Karl-Heinz Rummenigge über die Vermarktung der TV-Rechte
»Wir sind die Treiber der Liga«
Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Zur Saison 2013/2014 werden die Bundesliga-TV-Rechte neu verhandelt, bis zu 500 Millionen Euro könnten für die Klubs fließen. Karl-Heinz Rummenigge fordert seit längerem mehr Geld. Ein Gespräch über bayrische Arroganz und eine GEZ-Gebühr für die Liga.
Karl-Heinz Rummenigge, welche Anekdote fällt Ihnen ein, um uns das Motto »Mia san mia« zu illustrieren?
Karl-Heinz Rummenigge: Eine Szene, die ich nie vergesse, ist der Moment nach dem verlorenen Champions-League-Finale 1999.
Als der FC Bayern in der Nachspielzeit den Titel gegen Manchester United verlor.
Karl-Heinz Rummenigge: Ich kam in die Kabine und fühlte mich wie auf dem Schlachtfeld von Verdun: Uli Hoeneß lag auf der Massagebank, Sammy Kuffour kauerte nackt unter der kalten Dusche. Keiner sagte ein Wort. Wir hatten in die Scheiße gegriffen. In diesem Moment entstand in den Köpfen des Klubs ein Gefühl von »Jetzt erst recht«, das uns befähigte, zwei Jahre später mit der fast identischen Mannschaft die Champions League zu gewinnen. Der FC Bayern ist in diesem Moment nicht abgetaucht, sondern hat zusammengestanden. Das war: »Mir san mia.«
Nach Ihrer aktiven Zeit wurden Sie 1992 im Alter von nur 37 Jahren Vizepräsident des FC Bayern. Was befähigte Sie zum hohen Funktionär beim Marktführer?
Karl-Heinz Rummenigge: Grundsätzlich muss ich erst mal sagen, dass ich mich nie als Funktionär verstanden habe. Funktionäre gibt es für mich nur beim DFB, der FIFA und der UEFA. Zu Ihrer Frage: So eine Aufgabe kann man nicht lernen, in die muss man hineinwachsen. Und da gebe ich zu: Meine ganze Haltung hat sich seitdem grundlegend verändert.
Wie naiv war denn der Jung-Vize Rummenigge am Anfang?
Karl-Heinz Rummenigge: Ich glaubte damals, ein Vize-Präsident stellt sich vor die Truppe, reißt sie mit seiner Erfahrung mit – und dann läuft der Laden. Nach sechs Wochen standen wir auf Platz 14 und drohten im Spiel gegen die Stuttgarter Kickers auf einen Abstiegsplatz zu rutschen. Ich musste also dazulernen. Man kann das Fußballgeschäft schließlich nicht studieren, auch wenn so was offenbar neuerdings angeboten werden soll. Wer den Willen zum Erfolg verinnerlicht, hat schon viel verstanden. Wir beim FC Bayern sind Getriebene. Und ich bin froh, dass ich damals in die Verantwortung kam. Die öffentliche Welt war damals noch nicht so gnadenlos suchend.
Sie sagen, der FC Bayern sei im Gegensatz zu den Verbänden kein Klub der Apparatschiks. Ist das ein Teil des Erfolgsgeheimnisses?
Karl-Heinz Rummenigge: Wir haben hier kurze Wege, wir sitzen nichts aus. Als ich hier anfing, hatten wir 14 Mitarbeiter, heute haben wir fast 400. Und doch wissen alle, dass der Fußball hier der Mittelpunkt von allem ist.
Das bedeutet?
Karl-Heinz Rummenigge: Wenn wir erfolgreich sind, fügt sich der Rest von ganz allein.
Manche Leute behaupten, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß seien erst zufrieden, wenn der FC Bayern in zehn Jahren zehn Mal Meister wird.
Karl-Heinz Rummenigge: Diese Leute haben recht, wir haben immer das Gefühl, dass man alles immer noch besser machen kann. Ich kann mich erinnern, dass es Jahre gab, in denen wir Zweiter wurden und es fast als Beleidigung empfunden haben.
Diesen Erfolgshunger leben Sie seit Ihrer Spielerzeit. Dem FC Bayern sagt man wohl auch deshalb eine gewisse Arroganz nach. Als die Republik sang: »Zieht den Bayern die Lederhosen aus«, reisten Sie zu Auswärtsspielen in Lederhosen an und gewannen.
Karl-Heinz Rummenigge: Der Klub ist für eine vermeintliche Arroganz, die ich eher als unerschütterliches Selbstbewusstsein sehe, und das Polarisierende bekannt. Wir spalten das Land in zwei Lager – aber dafür sind wir auch nie langweilig.
Und Sie befeuern dieses Image gern mit öffentlichen Verlautbarungen.
Karl-Heinz Rummenigge: Zumindest wissen Uli Hoeneß und ich, wenn wir ein Interview geben, was wir damit auslösen.
Wie wichtig ist für den FC Bayern die große Show, das Boulevardeske?
Karl-Heinz Rummenigge: Natürlich spielt der Boulevard eine wichtige Rolle bei uns. Entscheidend ist nur, dass er am Ende des Tages nicht überwiegt. Fußball hat auch mit Unterhaltung zu tun, aber über allem steht doch der Sport und wie seriös wir ihn betreiben.
Versteht sich der FC Bayern in der Bundesliga eigentlich als Platzhirsch oder als primus inter pares?
Karl-Heinz Rummenigge: Wir wollen nicht die Chefs sein, so arrogant sind wir nicht. Aber wir wollen stets Erfolg haben, denn es geht jedes Jahr bei Null los – auch für den FC Bayern. Egal was wir vorher erreicht haben.
Der FC Bayern versteht sich als große Familie. In den entscheidenden Positionen sitzen Leute, die dem Verein seit Jahrzehnten angehören. Hat es auch Nachteile, wenn man zu lange im eigenen Saft schmort?
Karl-Heinz Rummenigge: Grundsätzlich ist Kontinuität etwas sehr Positives. Wir haben in vierzig Jahren nur fünf Präsidenten und drei Manager gehabt. Aber deshalb fehlt es nicht an Innovation. Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier los ist, wenn wir mal ausnahmsweise Fünfter oder Sechster sind.
Was denn?
Karl-Heinz Rummenigge: Dann fliegen hier die Fetzen, dann wird alles in Frage gestellt.
Aus Heft#118 09/2011
Die Bayernformel – Wie der FC Bayern die Liga regiert
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