David Odonkor über seine Leidenszeit und falsche Freunde
»Ein Profi muss eiskalt sein«
Interview: Tim Jürgens Bild: Ali Kepenek
Shooting-Star David Odonkor erlebte nach der WM 2006 ein Martyrium. Falsche Freunde erleichterten ihn um teure Autos. Ein Virus beendete fast seine Karriere. In Aachen wagt der 28-Jährige nun einen Neuanfang. Er sagt: »Einen Plan B hatte ich nie«
David Odonkor, wie geht es Ihnen?
David Odonkor: Gut. Ich bin froh, wieder in Deutschland zu sein und dass Alemannia Aachen mir die Chance gibt, mich zu präsentieren. Es läuft noch nicht alles rund, aber ich bin zuversichtlich.
Hinter Ihnen liegt eine achtmonatige Verletzungpause, in der Sie nicht trainieren konnten. Seit Sie 2006 zu Betis Sevilla wechselten, hatten Sie immer wieder mit Knieproblemen zu kämpfen.
David Odonkor: Das stimmt, aber die zurückliegenden Monate waren die mit Abstand schlimmste Zeit. Ich hatte in Sevilla eine erneute Arthroskopie machen lassen – meine insgesamt fünfte. Ein Routineeingriff, um zu überprüfen, ob mein Knie wieder ganz okay ist. In den ersten Tagen nach der Operation ging es mir sehr gut. Ich konnte sogar spielen, schoß noch ein Tor im Spiel gegen Atletico Madrid. Doch eines Nachts bekam ich plötzlich höllische Schmerzen im Knie.
Eine Viruserkrankung, die Sie bei der OP davon getragen hatten.
David Odonkor: Noch in der Nacht musste ich ins Krankenhaus. Dort hieß es, es sei nichts Schlimmes und man gab mir Medikamente und Krücken für den Heimweg. Zwei Tage später war es dann vorbei. Ich konnte mich eineinhalb Monate nicht mehr bewegen und war ans Bett gefesselt. Dann folgte eine lange Zeit, in der ich von einem Arzt zum nächsten, von einer Reha zur anderen tingelte. Erst nach acht Monaten konnte ich wieder mit dem Training beginnen.
Mussten Sie damit rechnen, nie mehr spielen zu können.
David Odonkor: In so einer Situation denkt man nicht mehr an Fussball, sondern nur daran, dass endlich die Schmerzen verschwinden.
Sie standen bis letzten Sommer bei Betis Sevilla unter Vertrag. Warum konnte Ihnen die medizinische Abteilung des Klubs nicht helfen?
David Odonkor: Die Verhältnisse bei den spanischen Vereinen sind nicht mit der Situation in der Bundesliga vergleichbar. Mir fehlten die Spezialisten aus Deutschland. Mein deutscher Arzt riet mir anfangs jedoch davon ab, mich ins Flugzeug zu setzen. Es bestand die Gefahr, dass sich während Reise der Virus über den ganzen Körper verteilen würde. Die Folgen waren unabsehbar. Also blieb ich in Sevilla bis ich wieder reisen konnte. Im Sommer lief dann mein Vertrag aus.
Die vorherigen vier Arthroskopien waren ohne Probleme abgelaufen.
David Odonkor: Die letzte OP war die erste, die ich in Spanien machen ließ. Vielleicht war es ein Fehler, denn ich war gut in Form. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Aber ich glaube, unser Leben ist festgeschrieben. Den Virus hätte ich mir genausogut in Deutschland einfangen können. Wichtig ist, dass ich nun wieder gesund bin.
Haben Sie zwischenzeitlich gezweifelt, ob es überhaupt richtig war, Profi zu werden?
David Odonkor: Wissen Sie, es war früher nie mein Ziel, mein Geld als Profi zu verdienen. Ich habe einfach nur gerne Fußball gespielt. Schon auf dem Bolzplatz hatte ich aufgrund meiner Schnelligkeit einen Bonus. In der Grundschule lief ich die 50 Meter unter sieben Sekunden. Und beim Fußball entscheiden nun mal die ersten Meter. Mein Antritt war besonders und so hat sich dann alles entwickelt.
Sie sollen Sie die 100 Meter deutlich unter 11 Sekunden gelaufen sein.
David Odonkor: Bis heute liegt meine Bestzeit bei 10,7 Sekunden. Meine Mitspieler haben sich im Training manchmal gar nicht mehr die Mühe gegeben hinterherzulaufen.
Und heute?
David Odonkor: Natürlich werfen einen Spieler Verletzungen zurück. Ich merke, dass ich älter geworden bin und ich vielleicht nicht mehr ganz so explosiv bin wie noch vor ein paar Jahren. Aber keine Sorge: Die 100 Meter schaffe ich immer noch in 14 Sekunden. (lacht)
Bis zur Weltmeisterschaft 2006 liest sich Ihre Laufbahn wie ein Märchen. Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als Jürgen Klinsmann Sie in den WM-Kader berief?
David Odonkor: Ich hatte eine gute Saison für den BVB gespielt und freute mich auf die Europameisterschaft mit der U21. Jürgen Klinsmann hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht kennengelernt. An dem Tag, als mittags in Berlin der WM-Kader präsentiert wurde, klingelte bei mir morgens um 8.44 Uhr das Telefon.
Jürgen Klinsmann?
David Odonkor: Dieter Eilts war dran, der U21-Coach. Er sagte mir, dass ich nicht bei der EM dabei sein würde. Da musste ich erstmal tief durchatmen. Als ich fragte, weshalb er mich nicht mitnähme, antwortete er, dass Klinsmann mich für die WM haben wolle. Er würde gleich anrufen. Um 8.47 Uhr rief Klinsi dann an und fragte, ob ich zu A-Nationalmannschaft kommen wolle, schließlich sei mittags die Verkündung des Kaders angesetzt. Ich musste mich erstmal kneifen.
Ergänzung zu Heft#123 02/2012
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