Die Geschichte der Fußballfans

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Die Geschichte der Fußballfans

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
13.01.2012

Wie die Polizei mit Fußballfans umgehen sollte

Das Ende der Eskalation

Text: Christoph Biermann und Ron Ulrich  Bild: Julian Röder

Krasse Einzelfälle und statistische Irrtümer verzerren das Bild in der Fan-Debatte im Fußball. Denn entgegen aller Behauptungen gibt es keine Gewaltwelle. Nun müsste die Polizei abrüsten und intelligenter mit den Fans umgehen.

Wie die Polizei mit Fußballfans umgehen sollte - Das Ende der Eskalation


Am kommenden Wochenende findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, Soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche haben wir auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur veröffentlicht. Ihr findet alle Texte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Die folgende Reportage »Das Ende der Eskalation« stammt aus 11FREUNDE #120 (Oktober 2011).


Als die Fans von Borussia Dortmund nach über zweistündiger Fahrt mit diversen Regionalzügen Hannover erreichen, tritt ihnen in der Halle des Hauptbahnhofs die Staatsmacht entgegen. Besonders einschüchternd wirkt sie nicht, denn das Empfangskommando der Polizei besteht vor allem aus einem gutgelaunten Schnauzbarträger von Mitte 50 mit schulterlangem Haar, der nicht einmal Uniform trägt. Auf seiner roten Weste steht »Konflikt-Management«. Detlev Kofbinger, den seine Kollegen nur »Kofi« nennen, ist heute für den Anmarsch zum Stadion von rund 200 Dortmunder Anhängern verantwortlich, die der Polizei in Hannover als Problemfans angekündigt wurden. Er macht aber den Eindruck, als müsse er lediglich ein paar Kinder auf dem Schulweg begleiten.



Noch bevor die Fans auf den Bahnhofsvorplatz kommen, geht Kofbinger auf die beiden Ultraführer mit Megafon zu. Als sie ihn sehen, hellen sich ihre Mienen auf: »Hallo Jörg«, sagt einer. So richtig erklären kann sich auch Kofbinger nicht, warum er von den Dortmundern Jörg statt Detlev genannt wird, aber wichtiger ist: Man kennt sich. Für Auswärtsfans in Hannover ist der Konfliktmanager mit seiner herzlichen Art ungefähr das, was Dirk Matthies im »Großstadtrevier« für den Kiez ist. Und so dauert die Unterredung mit den Köpfen der Ultras auch keine Minute, dann folgen sie ihm.

»Raumdeckung statt Manndeckung« heißt die Polzei-Devise

Der schwarz-gelbe Tross begibt sich auf den knapp halbstündigen Weg zum Stadion, 200 Fans pilgern dem Mann mit Weste und Schnauzer hinterher. Drumherum trabt eine Handvoll Pferde, die aber eher eine Geste der Gastfreundschaft sind, nachdem die BVB-Fans beim letzten Spiel in Hannover gesungen hatten: »Wir woll’n die Pferde seh’n.« Vorne und hinten rollt noch jeweils ein Polizeiwagen, das ist es auch schon. Weitere Kräfte halten sich außer Sichtweite. »Raumdeckung statt Manndeckung« heißt die Devise der Polizei in Hannover. Zwischenfälle gibt es keine. Weder wird ein Getränkeladen gestürmt noch Scharmützel mit Passanten angefangen, und Sachbeschädigungen bleiben ebenfalls aus. Als die Fans am Stadion ankommen, verabschieden sie sich: »Bis später, Jörg.«

Wie passt diese Idylle zu Berichten, die den Eindruck verbreiten, dass der deutsche Fußball gerade eine neue Gewaltwelle erlebt und sich Fans und Polizei in nie gekannter Frontstellung gegenüberstehen? Die Hamburger Polizei etwa sah sich in einem internen Papier schon vor Beginn der neuen Spielzeit am Limit. »Das Gewaltpotential hat ein noch nicht gekanntes Ausmaß erreicht«, hieß es dort. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig forderte im Sommer die Einführung eines Sicherheits-Euros für Risikospiele und sein hessischer Amtskollege Boris Rhein ein generelles Alkoholverbot in Fußballstadien. Selbst die eher zurückhaltende »Frankfurter Allgemeine Zeitung« warnte vorm »Pulverfass zweite Liga«.

