Mein Lieblingstor (11): Oliver Kahn vs. Hansa Rostock
Die blinde Gier
Text: Erik Peter Bild: Imago
Drei Gegentore gegen Rostock waren für Oliver Kahn zu viel. Also nahm er die Dinge selbst in die Hand und faustete den Ball in den gegnerischen Kasten. Ein Tor, das keines war, aber unser Autor Erik Peter nie vergessen wird.
So beginnen legendäre Momente. Ein Torhüter verlässt sein Tor, sprintet über die gesamte Länge des Platzes und wirft sich in Erwartung eines Eckballs oder Freistoßes der eigenen Mannschaft ins Getümmel vor dem gegnerischen Kasten. Er will eine Überzahlsituation schaffen, die gegnerischen Abwehrspieler, von denen ihm niemand zugeordnet ist, irritieren. Er will seinen ganzen Siegeswillen demonstrieren und – je nach Situation – die Lautstärke des Stadions auf ihr Maximum erhöhen oder die Zuschauer vor Angst verstummen lassen. Er gibt das Signal: Wir haben unsere letzte Chance und wir werden sie nutzen.
Die Rahmenbedingungen solcher Situationen ähneln sich. Das Spiel befindet sich in den allerletzten Zügen. Einer der Mannschaften fehlt nur ein einziges entscheidendes Tor. Die führende Mannschaft hat ihre Souveränität verloren, während der Gegner mit dem Mute der Verzweiflung alles nach vorne wirft. Gestoppt wird die Angriffslawine nur noch notdürftig mit blinden Befreiungsschlägen oder Fouls. Es kommt zu einer letzten Standardsituation. So beginnen legendäre Momente.
Oliver Kahn eilt nach vorne. Mit diesem irren, stechenden Blick.
Rostock, im Frühjahr 2001. Tabellenführer Bayern München gastiert bei den Hanseaten, die wie immer im Abstiegskampf stecken. Für die Münchner gilt es die Heimniederlage aus der Hinserie vergessen zu machen und die hartnäckigen Verfolger aus Dortmund, Schalke und Leverkusen endlich abzuschütteln. Doch erneut läuft das Spiel nicht nach Plan. Das erste Gegentor kassiert Oliver Kahn nach einer knappen halben Stunde. Wenige Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit steht es 3:2 für Hansa.
Das Ostseestadion befindet sich Mitten in der Umbauphase. Auf drei Seiten lärmen die Fans lauter als es den als kühl verschrieenen Norddeutschen zuzutrauen ist. So, wie man Oliver Kahn kennt, setzt diese Stimmung besondere Energien bei ihm frei. Aus einem besonders ehrgeizigen Spieler wird dann der Spieler, mit dem verrückten, stechenden Blick, vor dem sich Gegner und Mitspieler gleichermaßen fürchten.
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