Martin Stranzl über Gladbachs Ziele und Lucien Favre
»Die Fans hätten Europa verdient«
Interview: Manuel Schumann Bild: Imago
Vom durchschnittlichen Bundesligaprofi beim VfB Stuttgart über einen Neuanfang in Moskau reifte Martin Stranzl diese Saison zum Gladbacher Führungsspieler. Ein Gespräch über seinen Höhenflug, Lucien Favres Lockerheit und die gestiegene Erwartungshaltung.
Martin Stranzl, wie schwer fällt es Ihnen in diesen Tagen, sich aufs Training zu konzentrieren?
Martin Stranzl: Überhaupt nicht. Wieso?
Alle klopfen Ihnen auf die Schulter, die Euphorie in Gladbach ist riesig. Es könnte sich eine gewisse Bequemlichkeit einschleichen.
Martin Stranzl: Es besteht doch immer die Gefahr, dass der eine oder andere Spieler im Unterbewusstsein einen Gang zurückschaltet – speziell junge Profis. In solchen Fällen müssen erfahrene Spieler eingreifen. Ich muss Sie aber enttäuschen: Die Mannschaft ist derzeit hochkonzentriert.
Vergleicht man Ihre jetzige Körpersprache auf dem Platz mit der aus Stuttgarter Tagen, so bekommt man den Eindruck, man beobachtet zwei verschiedene Spieler. Wie erklären Sie sich das?
Martin Stranzl: In Stuttgart war ich noch nicht soweit. Matthias Sammer würde das sicherlich bestätigen. In die Rolle als Führungsspieler muss man hineinwachsen, das ist ein Prozess. Bei mir hat dieser vielleicht etwas länger gedauert als bei anderen Spielern. Klar ist aber auch: Junge Spieler schauen eher auf sich, auf ihre Leistung, das große Ganze überblickt man erst später. Welcher erfahrene Spieler lässt sich schon von einem 24-Jährigen führen?
Sie haben anschließend viereinhalb Jahre in Moskau gespielt – worin haben Sie sich in dieser Zeit verbessert?
Martin Stranzl: Ich konnte mit Spartak im Uefa Cup und der Champions League viele Erfahrungen sammeln, das bringt jeden Spieler in seiner Entwicklung automatisch nach vorn. Zudem habe ich in Moskau unter vielen verschiedenen Trainern spielen dürfen; jeder einzelne Coach hatte natürlich seine eigenen taktischen Vorstellungen. Insgesamt war es eine lehrreiche Zeit.
Wie groß war für Sie die Umstellung auf die Bundesliga?
Martin Stranzl: Das verlief reibungslos. Mir ist jedoch sofort aufgefallen, dass mittlerweile nahezu alle Bundesligamannschaften taktisch sehr diszipliniert spielen, die Ordnung auf dem Platz stimmt fast überall. Das ist vielleicht der größte Unterschied.
Einige Ihrer Kollegen sagen, Ihr Trainer Lucien Favre sei nie zufrieden, er finde immer Fehler. Sehen Sie das ähnlich?
Martin Stranzl: Das kann ich bestätigen. Lucien Favre wirkt dabei aber keineswegs negativ. Im Gegenteil: Er spricht auch Lob aus, wenn wir die Vorsätze im Spiel gut umgesetzt haben. Er hat recht mit der Aussage, dass es das perfekte Spiel nicht gibt. Kritik ist daher immer sinnvoll, wir Spieler wollen sie auch hören. Dass Lucien Favre zudem viele Details anspricht, hat sich zuletzt häufig ausgezahlt. Insgesamt funktioniert die Zusammenarbeit derzeit wunderbar.
Was zeichnet Lucien Favre aus?
Martin Stranzl: Seine Ansprachen sind sehr ruhig und unheimlich effektiv. Er zeigt uns immer wieder Spielsituationen und mögliche Lösungsansätze. Er ist ein lockerer, humorvoller Typ. Er kann aber auch anders: Lässt ein Spieler die Zügel schleifen, spricht er das knallhart an. Lucien Favre hat ein sehr gutes Gespür für die jeweilige Situation. Die Balance stimmt.
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