»Der Einsatzleiter dachte, es hätte einen Anschlag gegeben«

Die ersten Wochen der Saison schienen diesen Stimmen Recht zu geben. Fans des BFC Dynamo Berlin griffen nach einem Pokalspiel Anhänger des 1. FC Kaiserslautern an, 18 Polizisten und zahlreiche Gästefans wurden verletzt. 55 Verletzte gab es beim Spiel zwischen Rot-Weiß Erfurt und Drittligaaufsteiger Darmstadt 98, als sich Gästefans mit der Polizei prügelten. Ebenfalls in der dritten Liga, beim Derby VfL Osnabrück gegen Preußen Münster, wurden 29 Menschen teilweise schwer durch Knallkörper verletzt. »Der Einsatzleiter dachte zunächst, dass es einen Anschlag gegeben hätte«, sagt Ingo Rautenberg, Polizeidirektor der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS).

Bei ihm laufen in der siebten Etage eines Bürogebäudes in einem Gewerbegebiet von Neuss alle Zahlen zusammen. »Es lässt sich im 12-Jahres-Vergleich eine deutliche Steigerung erkennen«, sagt Rautenberg, in dessen kargem Büro nur eine gerahmte Druckgrafik an Fußball erinnert. Seit der Saison 1992/93 erhebt die ZIS bundesweit Statistiken zur Lage beim Fußball. Die letzte stammt aus der Saison 2009/10, die Daten zur vergangenen Spielzeit werden in Kürze erwartet. »Sie werden in den kommenden Wochen vorgelegt und voraussichtlich eine Konstanz auf hohem Niveau ausweisen«, sagt Rautenberg. Das ist keine gute Nachricht, denn die Zahl der Strafverfahren bei Spielen der ersten und zweiten Bundesliga hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre von 3,8 auf 7,9 Verfahren im Schnitt pro Partie verdoppelt.

Ist der gemächliche Sonntagsspaziergang der Dortmunder Fans zum Stadion in Hannover also nur die Ausnahme von der Regel einer bundesweiten Gewalteskalation? Am Spieltag ist eine Abordnung aus Lübeck ins Kommissariat Hannover-Linden gekommen und sogar zwei Kollegen aus Schweden. Es hat sich herumgesprochen, dass hier seit über drei Jahren mit Fußballfans erfolgreich anders umgegangen wird. »Wir versuchen, Verständnis für die Fan szene zu haben. Uns geht es darum, Gästefans auch wirklich als Gäste zu behandeln«, sagt Einsatzleiter Bernd Kirschning. Das in den letzten drei Jahren erprobte Einsatzkonzept versteht er als Angebot. »Falls die Gästefans es nicht annehmen, werden wir uns auch schnell wieder anders verhalten.«



Aus Heft#120 11/2011

Das große Interview mit Bernd Schuster


weiterlesen [1] [2] [3] [4] [5]





Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 13.01.2012 13:45:48 Cantona 7

    »Wir versuchen, Verständnis für die Fan szene zu haben. Uns geht es darum, Gästefans auch wirklich als Gäste zu behandeln«, sagt Einsatzleiter Bernd Kirschning.

    ich erinner mich da gern an das auswärtsspiel der bayern vor 2 jahren in berlin...34. spieltag und die meisterschaft war schon eingetütet. Die anwesenden Polizisten empfingen uns auf ne total freundliche art und weise, es gab gespräche zwischen fans und polizisten und uns wurden sogar zigaretten angeboten vom ein oder anderen beamten. alles in allem wars für beide parteien ein schöner und angenehmer nachmittag.

    man kann aus dem artikel klar entnehmen das es auch anders gehen kann, das es natürlich bei einigen ultra gruppen gewaltbereite gibt, denen es egal ist ob die anwesenden polizisten eher den "kumpeltyp" geben oder nich, is mir auch klar...

    trotzdem sollten sich manche kollegen aus anderen bundesländern mal ein beispiel daran nehmen, denn meine erfahrungen aus mehreren jahren als fan der vorallem auswärtsspiele besucht und das ganze auch mit anderen vorzeichen und reaktion der polizisten kennt zeigen mir, das oftmals die beamten einfach total überfordert sind und bei dem ein oder anderen polizisten auch gelegentlich ein "hooligan" potential zu erkennen ist.

