Hans-Günter Becker, Kapitän der schlechtesten Bundesliga-Elf aller Zeiten
»Wir peitschten die Liga vor uns her!«
Interview: Katharina Dahme Bild: Imago
Wie fühlt es sich an, Kapitän der schlechtesten Bundesliga-Elf aller Zeiten zu sein? Hans-Günter »Atze« Becker muss es wissen. In der Saison 1965/66 führte Becker Tasmania Berlin aufs Feld. Im Interview spricht er über Tortendiebe und Horst Szymaniak.
Tasmania Berlin ist bis heute die erfolgloseste Mannschaft der Bundesliga-Geschichte. Einige der Rekorde haben immer noch Bestand: So verzeichnete der Verein die wenigsten Tore (15) und die wenigsten Punkte (8:60 nach der Zwei-Punkte-Regel), dafür die meisten Niederlagen (28) und die meisten Heimniederlagen (12). Auch die längste Serie ohne Sieg in Folge (31 Spiele) geht auf das Konto des Westberliner Vereins. Am 26. März 1966 setzte es mit einem 0:9 gegen den Meidericher SV die bis dato höchste Heimniederlage in der Bundesligageschichte und am 15. Januar 1966 die niedrigste Besucherzahl (827) bei einem Heimspiel. Die Tasmania blieb außerdem die einzige Bundesligamannschaft ohne Auswärtssieg.
Hans-Günter »Atze« Becker, Sie werden dauernd nach der verkorksten Saison 1965/66 gefragt. Nervt das nicht irgendwann?
Hans-Günter Becker: Ich erinnere mich trotz allem gerne an die Zeit zurück und habe den Spaß am Fußball nie verloren. Ich gehe auch heute noch gerne ins Stadion, allerdings nicht zu Tasmania.
Sondern?
Hans-Günter Becker: Ob Sie es glauben oder nicht: Ich gehe zu Hertha BSC.
Und das, obwohl Tasmania und Hertha immer eine tiefe Rivalität verband?
Hans-Günter Becker: Hertha war immer der etwas vornehmere Verein, während die Tasmania als Arbeiterverein galt. Hertha war die Schickeria. Und wurde von den Medien entsprechend unterstützt. Für die erste Bundesliga-Saison 1963/64 bekam Hertha den Vorzug, weil ihnen im für die Auswahl entscheidenden Punktesystem die Meisterschaft von 1931 angerechnet wurde. Die Entscheidung war rein sportlich völliger Quatsch, schließlich war die Meisterschaft da schon mehr als 30 Jahre alt. Wir hätten die Aufnahme in die Bundesliga mehr verdient gehabt.
Dann wurde Hertha 1965 wegen Irreführung und Erschleichung der Bundesliga-Lizenz aus der Bundesliga ausgeschlossen.
Hans-Günter Becker: Und die Bundesliga hatte ihren ersten Skandal. Der Verein bekam Besuch von einem Buchprüfer des DFB, der aufdeckte, dass der Haushalt von Hertha BSC nicht gedeckt war. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen, die Saison zu spielen, waren also nicht gegeben.
Hand aufs Herz: War das eine Genugtuung für Sie?
Hans-Günter Becker: In gewisser Weise ja. Aber diese Genugtuung hielt nicht lange an. Das Abenteuer endete tragisch für uns. Wir waren alle euphorisch und hofften, es besser zu machen als Hertha die Jahre zuvor. Erstmalig standen sogar die Berliner Medien hinter uns. Leider waren wir aber noch nicht reif für die Bundesliga.
Sie stiegen postwendend wieder ab: Als Tabellenletzter mit 8:60 Punkten. Was hat der Mannschaft gefehlt?
Hans-Günter Becker: Wir hatten den Zenit überschritten. Die meisten Spieler waren schon an die 30 Jahre alt. Dazu kam, dass wir viel zu spät von der Teilnahme an der Bundesliga erfuhren und uns nicht mehr verstärken konnten. Der Spielermarkt war wie leergefegt. Die Hälfte unserer Mannschaft hatte in der Bundesliga nichts zu suchen.
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Gegen den 1. FC Nürnberg verlor die Tasmania (in weiß) am 21. April 1962 in einem entscheidenden Vorrunden-Spiel 1:2 und verpasste das Finale um die Deutsche Meisterschaft.





