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17.01.2012

Das einbeinige Model Mario Galla über Klaus Thomforde und fliegende Prothesen

»Ich war eher der Tim-Wiese-Typ«

Interview: Benjamin Kuhlhoff  Bild: Franck Glenisson

Mario Galla ist das derzeit bekannteste männliche deutsche Topmodel. Und das, obwohl er seit seiner Kindheit mit einer Beinprothese lebt. Ein Gespräch über Klaus Thomforde, fliegende Prothesen und das Styling von Tim Wiese.

Das einbeinige Model Mario Galla über Klaus Thomforde und fliegende Prothesen - »Ich war eher der Tim-Wiese-Typ«


Bei der Fashion Week 2010 ging ein Bild von Mario Galla um die Welt. Das Model marschierte in kurzen Hosen auf dem Laufsteg und hielt damit der auf Makellosigkeit ausgelegten Branche den Spiegel vors Gesicht: Denn seit seiner Kindheit lebt Galla mit einer Beinprothese. Seine Biographie heißt »Mit einem Bein im Modelbusiness«. Seine Behinderung war für ihn nie ein Hindernis, auch nicht auf dem Fußballplatz. Ein Gespräch über Klaus Thomforde, fliegende Prothesen und das Styling von Tim Wiese.

Mario Galla, Ihre Geschichte als Model mit nur einem Bein ist spätestens seit Ihrem Auftritt auf der Fashion Week 2010 hinlänglich bekannt. Was aber nur die wenigsten wissen: Ihr Vorbild war lange Zeit Ex-St.Pauli-Keeper Klaus Thomforde. Wie kam es dazu?

Mario Galla: Ich komme aus Hamburg und mein Stiefvater hat mich früh mit zu den Spielen des FC St. Pauli genommen. Da ich selbst Torwart in der Jugend des Eimsbütteler Turnvereins (ETV) war, hatte ich natürlich nur Augen für Klaus Thomforde. Ich fand ihn faszinierend, weil er einen Charakter hatte und nicht so austauschbar war wie die meisten anderen Profis. Auf dem Platz ist er explodiert, stand ständig unter Strom und verkörperte für mich ein wichtiges Lebensgefühl: Auch als vermeintlicher Außenseiter kann man alles schaffen, wenn man an sich glaubt.



Thomforde trug den Spitznamen »Das Tier im Tor«. Nicht gerade das perfekte Vorbild für einen Nachwuchskicker.


Mario Galla: Und ob. Auf dem Platz war er ein Derwisch, aber außerhalb war er total zuvorkommend, ein echt cooler Typ.

Sie haben ihn mal persönlich getroffen?

Mario Galla: Einmal? Ich war fast jede Woche beim Training. Ich hatte nur Augen für Thomforde. Einmal konnte ich sogar ein Foto mit ihm machen und danach hat er auf meinen Handschuhen unterschrieben. Ein Highlight meiner Jugend.

Wurden Sie ebenfalls zum Tier im Tor beim ETV?

Mario Galla: Sozusagen. Durch meine Behinderung habe ich mir auf jeden Fall besondere Torwarttechniken antrainiert. Da war auch schon mal ein Kung-Fu-Tritt dabei. Das hat die anderen beeindruckt, glaube ich. Angst hatte aber wohl niemand vor mir.

Hatten Sie einen Spitzenamen?

Mario Galla: Früher haben mich manche Kinder »Captain Hook« genannt. Ich konnte irgendwann damit leben.

Fußball spielen mit nur einem Bein, das klingt im ersten Moment problematisch. War Ihre Behinderung denn nie ein Hindernis?

Mario Galla: Am Anfang hat der Trainer natürlich gezweifelt, ob ich überhaupt mitspielen könne. Da hat mein Stiefvater echte Überzeugungsarbeit leisten müssen. Als die anderen dann gemerkt haben, dass ich ein akzeptabler Torwart bin, war meine Behinderung kein Thema mehr. Und dadurch, dass ich im Tor stand, trug ich sowieso meistens eine lange Hose. So konnte ich die blöden Kommentare der Gegenspieler von vornherein ausschließen. Die wussten einfach nicht, dass ich mit nur einem Bein spiele. Nur einmal habe ich einem Gegenspieler aus Versehen einen Schock fürs Leben versetzt

Was war passiert?

