Klaus Sammer über Dresdener Europapokalduelle und seinen Sohn Matthias
»Mit mir hätten wir die Bayern geschlagen!«
Interview: Erik Peter Bild: Imago
Klaus Sammer war für Dynamo Dresden als Spieler, Nachwuchs- und Cheftrainer aktiv. Wir sprachen mit ihm über legendäre Europapokalspiele, seine Ausbootung vor großen Turnieren und über die Nachwuchsförderung in der DDR und im vereinten Deutschland.
Klaus Sammer, Dynamo Dresden hat immer wieder Probleme mit seinen Fans. Der Verein wurde aus dem DFB-Pokal für die kommende Saison ausgeschlossen, nun droht auch der Stadionsponsor mit dem Rückzug. Gefährdet das den Verein?
Klaus Sammer: Wenn Sponsoren abspringen, weil sich eine kleine Minderheit der Fans nicht im Griff hat, kann es für den Verein nicht vorwärts gehen. Ich hoffe sehr, dass diese Fans begreifen, dass die Verbände und Sponsoren nicht immer nur drohen können.
Wir dachten, Sie steigen gerne ab?
Klaus Sammer: Natürlich nicht, wie kommen Sie darauf?
Den Abstieg mit Dynamo Dresden aus der DDR-Oberliga 1968 haben Sie mal als »den wichtigsten Abstieg, den es je gab« bezeichnet.
Klaus Sammer: Bis dahin war Dynamo jahrelang auf- und wieder abgestiegen. Aber dieser Abstieg ermöglichte es uns, richtig Schwung für einen Neuanfang zu holen. Es kam zum Duell mit dem zweiten Dresdener Verein FSV Lokomotive (vormals SC Einheit, nach der Wende im Dresdner SC aufgegangen, d. Red.). Wer am Saisonende weiter vorne stand, sollte zukünftig der Schwerpunktklub sein und besonders gefördert werden. Dynamo setzte sich durch und bekam von da an alle staatlichen Zuwendungen und die Mannschaft blieb zusammen.
Und spielte erfolgreich.
Klaus Sammer: Ja! Wir stiegen auf, wurden 1969/70 unter dem neuen Trainer Walter Fritzsch auf Anhieb dritter der Oberliga und damit ging die schönste Zeit für Dynamo los. Der ehemalige Dynamospieler Günter Hamel hat erst kürzlich unser Spiel Anfang der siebziger Jahre mit dem des FC Barcelona von heute verglichen.
Ist da etwas dran?
Klaus Sammer: Was er sagen wollte: Die Dynamo-Mannschaft hat damals so begeistert wie jetzt Barcelona. Es ging ihm um dieses Gefühl, die Freude, die die Mannschaft ausgelöst hat. Das kriegen wir in Dresden nie wieder. Wir haben einen technisch anspruchsvollen und attraktiven Fußball gespielt, aber den Vergleich mit Barcelona würde ich trotzdem nicht wagen. Für die damalige Verhältnisse waren wir ganz gut, aber Barcelonas fußballerische Qualität heutzutage ist deutlich höher.
Schon vor dem beschriebenen Ab- und Wiederaufstieg bestritten Sie 1967 mit Dynamo die ersten Pflichtspiele im Europapokal gegen Glasgow Rangers. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Klaus Sammer: Wir waren ja die dummen Ossis, dazu noch die dummen Dresdner aus dem Tal der Ahnungslosen (Bezeichnung für die Region Dresden, in der zu DDR-Zeiten kein Westfernsehen empfangen werden konnte, d. Red.). Wir hatten vom internationalen Fußball keine Ahnung und wussten nur, dass die Rangers eine Riesenmannschaft hatten. Das Hinspiel ging 1:1 aus und alle prophezeiten uns, dass wir uns im Rückspiel sechs Buden fangen. Dann waren wir dort, das Stadion war voll, alle sangen, das war ein Traum für uns. Nur unserer Mannschaftsärztin hatte einen schweren Stand. Sie erschien im Stadion mit einem grünen Regenmantel, der Farbe des Rivalen Celtic. Das gefiel den Zuschauern gar nicht. Zufällig hatte unser Trainer Manfred Fuchs einen blauen Regenmantel dabei. Den gab er ihr dann. Als sie den überzog hat sie das Publikum gefeiert. Leider verloren wir das Spiel in letzter Minute mit 1:2.
Woran erinnern Sie sich abseits des Platzes?
Klaus Sammer: Wir durften abends im Kino einen James-Bond-Film gucken. Das war für uns etwas ganz Besonderes. Bei späteren Fahrten wurde uns der Besuch solcher Filme verboten. Schön war es auch in der Geschäftsstelle der Rangers. Es heißt ja immer, die Schotten seien geizig, aber die waren großzügig. Wir durften mitnehmen, was wir wollten und haben uns alle mit Wimpeln und Abzeichen eingedeckt. Ich habe für alle guten Freunde etwas mitnehmen können. Das war wie Weihnachten.
Hat Sie die Welt des gut bezahlten Profifußballs im Westen nicht gereizt?
Klaus Sammer: Im Hotel traf ich einen Funktionär der Rangers, der mir meinen Marktwert verriet: 100.000 Pfund. Das war viel für die damalige Zeit. Da habe ich erstmals realisiert, dass ich richtig was wert war. Das hat mir geholfen, mein Selbstvertrauen wurde dadurch größer. Aber ich habe nie daran gedacht abzuhauen und dort zu bleiben. Sicher auch weil man Angst hatte.
Hat sich durch die Europapokalspiele auch Ihr Blick auf den Westfußball gewandelt?
Klaus Sammer: Uns wurden Märchen erzählt, dass Profispieler im Westen nicht rauchen und trinken. Aber wir haben ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich denke besonders an Johan Cruyff, gegen den ich in unseren Duellen mit Ajax 1971 gespielt habe. Als die Mannschaften nach dem Spiel zusammenkamen, zündete der sich eine Zigarette an. Die englischen Nationalspieler rauchten nach einem Länderspiel, das wir mit der DDR im Wembley-Stadion bestritten, sogar dicke Zigarren. Ich gebe zu, ich habe als Spieler auch geraucht und das eine oder andere Bierchen getrunken. Ich wusste aber immer, wann ich Schluss machen musste.
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