Wie die Polizei mit Fußballfans umgehen sollte
Das Ende der Eskalation
Text: Christoph Biermann und Ron Ulrich Bild: Julian Röder
Krasse Einzelfälle und statistische Irrtümer verzerren das Bild in der Fan-Debatte im Fußball. Denn entgegen aller Behauptungen gibt es keine Gewaltwelle. Nun müsste die Polizei abrüsten und intelligenter mit den Fans umgehen.
Am kommenden Wochenende findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, Soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.
Im Laufe dieser Woche haben wir auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur veröffentlicht. Ihr findet alle Texte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Die folgende Reportage »Das Ende der Eskalation« stammt aus 11FREUNDE #120 (Oktober 2011).
Als die Fans von Borussia Dortmund nach über zweistündiger Fahrt mit diversen Regionalzügen Hannover erreichen, tritt ihnen in der Halle des Hauptbahnhofs die Staatsmacht entgegen. Besonders einschüchternd wirkt sie nicht, denn das Empfangskommando der Polizei besteht vor allem aus einem gutgelaunten Schnauzbarträger von Mitte 50 mit schulterlangem Haar, der nicht einmal Uniform trägt. Auf seiner roten Weste steht »Konflikt-Management«. Detlev Kofbinger, den seine Kollegen nur »Kofi« nennen, ist heute für den Anmarsch zum Stadion von rund 200 Dortmunder Anhängern verantwortlich, die der Polizei in Hannover als Problemfans angekündigt wurden. Er macht aber den Eindruck, als müsse er lediglich ein paar Kinder auf dem Schulweg begleiten.
Noch bevor die Fans auf den Bahnhofsvorplatz kommen, geht Kofbinger auf die beiden Ultraführer mit Megafon zu. Als sie ihn sehen, hellen sich ihre Mienen auf: »Hallo Jörg«, sagt einer. So richtig erklären kann sich auch Kofbinger nicht, warum er von den Dortmundern Jörg statt Detlev genannt wird, aber wichtiger ist: Man kennt sich. Für Auswärtsfans in Hannover ist der Konfliktmanager mit seiner herzlichen Art ungefähr das, was Dirk Matthies im »Großstadtrevier« für den Kiez ist. Und so dauert die Unterredung mit den Köpfen der Ultras auch keine Minute, dann folgen sie ihm.
»Raumdeckung statt Manndeckung« heißt die Polzei-Devise
Der schwarz-gelbe Tross begibt sich auf den knapp halbstündigen Weg zum Stadion, 200 Fans pilgern dem Mann mit Weste und Schnauzer hinterher. Drumherum trabt eine Handvoll Pferde, die aber eher eine Geste der Gastfreundschaft sind, nachdem die BVB-Fans beim letzten Spiel in Hannover gesungen hatten: »Wir woll’n die Pferde seh’n.« Vorne und hinten rollt noch jeweils ein Polizeiwagen, das ist es auch schon. Weitere Kräfte halten sich außer Sichtweite. »Raumdeckung statt Manndeckung« heißt die Devise der Polizei in Hannover. Zwischenfälle gibt es keine. Weder wird ein Getränkeladen gestürmt noch Scharmützel mit Passanten angefangen, und Sachbeschädigungen bleiben ebenfalls aus. Als die Fans am Stadion ankommen, verabschieden sie sich: »Bis später, Jörg.«
Wie passt diese Idylle zu Berichten, die den Eindruck verbreiten, dass der deutsche Fußball gerade eine neue Gewaltwelle erlebt und sich Fans und Polizei in nie gekannter Frontstellung gegenüberstehen? Die Hamburger Polizei etwa sah sich in einem internen Papier schon vor Beginn der neuen Spielzeit am Limit. »Das Gewaltpotential hat ein noch nicht gekanntes Ausmaß erreicht«, hieß es dort. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig forderte im Sommer die Einführung eines Sicherheits-Euros für Risikospiele und sein hessischer Amtskollege Boris Rhein ein generelles Alkoholverbot in Fußballstadien. Selbst die eher zurückhaltende »Frankfurter Allgemeine Zeitung« warnte vorm »Pulverfass zweite Liga«.
»Der Einsatzleiter dachte, es hätte einen Anschlag gegeben«
Die ersten Wochen der Saison schienen diesen Stimmen Recht zu geben. Fans des BFC Dynamo Berlin griffen nach einem Pokalspiel Anhänger des 1. FC Kaiserslautern an, 18 Polizisten und zahlreiche Gästefans wurden verletzt. 55 Verletzte gab es beim Spiel zwischen Rot-Weiß Erfurt und Drittligaaufsteiger Darmstadt 98, als sich Gästefans mit der Polizei prügelten. Ebenfalls in der dritten Liga, beim Derby VfL Osnabrück gegen Preußen Münster, wurden 29 Menschen teilweise schwer durch Knallkörper verletzt. »Der Einsatzleiter dachte zunächst, dass es einen Anschlag gegeben hätte«, sagt Ingo Rautenberg, Polizeidirektor der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS).
Bei ihm laufen in der siebten Etage eines Bürogebäudes in einem Gewerbegebiet von Neuss alle Zahlen zusammen. »Es lässt sich im 12-Jahres-Vergleich eine deutliche Steigerung erkennen«, sagt Rautenberg, in dessen kargem Büro nur eine gerahmte Druckgrafik an Fußball erinnert. Seit der Saison 1992/93 erhebt die ZIS bundesweit Statistiken zur Lage beim Fußball. Die letzte stammt aus der Saison 2009/10, die Daten zur vergangenen Spielzeit werden in Kürze erwartet. »Sie werden in den kommenden Wochen vorgelegt und voraussichtlich eine Konstanz auf hohem Niveau ausweisen«, sagt Rautenberg. Das ist keine gute Nachricht, denn die Zahl der Strafverfahren bei Spielen der ersten und zweiten Bundesliga hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre von 3,8 auf 7,9 Verfahren im Schnitt pro Partie verdoppelt.
Ist der gemächliche Sonntagsspaziergang der Dortmunder Fans zum Stadion in Hannover also nur die Ausnahme von der Regel einer bundesweiten Gewalteskalation? Am Spieltag ist eine Abordnung aus Lübeck ins Kommissariat Hannover-Linden gekommen und sogar zwei Kollegen aus Schweden. Es hat sich herumgesprochen, dass hier seit über drei Jahren mit Fußballfans erfolgreich anders umgegangen wird. »Wir versuchen, Verständnis für die Fan szene zu haben. Uns geht es darum, Gästefans auch wirklich als Gäste zu behandeln«, sagt Einsatzleiter Bernd Kirschning. Das in den letzten drei Jahren erprobte Einsatzkonzept versteht er als Angebot. »Falls die Gästefans es nicht annehmen, werden wir uns auch schnell wieder anders verhalten.«
Aus Heft#120 11/2011
Das große Interview mit Bernd Schuster