    ich habe zwar schon einige spiele besucht, bin aber trotzdem noch nie in ne schlägerei zwischen fans und beamten geraten oder habe bei einer mitgewirkt. Jedem der in der kurve steht ist es jedesmal selbst überlassen ob er da mitmischen will oder nicht, deswegen finde ich diese kategorisierung der fans im block einfach total übertrieben. ob die beamten auch jedesmal wirklich die einzelnen personen richtig in ihre kategorie einstufen A,B,C halte ich auch für fragwürdig, ich denke da geht es auch mehr um "habe ich schon öfter bei spielen gesehen, also muss er auch bei den schlägern mit dabei sein"

  • User
  • 15.01.2012 17:56:06 schnelli

    Das hört sich ja alles ganz toll an mit "Jörg" und seinen besonnenen Cops in Hannover und ich weiß auch das selbst mit meiner Eintracht dort auswärts alles entpannt läuft.

    Nur wie passt diese beworbene Besonnenheit zu dem berühmten Pfefferspray-Einsatz im Oktober im Hannoveraner Block?
    Waren das von auswärts angereiste oder doch nur das angestaute Ergebnis der Deeskaltionsstrategie bei den gewaltbereiteren Hannoveraner Einsatzkräften, die sonst nur Raum- statt Manndeckung dürfen?
    Das Ganze gibt doch ein völlig widersprüchliches Bild ab....

  • User
  • 03.02.2012 10:21:05 Ballanitis

    Die Schlüsselstellen in diesem bemerkenswert differenzierten Beitrag sind die, in denen die faktisch auftretenden (“Einzel”-)Fälle von Gewalt, die Verantwortung der Einsatzleiter und die Aufmerksamkeitsbeanspruchung erlebnisorientierter Jugendlichere behandelt werden.
    Zum 1.: Es gibt Szenen wie in Frankfurt, in Rostock, in Berlin und sonstwo. Immer wieder. Ob diese als Einzelfälle oder anders deklariert werden, kann dahinstehen. Faktisch kann man diese Fälle nicht verhindern, da sie, wie richtig bemerkt, überfallartig geschehen. Daran ändert keine Polizeipräsenz etwas.
    Zum 2.: Die Verantwortung der Einsatzleiter führt zu einer Beharrung auf althergebrachten Manpower-Strategien. Keiner will sich hinterher nachsagen lassen, seine Gefahrenprognose sei falsch gewesen und Straßenschlachten seien aufgrund seiner falschen Einschätzung und Gefährdungsanalyse zustande gekommen. Ganz im Gegenteil wird in der Regel sogar noch eine Kräftereserve gebildet, um für die über die meistens schon ans Hysterische grenzenden Prognosen hinausgehenden Eventualitäten gerüstet zu sein – ein Zurüstung, die beispielsweise bei der Love Parade in Duisburg unterlassen wurde, da dort die Einschätzung auch nicht von der Polizei vorgenommen wurde; die durfte dann nur die Ad-hoc-Suppe auslöffeln, die die vorher maßgeblichen Behörden für gerade mal lauwarm erklärt haben. Aaaaber das nur am Rande.
    Zu 3.: Fakt ist ebenfalls, dass Körperverletzungsdelikte zwischen Fan und Fan in der Regel zwischen den sogenannten Kategorie-A-Fans unter Alkoholeinfluss begangen werden. Die B-kategorisierten Fans a.k.a. Ultras begegnen sich in der Regel auf weiter Flur nicht unbewacht, unkontrolliert, ungeschützt, ungegängelt, unbevormundet (je nach Blickwinkel) durch die Polizei, und hier kann man jetzt anfangen zu diskutieren. Verhindert diese Polizeipräsenz Körperverletzungen? Oder verhindert sie nur Körperverletzungen zwischen Ultras und nimmt dafür in Kauf, dass die Ultras Polizisten verletzt oder umgekehrt (je nach Blickwinkel), um sich in Flaschenwürfen und Böllerwürfen bahnbrechendes Gockelgehabe beider Ultraseiten zu unterbinden, einzudämmen? Man wird das nie erfahren, denn Ultras werden bis auf weiteres geschlossen zum Stadion begleitet werden, solange sich die Gruppierungen beim Anmarsch begegnen. Kein Einsatzleiter wird das Experiment wagen, Ultras unbegleitet zum Stadion zu lassen; das Hannoveraner Beispiel wird ja explizit unter der Prämisse der räumlichen Trennung durch die zeitgemäße Gestaltung der Anmarschwege relativiert, wovon Vereine mit Stadien, die in den 70ern angelegt wurden, nicht profitieren können (siehe Dortmund). Fraglich ist, ob das ganze Drum-herum-Polizeie sein muss. Um die Gast-Ultragruppierung zum Stadion zu begleiten, genügt stets eine Hundertschaft. Dann braucht man noch ein bisschen Verkehrsregelung und das war’s. Das Verhältnis “Problemfans” (wie gesagt mit immer nur vermutetem und nur selten erahnbarem Potential) zur Gesamtzuschauerzahl sollte sich in den Mannzahlen der Polizei widerspiegeln.

