Auszug aus Frank Goosens neuem Roman »Sommerfest«
Gestrecktes Bein
Text: Frank Goosen Bild: Imago
Frank Goosen ist Schriftsteller, Aufsichtsrat beim VfL Bochum und seit einiger Zeit auch: Fußballtrainer. In der neuen 11FREUNDE-Ausgabe berichtet er vom Dasein als E-Jugend-Coach. Ergänzend auf 11freunde.de: Ein Auszug aus seinem neuen Roman »Sommerfest«.
Was mache ich hier, denkt Stefan? Ich gehöre hier nicht mehr hin, bin umgeben von Geschichten, die schon lange auserzählt sind, ohne Pointe, aber ganz rund, kein offenes Ende, keine offenen Fragen. Toto Starek, der Versager. Diggo Decker, sein Herrchen. Frank Tenholt, der Statthalter. Karin Tenholt, die Verwirrmaschine. Thomas Jacobi, Berufsjugendlicher. Mandy, Provinzsirene. Heinz Tenholt, Klaus Dudek, Karl-Heinz Rogowski, Dieter Mehls und all die anderen.
Und Omma Luise. Die Frau, die alles mitgemacht hat. Einen Mann, den sie nicht so sehr geliebt hat wie einen anderen, mit dem sie aber trotzdem fast fünfzig Jahre verheiratet war. Bis dass der Tod sie schied. Genauso wie von ihrer Tochter. Die Scheiße, die man Leben nennt.
Und Charlie. Charlotte Abromeit. Die Enkelin des Masurischen Hammers, des alten Kirmesboxers, der großen Liebe von Luise Borchardt, geborene Horstkämper. All diese Geschichten, die man eigentlich aufschreiben müsste, aber eigentlich ist ein großes Wort, das größte vielleicht überhaupt, weil es immer zwischen dem steht, was man tut, und dem, was man tun sollte. Aber das, was man tut, ist nun mal das, was einen am Leben erhält. Das, was man tun sollte, lenkt einen ab und bläst einem Wolken in den Kopf. Als Kind glaubt man, dass man aus einem Flugzeug springen könnte und die Wolken einen auffingen. Alles Quatsch. Du hast ein Haus zu verkaufen, denkt Stefan.
Das Haus.
Der Termin mit dem Makler.
Stefan nimmt sein Telefon aus der Hosentasche. Es war natürlich der Makler, der vorhin versucht hat, ihn zu erreichen, nicht Anka.
Er steckt das Telefon wieder weg. Jetzt ist es auch egal, den Makler ruft er später noch mal an, auch wenn er nicht weiß, was das bringen soll, der wird sich nicht am Sonntag mit ihm treffen, der Makler, nicht für ein heruntergekommenes Bergarbeiterreihenhaus mit niedrigen Decken. Also muss er einen neuen Termin machen und wieder hierherkommen, dann aber heimlich, damit er niemandem über den Weg läuft, von niemandem verhaftet und verurteilt werden kann, zu Bier und Sprüchen und Erinnerungen. Wenn er am Montagmorgen nicht in München ist, ist er arbeitslos und dann kann er sich auch selber Guten Morgen sagen, wie das echte Leben.
Was tun?
Erst mal wieder auf das Spiel konzentrieren, beziehungsweise auf das Bier, das Dieter Mehls ihm völlig überraschend in die Hand drückt. Das wird jetzt aber ein bisschen viel, denkt Stefan, es ist ja nicht mal richtig Abend, wo soll das alles noch hinführen. Aber Dieter Mehls sagt »Auf unseren Murat«, und da muss natürlich mitgetrunken werden, denn der Murat ist einer von uns.
Ergänzung zu Heft#124 03/2012
Das große Interview mit Joachim Löw
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