05.01.2012 14:03:09
@ 22.12.2011 09:04:16 von GonzoKoslovski
[...]Ich war da zu der zeit noch nicht dabei
aber man "wollte" mit dem Westen
fusionieren?[...]
Ja. Das war ab 1990 breiter gesellschaftlicher
Konsens in der ehemaligen DDR. Es gab hinreichend
Menschen, die eine "neue DDR" wollten und keinen
"Beitritt". Aber sowohl die Voten der politischen/
gesellschaftlichen Player auf der Mikroebene (z.B.
Demoteilnehmer) wie auch auf der Mesoebene
(Verbände, Kirchen, Ministerialbürokratie) waren
sich mit der Makroebene (politische Staatsführung)
mehrheitlich einig beizutreten. Das sollte man mal
so festhalten.
[...]Musste es nicht zwangsläufig dazu kommen, so
von wegen Vereintes Deutschland = Vereinte
Liga?[...]
Zwangsläufig nicht. Der DFV hätte -ähnlich den
britischen Verbänden- auch erstmal Mitglied in der
UEFA, FIFA bleiben können. Das ist ziemlich sicher
überliefert und wurde seinerzeit auch so
diskutiert.
[...]Wäre es damals überhaupt möglich gewesen die
Ligen getrennt zu halten?[...]
Theoretisch also: ja.
Aber auch "wir Fans" haben Anteil daran, dass es
nicht dazu kam. Zum einen lag das daran, dass kaum
noch jemand da war bzw. Interesse daran zeigte.
Zum anderen daran, was dann in den Stadien
veranstaltet wurde. Wohlgemerkt zu einer Zeit als
Taylor-Report und bundesdeutsche Exekutive die
Gewalt langsam aber stetig in den Stadien zu
bekämpfen begann.
Nicht zu vergessen: die "ominösen Westberater" und
Sonnenprinzen, die wir Fans nicht ausreichend
kontrollierten.
Und genau HIER ist aber meines Erachtens das
Versagen des DFB zu verorten: Er hätte dem Einhalt
gebieten müssen, z.B. hätte er Zwangsverwalter
bestellen müssen (zum einen wegen der
Abschreckung, zum anderen gab es auch im Osten
genügend, die sich nun die Taschen füllten).
Ob das rechtlich möglich gewesen wäre? Nun ja:
wenn der DFB gesagt hätte, ohne diesen "Verwalter"
keine Lizenz, dann hätte damals keiner geklagt. Da
bin ich mir sicher, es war eine andere Zeit. Und
wenn dann der Übergang geschafft worden wäre, dann
hätte das auch aufgehört.
ABER: Nimm mal einen Verein wie Stahl Brandenburg.
Mit ihrer 80er Mannschaft -und was war das für
eine geile Elf!- hätten sie locker in der 2.BuLi
gespielt. Aber es gab eben nur einen
"2t-Ligatauglichen" Sponsor: das Stahlwerk. Und
die hatten nach der Wende erstmal andere Sorgen,
das war der Beginn vom stetigen Abstieg.
Nur sei eben bemerkt, dass Brandenburg eine Stadt
von 94.872 Einwohnern war (1988) und heute 71.778
Einwohner hat mit einer entsprechenden
Wirtschaftsstruktur. Und wie viele Städte in den
alten Ländern ähnlicher Kategorie gab/ gibt es,
die mal einen Zweitligisten an den Start bringen
konnten?
Das besondere ist doch "lediglich", dass Stahl
eben mal EC spielte, für eine solche Stadt schon
einen repektablen Zuschauerschnitt hatte und so
eben auch eine so ganz eigene Tradition hatte, die
man aus verstehbaren Gründen in den alten Ländern
nur schwer nachvollziehen konnte/ kann und somit
auch schwerlich die Sentimentalität, die man als
gelernter DDR Bürger dieser Thematik
entgegenbringt, verstehen und lässt so mitunter
die Sensibilität vermissen.
30.12.2011 09:57:17 von mehmetwirdankendir
[...]Tatsache ist, der Osten ist verramscht
worden.[...]
Ja. Jedem, den das interessiert, sei der
Einigungsvertrag in seiner kommentierten Fassung
als Lektüre empfohlen, wie die Abhandlungen Prof.
Dr. Wolfgang Merkels zu diesem Thema, als auch die
"Bilanz der Treuhand".
Aber das ändert nichts daran:
[...]Natürlich waren wir technologisch
weiter.[...]
Jein.
Der Hauptgrund war, dass die durch das
Computerzeitalter anstehenden Innovationen zwar
erkannt und ausgeplant waren aber nicht finanziert
werden konnte,-weshalb die DDR zwar nicht pleite
im "betriebswirtschaftlichen", aber eben doch im
"volkswirtschaftlichen Sinne" war: sie war nicht
mehr in der Lage sich adäquat und vor allem in der
Breite zu regenerieren und technologisch Anschluss
zu halten, wie sie es hätte tun müssen.
Ich z.B. hatte bei einer Firma gelernt in
Thüringen, die schon seit den 1960er Jahren
Maschinen u.a. für England herstellte und in den
1980er Jahren schon so etwas wie state of the art
war. Heute ist sie es immer noch-aber nur weil die
englische Vertriebsfirma Mutterhaus wurde und
Anfang der 1990er Jahre richtig Geld in die Hand
nahm -was im Werk aus den unterschiedlichsten
Gründen nie und nimmer da gewesen wäre-, um im
Computergesteuerten Maschinenzeitalter anzukommen.
