohnehin, jetzt dieses Gespräch muss auch nicht unbedingt sein. Aber da war er schon, auf der Schussfahrt seiner Wettgeschichte, unaufhaltsam in Richtung Pointe unterwegs.
Wetten, das ist wie Autos verkaufen, oder Boote.
FDP-Grinsen. Wäre das ein Comic gewesen, sein linker Eckzahn hätte kurz gefunkelt. Und jetzt, sagte er dann, habe ich viele große Scheine. So einfach ist das. Wetten, das ist wie Autos verkaufen, oder Boote. Ein Kinderspiel, wenn man nur weiß, wie. Darauf eine Runde Sambuca für mich und meinen Freund hier! Zwei Finger in Richtung Barmann. Calmund-Kralle in meinem Nacken. Der Rest des Abends: Erinnerungen in Zuckerwatte. Ich hatte diese Unterhaltung eigentlich längst vergessen. So wie man Fernsehbilder vergisst. Aber am Samstag fiel mir das mit den großen vielen Scheinen plötzlich wieder ein.
15 Uhr am Kottbusser Tor. Die Stadt so kalt, dass man die Temperatur nur noch in Wolgograd messen konnte. Ich war trotzdem unterwegs. Wochenendwege. Das Übliche. Kurz vor der U-Bahn aber fiel mein Blick auf ein großes Schild. »Hattrick Sportwetten«. Ich hatte noch Zeit, also stieg ich die Treppen hinauf und drückte die Klinke der schweren Glastür. Der Raum nicht mehr als ein über die Adalbertsraße gespannter Betonschlauch, halb Wartezimmer eines Busbahnhofs, halb türkischer Kulturverein. Fünf Meter breit, zwanzig lang, Automatenkaffee zu 50 Cent.
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