Theaterautor Jörg Menke-Peitzmeyer im Interview
»Wir brauchen endlich Stadiondichter!«
Interview: Jannis Carmesin Bild: Imago
Zwischen Fußball- und Hochkultur schreibt Theaterautor und BVB-Fan Jörg Menke-Peitzmeyer Stücke über Fußball, Fans und Emotionen. An der Dortmunder Oper startet im April die Operette »Fangesänge«. Ein Gespräch über den Wandel der Kurven und den Sport auf der Bühne.
Jörg Menke-Peitzmeyer (45) lebt als freier Autor und Schauspieler in Berlin. Sein erstes Stück »Der Manndecker« wurde 2000 in Halle uraufgeführt, sein erfolgreichstes Werk heißt »Steht auf, wenn ihr Schalker seid«. Der bekennende Fan von Borussia Dortmund startet im April in Dortmund mit der Operette »Fangesänge«. (Foto: Klaus Dieker)
Jörg Menke-Peitzmeyer, sind Sie ein Opportunist?
Jörg Menke-Peitzmeyer: Was meinen Sie?
Erst schreiben Sie ein Theaterstück mit dem Titel »Steht auf, wenn ihr Schalker seid« und nun das Oratorium »Fangesänge«, das ausgerechnet an der Oper in Dortmund uraufgeführt wird – mit einem Chor aus 120 gecasteten Fans von der Südtribüne. Wie soll das denn zusammen passen?
Jörg Menke-Peitzmeyer: Vielleicht wäre das Schalke-Stück nicht ohne die Entfremdung möglich gewesen, die bei mir als BVB-Fan in den Neunzigern eingesetzt hat. Das waren die Dortmunder Jahre des Neureichtums und Größenwahns. Die Fans sangen »Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf!« und der Verein zog die Tribünen des Westfalenstadions so hoch, dass der Rasen nicht mehr genug Licht bekam und ständig ausgetauscht werden musste. Ich saß damals in meinem Berliner Exil und guckte nacheinander die Champions-League-Siegesfeier des BVB und die UEFA-Cup-Siegesparty von Schalke 04. Die reinere Freude empfand ich auf Seiten der Schalker.
Das Theaterstück als Unmutsäußerung des kultivierten Fußballfans?
Jörg Menke-Peitzmeyer: (lacht) Nein, das war nur ein Nebenaspekt. Der Titel hatte vor allem theaterpraktische Gründe. Ich habe es damals nur für eine Schauspielerin geschrieben und es sollte unbedingt »Steht auf, wenn ihr…« heißen. Der Schalker Fangesang vom UEFA-Cup-Gewinn 1997 war da naheliegend. Das Theater der jungen Welt in Leipzig hat übrigens auch mal eine Dortmunder Fassung des Stückes inszeniert. Es ging dabei also letztlich nicht um einen Verein im Speziellen sondern um die Fanleidenschaft an sich.
Verbirgt sich auch hinter »Fangesänge« wieder eine Ode an die Fankultur?
Jörg Menke-Peitzmeyer: Es geht auf keinen Fall darum, die Fußballfans an sich abzufeiern. »Fangesänge« behandelt unter anderem die Auseinandersetzung zwischen Ultras und Edelfans, die momentan hoch kocht. Auch die Stadionkatastrophe von Hillsborough ist ein Thema oder die Entfremdung zwischen Spielern und Fans. Und natürlich geht es auch um die Leidenschaft. Um das was Menschen für ihren Verein auf sich nehmen.
Sie haben den aktuellen Konflikt um die Dominanz der Ultras angesprochen. Beschäftigen Sie sich damit auch privat, ganz unabhängig von Ihrer Arbeit?
Jörg Menke-Peitzmeyer: Klar. Meine ersten Stadionbesuche beim BVB waren Anfang der achtziger Jahre. Da war die Kurve noch ein Hort des subversiven Witzes, man konnte dem Volk aufs Maul schauen. Das war Volkskultur. Wer mit dieser Erwartung die heutige Stimmungskultur betrachtet, wird enttäuscht werden. Es ist es selten geworden, dass wirklich mal etwas spontan entsteht oder die Texte einen hohen Witzgehalt haben. Alles ist sehr einheitlich geworden. Das habe ich aus der Zeit, in der ich mich in der Kurve sozialisiert habe, noch anders in Erinnerung.
Sie klingen wehmütig.
Jörg Menke-Peitzmeyer: Natürlich scheint die Begeisterung und Atmosphäre heute eine stärkere zu sein als früher, aber das liegt zu großen Teilen auch an der Architektur der Stadien. Es entsteht selten etwas aus der Situation heraus, alles ist vorgegeben. Da ist es egal, ob man zum BVB, nach Dresden oder zur Hertha fährt. Vieles ähnelt einander. Die Steuerung der Kurven begrenzt ihre Kreativität.





