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11.01.2012

Die Ultra-Karriere des HSV-Vorsängers Jojo Liebnau

Der Zaunkönig

Text: Andreas Bock  Bild: Kai Senf

Wie wird man eigentlich Ultra? Im Sommer 2011 besuchten wir den 29-jährigen Johannes Liebnau, der auf dem versuchten Marsch durch die Institutionen zum Vorsänger der HSV-Fankurve und Sprachrohr seiner Szene wurde.

Die Ultra-Karriere des HSV-Vorsängers Jojo Liebnau - Der Zaunkönig


Am kommenden Wochenende findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, Soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche lest hier auf 11freunde.de Interviews und Berichte zum Thema Fankultur. Den Anfang macht eine Reportage aus dem Sommer 2011. Damals fragten wir uns: Wie wird man eigentlich Ultra? Wir besuchten HSV-Capo Johannes Liebnau in Hamburg.


Irgendjemand behauptete einmal, Fußball sei the beautiful game, das schöne Spiel. In den frühen neunziger Jahren war Fußball in Hamburg vor allem eines: hässlich. Das Volksparkstadion sah aus, als hätte man es aus einer gottverlassenen sowjetischen Trabantenstadt herausgetrennt und diese graue Betonschüssel direkt neben der Müllverbrennungsanlage im Nordwesten Hamburgs wieder herabgelassen. Die HSV-Spieler hießen Matysik oder Bode, die Trainer Schock oder Reimann. Sie saßen auf einer Bank, die in eine enge Steinmulde eingelassen war und an deren Seite ein großes Loch klaffte. Ein Manager hatte das einst veranlasst, um die linke Spielfeldhälfte sehen zu können. Einige Fans glaubten, er habe den Beton vor Wut eingetreten. Wut auf Fußball. Wut auf dieses Stadion.



Etliche HSV-Fans waren bereits zum FC St. Pauli abgewandert. Sie hatten genug von einer Klubführung, die kahlgeschorene Nazis im Stadion tolerierte, weil sie froh war, dass überhaupt mal mehr als 20.000 Zuschauer in den Volkspark kamen. Denn auch sportlich lief schon lange nichts mehr, Anfang der Neunziger belegte der HSV die Tabellenplätze 11 bis 13. Es gab in jenen Jahren keinen verdammten Grund, sich in diesen Klub zu verlieben. Johannes Liebnau tat es trotzdem.

»Rational kann man das alles nicht erklären«, sagt der heute 29-Jährige, »aber es war aufregend all das zu sehen, was ich bis dato nur aus dem Fernsehen und dem Radio kannte.« Johannes Liebnau, den sie alle nur Jojo nennen, sah sein erstes Spiel am 4. April 1992, einen 1:0-Sieg gegen Mönchengladbach. Der Vater hatte ihn in die Westkurve mitgenommen, Block A, weit weg von den langhaarigen Kanten mit ihren Kutten, die unaufhörlich ihre alten Sprechchöre anstimmten: »Wir stehen Schlange vor dem Stadion, es riecht nach Bier und Sieg und nach Sensation.« Auch wenn die Sensationen in diesen Jahren rar waren, drückte das etwas aus, was ihn bis heute an diesen Ort zieht: der besondere Geruch des Fußballs, der Geruch des Stadions.

»Repression macht uns nur noch stärker.«

Knapp 20 Jahre später stand Jojo Liebnau auf einem provisorischen Stahlträgerpodest am Berliner Alexanderplatz. Es war der 9. Oktober 2010, in der Stadt fand eine vereinsübergreifende Demonstration zum Erhalt der Fankultur statt. Die Fußballanhänger hatten Transparente mitgebracht, auf denen zu lesen war: »Als zahlender Kunde gerne gesehen, Mitbestimmung nicht genehm.« Am Abend berichtete sogar die Tagesschau darüber. Liebnau sprach auf der Abschlusskundgebung. Er kritisierte die DFL und die Kommerzialisierung des Fußballs, prangerte aber auch die Scheinheiligkeit des Satzes »Fußballfans sind keine Verbrecher« an. Schließlich hob Johannes Liebnau die Stimme, forderte die etwa 5000 Demonstranten auf, die Hände in die Luft zu heben und stimmte einen Schlachtruf an: »Repression macht uns nur noch stärker.« Aus tausenden Männerkehlen kam das Echo: »Repression macht uns nur noch stärker.« Es klang ein wenig wie ein Soldatengelöbnis, ziemlich gespenstisch.

In den Jahren zwischen dem ersten Stadionbesuch und der Demo in Berlin ist Jojo Liebnau einer der bekanntesten Fußballfans in Deutschland geworden. Er ist der Vorsänger der Fankurve in Hamburg. Mehrere tausend Anhänger fallen ein, wenn er die Sprechchöre per Megafon anstimmt. Viele HSV-Fans sehen in ihm auch ihr Sprachrohr, weil er mit seiner Gruppe Chosen Few die Interessen der Kurve bei den Vereinsoffiziellen vertritt. 2009 trat er sogar als Kandidat für die Wahl in den Aufsichtsrat an. Andere sagen, er sei wie ein Politiker, stets im Mittelpunkt, bisweilen zu radikal und zu extrem, zudem ständig auf der Suche nach Macht. Jojo Liebnau sagt: »Wieso ist es radikal, wenn ich steigende Eintrittspreise kritisiere? Wieso ist es extrem, wenn ich eine fehlende Identifikation mit der Mannschaft beklage?«



Aus Heft#117 08/2011

Das Bundesliga-Sonderheft 2011/12!


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