Und als dann Osteuropäer -vor allem Russen- wieder
konvertierbares Geld in der Tasche hatten, war die
Firma endgültig gerettet. Dieses "Glück" hatten
nicht alle bzw. u.a. diese "Durststrecke"
überstanden nicht alle.
Das beste Bsp. zur Illustration ist meiner Ansicht
nach Simson Suhl: Sie waren unangefochten
Marktführer im RGW für Kleinkrafträder, dazu war
man eine Hausnummer in Südostasien sowie in
Zentralasien mit China. Sie verkauften 1989 200000
Kleinkrafträder, 1991 noch 5000. Es ging ja dann
noch irgendwie weiter, bis eben auch gravierende
Managementfehler dazu führten, dass endgültig
Schluss war.
Einen "Fehler" will ich Dir einmal aus meiner
Sicht skizzieren, der diese ganze Problematik
skizziert:
1. Simson konnte (und musste) jeder halbwegs
technisch begabte 16jährige selbst reparieren. Bei
den Nachwendemodellen war das nicht mehr der
Fall.
Damit wollte man die Vertragswerkstätten -die das
ähnlich dem Autohausmodell forderten- bzw. das
Vertriebsnetz stärken-außerdem ist das bei Yamaha,
Honda, usw. Standard.
2. Man glich sich zwangsläufig den Preisen von
"westlichen" Kleinkrafträdern an, weil jede Menge
Schnickschnack verbaut wurde, teils aus
gesetzlicher Verpflichtung, teils weil es
nachgefragt wurde.
Problem: warum sollte man jetzt noch Simson
kaufen, wenn es preislich keinen Unterschied gibt,
man nichts mehr selbst dran machen konnte und
Yamaha/ Honda eben einfach besser waren? Und nun:
warum hätten Yamaha/ Honda einen Konkurrenten bzw.
eine Produktionskapazität aufbauen und
durchfüttern sollen für einen Markt, der erst
(wieder) entsteht?
Ähnliches kann man z.B. schreiben über SKET in
Magdeburg-und bitte die Küchenherdherstellung war
der "Rest, sprich die zwangsweise
Konsungüterproduktion, SKET war schon ein
qualitativ und quantitativ hochwertiger Player im
Schwermaschinenbereich.
[...] Nichtsdestotrotz hätten gewisse Dinge
gefördert werden müssen. [...]
Jein.
Sicher war/ ist es zu verurteilen, was die
Treuhand tlw. vom Stapel lies, dass
Hermes-Bürgschaften tlw. bewusst nicht vergeben
wurden, usw.
Aber grundsätzlich ist auch mal folgendes zu
bedenken: Einmal angenommen, es wären alle Firmen
durch management by out privatisiert wurden. Dann
hätte man in Konkurrenz zum richtigen Weltmarkt
treten müssen. Und da war eben der Teil des
Marktes, der in den 1990er Jahren Geld einbrachte,
aufgeteilt und die neuen Märkte hatten entweder
kein konvertierbares Geld bzw. zu wenig
konvertierbares Geld, bzw. wollten die "neuen
Produkte"-siehe Bsp. Simson.
5 Sachen zum Schluss:
1. Es ist mir grundsätzlich egal, ob ein
Westdeutscher die unmittelbare Zeit/ Lage im Osten
vor und nach 1990, meine Biographie, usw.
nachvollziehen will. Es interessiert mich nicht,
was dieser darüber denkt, wie er das bewertet,
wenn er mit belehrendem Duktus vorgeht. Letzteres
meint dieser oftmals können zu dürfen, weil er ja
gewonnen hat oder aus intellektuell unredlichen
Gründen, aber er kann es ohne interessiertes
Nachfragen genau so wenig, wie ich es im
umgekehrten Fall könnte.
2. Selbsterklärte Könner aus dem Westen,
Sonnenkönige, Abzocker aus dem "Westen": alles
richtig, aber: Vieles im Osten haben wir
Ostdeutschen höchstselbst versaut.
3. In die Geschichte zu blicken, sie aufzuarbeiten
ist richtig und wichtig, die gemachten Fehler zu
erkennen und zu benennen ebenfalls. Aber wer meint
so ein toller Typ zu sein, um den Protagonisten
von einst heute die Welt erklären zu müssen und zu
können, dem schreibe ich: Nachmachen! Besser
machen!
Nun gut, das ist schwerlich möglich, aber etwas
Empathie dafür, was das für eine Zeit war und das
es eben schon eine Herausforderung war, sich Knall
auf Fall in einer gänzlich neuen Zeit/ in einem
gänzlich neuen System zurechtfinden zu müssen,
erscheint mir nicht verkehrt.
4. Sozioökonomische Lage in den Neuen Ländern hin
oder her: NIEMAND, niemand zwingt die Fans von
Hansa, BFC, Dynamo Dresden, usw. gewalttätig zu
sein und regelmäßig durch unakzeptables Verhalten
aufzufallen. Niemand!
5. Sozioökonomische Lage im Osten hin oder her:
Niemand verbietet einem hart zu arbeiten oder beim
Empfang von Transferleistungen, trotz einer
zugegeben gewissen mitunter auszumachenden
Perspektivlosigkeit, einfach mal eine
Grundzufriedenheit darüber zu haben, dadurch nicht
verrecken zu müssen, wie das in weiten Teilen der
Welt -auch der "zivilisierten und westlichen"- der
Fall ist.
Mit Verlaub und allem Verständnis für
sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle: Armut
in jeglicher Hinsicht muss nicht in politische
Radikalisierung, muss nicht in Neid, muss nicht in
Gewalt, muss nicht in eine "wir wurden zu
Verlierern gemacht"-Rhetorik münden und in
politischen Extremismus schon dreimal nicht.