Reutlingens Ultras zwischen Einfluss und Abstieg
»Wenn es knallt, knallt es halt«
Text: Dominik Drutschmann Bild: Dominik Drutschmann
Keiner spricht über den SSV Reutlingen, aber viele über ihre Fans. Die Ultras der »Szene E« sind in der Fanszene bundesweit bekannt. Unser Autor Dominik Drutschmann hat die »Szene E« einen Spieltag lang begleitet.
Noch fünf Minuten bis zum Anpfiff. Die letzten Klänge der Rolling Stones plärren aus den Boxen. Paint it black, singt Mick Jagger. Dann ist Ruhe. Der schwarz-gekleidete Haufen im »Block E« übernimmt das musikalische Zepter. Die erste Trommel erklingt, tok-tok-tok. Die zweite steigt ein. Aus 60 Kehlen erklingt der erste Schlachtruf: »Wir sind die letzten Reutlinger – tok-tok-tok – wir sind immer da!«
Die Ultras des schwäbischen Oberligisten SSV Reutlingen bilden die einzige ernsthafte Ansammlung von Menschen im Stadion an der Kreuzeiche. Die Tribünen bieten Platz für 15.000 Zuschauer, 600 verlieren sich an diesem Samstag im weiten Rund – die gesamte Südtribüne unter der Anzeigetafel ist gesperrt. Das Stadion liegt da wie ein schöner Mantel, der sechs Nummern zu groß ist.
Ihr Capo heißt Fabian Maier und hat früher Philosophie studiert
Die Spieler laufen ein. Fabian Maier dreht ihnen den Rücken zu. Er steht am Fuße von »Block E«. In einer Mischung aus Dirigent und Vorarbeiter brüllt er seine Kollegen an. Er rudert mit den Armen, als wolle er über das Stadiondach hinwegfliegen.
Fabian Maier, 29, ist Kopf und Capo der »Szene E«. Auch von der Gegengerade ist er noch deutlich zu erkennen: 1,90 groß, athletische Figur, sonnengegerbte Haut. Früher hat er Philosophie studiert, heute arbeitet er als Montageleiter. Er wirft einen Blick über seine Schulter, das Spiel hat begonnen. Maier gibt den Trommlern ein Zeichen, holt tief Luft und setzt an: »REUT-LIN-GEN«. Die schwarzen Schäfchen vor ihm steigen ein. Immer schneller. »REUT-LIN-GEN/REUT-LIN-GEN«.
Der SSV Reutlingen war mal eine Adresse im deutschen Fußball. In den 1960ern war der Klub auf Augenhöhe mit Bayern München, kämpfte um den Aufstieg in die Bundesliga. Zur Jahrtausendwende spielte der Klub in Liga zwei. Nach Abstiegen, Misswirtschaft und der Insolvenz im vergangenen Jahr heißen die Gegner heute nicht mehr VfL Bochum und Hannover 96, sondern Normannia Gmünd und FV Illertissen. Für die »Szene E« ist das Fluch und Segen zugleich. »Ohne den sportlichen und wirtschaftlichen Abstieg, wären wir als Ultras heute nicht in der Position, in der wir sind«, sagt Maier. Wer eine Karte für »Block E« haben will, muss sich an die »Szene E« wenden, nicht an den Verein.