Mario Galla: Ich war damals ungefähr 11 Jahre alt und stand bei einem Punktspiel im Tor. Auf einmal kam ein gegnerischer Stürmer allein mit dem Ball auf mich zu. Ich stürzte raus, er legte sich den Ball etwas zu weit vor, ich wollte mit dem Fuß klären und es kam zum Pressschlag. Der Ball flog weg und meine nagelneue Fußprothese gleich hinterher. Den Blick des anderen Jungen werde ich nie vergessen: Er sah meinen Schuh wegfliegen, erkannte, dass ich plötzlich keinen Fuß mehr hatte und lief schreiend davon. Der dachte, er hätte mir den Fuß abgetreten. Auch die Eltern an der Seitenlinie kreischten wie verrückt. Ein prägendes Erlebnis.

Wie haben Sie reagiert?

Mario Galla: Erstaunlich cool. Zwei Mitspieler halfen mir auf und ich humpelte zu meiner zerdepperten Prothese. Das Spiel war natürlich für mich gelaufen. Aber die Sache hatte ein Gutes: Bald bekam ich eine hochentwickelte Sportprothese.

Danach war Ihre Fußballkarriere beendet.

Mario Galla: Ich habe noch ein paar Jahre weitergespielt, aber schnell gemerkt, dass ich mit dem Ball in der Hand besser bin als am Fuß. Klar, dribbeln konnte ich und einen Okocha-Trick habe ich auch noch gerade hinbekommen, aber als Stürmer hätte ich nie spielen können. Weil ich zu der Zeit auch den ganzen Hip-Hop-Lifestyle für mich entdeckt habe, wendete ich mich dem Basketball zu.

Dem FC St. Pauli sind Sie aber treu geblieben.

Mario Galla: Klar, ich liebe die Atmosphäre im Stadion. Und wenn ich in Hamburg bin, versuche ich immer über Freunde an Karten zu kommen. Mein Bruder spielt außerdem in der U15 von St. Pauli, so bin quasi auch familiär an den Verein gebunden. Aber es gab auch mal eine Zeit, in der ich das Millerntor gemieden habe.

Sie sind doch nicht etwa einer dieser Erfolgsfans?

Mario Galla: Quatsch, aber die Regionalligajahre waren echt hart. Vor allem, weil ich in dieser Zeit als Ordner am Millentor gearbeitet habe. Die Idee klang gut: An den Spieltagen im Innenraum des Millerntors zu sein und dafür auch noch Geld zu bekommen. Die Realität sah anders aus. Kurz gesagt: Der Job war echt mies.

Weil man nichts vom Spiel mitbekommt.

Mario Galla: Nein, weil man sich vorkommt wie im Zoo. Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber während der Spiele wurde ich von Gästefans 90 Minuten bespuckt, bepöbelt und beworfen. Mir kam es vor, als hätte ich wilde Tiere vor mir. Die waren voller Hass. Da habe ich mir gedacht: »Das tust Du Dir für 5,50 Euro die Stunde nicht an.« Meine Karriere als Ordner endete also nach exakt sieben Spielen. Danach hatte ich erst einmal keinen Bock mehr auf das Millerntor und habe mich auf die NBA fixiert.

Als Model reisen Sie quer durch die Weltgeschichte. Wo trifft man überall auf den Totenkopf?

Mario Galla: Wirklich überall, aber vor allem in England. In London ist es wirklich auffällig. Da kommt man oft über den FC St. Pauli mit Leuten ins Gespräch. Wenn die Menschen Hamburg hören, kommt meistens: »Yeah, St. Pauli!«

Schauen Sie sich auf Ihren Reisen auch andere Stadien an.


Mario Galla: Natürlich. Ich war zum Beispiel einmal beim Mailand-Derby im San Siro. Das war hammerhart, weil es in der Stadt an allen Ecken gebrannt hat. Die Polizei jagte Fans durch die Seitengassen. Allein um ins Stadion zu kommen, musste man seine Ausweisnummer hinterlegen. Das war mehr ein Staatsakt als ein Fußballspiel.


weiterlesen [1] [2]



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Kommentare

  • User
  • 18.01.2012 09:32:47 rumpler

    Denn seit seiner Geburt lebt Galla mit einer Beinprothese.

    Das ist allerdings ein Wunder der Evolution.

  • User
  • 18.01.2012 09:39:39 Benni Kuhlhoff

    Ich korrigiere. Nein, lieber doch nicht.

  • User
  • 18.01.2012 10:14:47 AntiMöller

    Ein Baby kriegt doch keine Beinprothese. Oder doch? Ohne Bein kann man schlecht krabbeln...

    Die Einleitung müsste dann auch geändert werden.

  • User
  • 18.01.2012 10:53:46 rumpler

    und wenn das fass leer ist, machen wir einfach noch eins auf ...

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