    Gewisse der Masse geschuldete Marodierungserscheinungen lassen sich nie verhindern, sie sind wohl Teil einer geduldeten Gesamtkultur (man beachte nur die youtube-Videos zu Dortmund-Dresden, wo Vermobbungstendenzen mit entsprechendem Fehlverhalten bei allen Klientels der Anreisenden während des Marschs vom Parkplatz bis zur Nordtribüne zu beobachten sind). Es ist doch beruhigend, dass sich eine der ordnungsfanatischsten Gesellschaften, die immer noch eine Demokratie ist, sich solche Kontingenzereignisse mit Chaospotential leistet und gönnt.

  • User
  • 03.02.2012 10:34:44 Ballanitis

    Zu ergänzen wäre noch, dass im Grunde all diese Diskussionen natürlich einen überproportionalen Fokus - analog zu der Aufmerksamkeitserheischung der Ultras - auf die - sagen wir es doch einmal - faktisch winzigen Fangruppierungen richtet, die etwa in Dortmund 0,8 Prozent aller Stadionbesucher ausmachen, Gästeproblemfans inklusive. Die restlichen stets anwesenden 78.000 Zuschauer nehmen die Polizei nicht einmal am Rande und dann höchstens als Verkehrsposten wahr. Ich lasse mir da gerne widersprechen, aber sowohl die Polizei als auch die Ultras halten natürlich ihre Wahrnehmung für absolut richtig. Fragt man Otto Normal, hat der von den Minoritätenbefindlichkeiten von Polizei und Ultras nichts mitbekommen. Es wird ihm aber im TV einzubleuen versucht, dass die Gefahr zunehme. Trotzdem kommt er weiterhin ins Stadion - Oppa, Mutti, Vatter, Kind, ja, und auch die Kutten und anderen 20.000 auf der Süd, die sich für die wahreren Fans halten, übertroffen nur von den wahrsten aller Fans, und die und die Polizei bestimmen dann die öffentliche Diskussion.

  • User
  • 03.02.2012 10:35:59 AbteilungAttacke

    Zunächst: Sehr interessanter Artikel, vielen Dank dafür.

    Aber in der Thesenkette "Weniger Polizei - weniger Gewalt" gibt doch ein paar Stellen, die erklärungsbedürftig sind.

    Vor allem die Stelle, wo die gesteigerte Körperverletzungsrate bei Polizeibeamten in Zusammenhang mit der Radikalisierung von Pazifisten durch Schikane gebracht wird, müsste man mir nochmal genauer erläutern.
    Am Besten wie einem fünfjährigen.
    Und möglichst ohne sätze wie "Wo gehobelt wird, fallen auch Späne".

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Und bei euch so?

Chaos dahoam!
Trauer dahoam!
Freude dahoam!
Wut dahoam!
Lasst mich mit diesem »dahoam« endlich in Ruhe!




Runder Tisch gegen Fan-Gewalt: DFB-Sicherheitschef Hendrik Große Lefert im Interview


Wie heißen noch mal die Söhne von Martin Jol?

  • Cock
  • Dick

Das Tagesticker-Archiv

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER