Best of 2011: Stig Tøfting über seine Karriere und die Hell's Angels
»Das Rockerleben machte Eindruck«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Stig Tøfting hat in seinem Leben viel mitgemacht. Als Kind verlor er seine Eltern, später musste er wegen eine Prügelei ins Gefängnis und geriet wegen Verbindungen zu den Hell's Angels ins Visier der Polizei. Wir sprachen mit ihm über seine turbulente Karriere.
Stig Tøfting, haben Sie mal Ihren Namen gegoogelt?
Stig Tøfting: Klar. Man bekommt schnell den Eindruck, ich sei ein ziemlich übler Kerl. Schlägereien, Gefängnis, Hell’s Angels. Aber viele kennen nur kleine Details der Geschichten, sie haben nie mit mir gesprochen. Wenn sie vor mir sitzen, sagen die meisten: »Stig, du bist doch ein netter Kerl.«
Sie sagten einmal: »Ich möchte für den kleinen Mann auf die Barrikaden steigen.« Warum will ein Fußballer, der Millionen im Jahr verdient, auf die Barrikaden steigen?
Stig Tøfting: Fußball ist ein bisschen wie Krieg. Und mit wem würden Sie eher in eine Schlacht ziehen: Mit mir oder mit einem hemdsärmeligen Typen, der lächelnd über den Platz trabt? Mitspieler wussten immer, dass ich sie nicht hängenlasse. Und die Fans sahen, dass da jemand ist, der sich für sie den Arsch aufreißt, auch wenn er viel Geld verdient. Das war mir wichtig.
Bei den HSV-Fans hatten Sie die Spitznamen »Kampfmaschine« oder »Pitbull«.
Stig Tøfting: Ich merkte schon als Kind, dass ich aufgrund meiner Statur beim Fußball Nachteile haben würde. Also sagte ich mir: »Du musst rennen, Stig! Rennen!« Jeden verdammten Tag nach der Schule bin ich zehn Kilometer gejoggt und machte täglich Liegestütze. So wurde ich als Profi zwar kein super Techniker, doch ich war einer, der in der 90. Minute noch Luft für eine weitere Partie hatte.
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Hatten Sie in Ihrer Kindheit Idole?
Stig Tøfting: Keine großen Namen. Ich mochte die verrückten Typen auf dem Platz, die, die ein bisschen anders waren. Mein großer Held hieß Kim Ziegler. Ich sah ihn erstmals, als er einem Gegenspieler den Ball an den Kopf warf, weil dieser ihn beim Einwurf genervt hatte. Ziegler bekam die Rote Karte. Andere haben sich vermutlich tierisch darüber aufgeregt, ich fand das cool.
In Dänemark eiferten Kinder damals den Laudrup-Brüdern oder Morten Olsen nach. Woher rührte Ihre Faszination für Antihelden wie Ziegler?
Stig Tøfting: Ich habe früh gelernt, was es heißt, unten zu sein. Ich wuchs in einem Arbeiterbezirk in Aarhus auf, mein Vater war Busfahrer, der sich jeden Abend betrank, meine Mutter arbeitete als Arzthelferin. Als Kind musste ich Zeitungen austragen oder belieferte alte Leute mit Lebensmitteln. Mein Leben bestand aus Arbeit, Schule, Fußball und wenig Geld. Nur einmal, am Tag meiner Konfirmation, gab es ein großes Geschenk: Eine Stereoanlage. Ich hörte wochenlang Schallplatten von Boney M.
Das war in dem Jahr, in dem Sie Ihre Eltern verloren.
Stig Tøfting: Es war der Samstagabend des 30. Juli 1983. Es lief zu der Zeit nicht sonderlich gut zwischen meinen Eltern, sie hatten viel Streit. Warum, verstand ich nicht. Mein Vater hatte schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Er legte einen Staubsaugerschlauch vom Auspuff ins Innere seines Wagens, doch der Selbstmordversuch misslang. An jenem Samstagabend kam ich aufgekratzt nach Hause. Ich wollte meinen Eltern erzählen, wie ich mit meiner Mannschaft in das Finale eines Turniers eingezogen war. Ich schloss voller Vorfreude die Tür auf, blickte in den Flur unserer Wohnung und sah meinen Vater in einer Blutlache am Boden, neben ihm das Jagdgewehr. Ein paar Schritte weiter, in der Küche, lag meine Mutter. Wie sich später herausstellte, hatte mein Vater zunächst sie, dann sich selbst umgebracht.
Niemand hatte etwas davon mitbekommen?
Stig Tøfting: Scheinbar nicht. Ich schnappte mir unseren Hund, drehte mich um und rannte los. Immer geradeaus, zum Haus meiner Großeltern. Als ich vor meinem Opa stand, sagte ich: »Da ist was passiert.« Ich konnte das Gesehene nicht einordnen. War das die Wirklichkeit oder nur Einbildung? Danach lief alles wie in Trance. Die Polizei kam, um mich herum Onkel, Tanten, meine kleine Cousine, Großeltern, die ganze Familie.
Begegnung mit Töfting: »Wollen Sie mit mir in den Krieg ziehen?« >>
Schon am nächsten Tag standen Sie wieder auf dem Fußballplatz.
Stig Tøfting: Wissen Sie, ich war gerade mal 13 Jahre alt – was passiert war, erschien mir schlichtweg unwirklich. Ich dachte am Sonntag zunächst an Fußball, an den Cup und vor allem an den großen Sepp Piontek, der als Schirmherr des Turniers eingeladen war. Wir gewannen das Endspiel und Piontek kürte mich zum besten Spieler. Es war trotz der Geschehnisse ein guter Tag.
Sie sprachen nicht mit einem Psychologen?
Stig Tøfting: Später, klar. Doch zunächst ging das Leben mit seltsamer Routine weiter. Am Montag trug ich wieder Zeitungen aus. Als ich aufs Titelblatt blickte, sprang mir der Aufmacher entgegen: »13-jähriger Junge findet seine Eltern tot in der Wohnung«. In dem Moment traf ich meine Tante. Sie nahm mir die Zeitung aus der Hand und brachte mich nach Hause.
Das ist 28 Jahre her. Was empfinden Sie, wenn Sie daran zurückdenken? Wut?
Stig Tøfting: Wütend war ich nie. Ich würde meinen Vater nur gerne fragen: Warum? Darauf habe ich nie eine zufriedenstellende Antwort erhalten. Vielleicht, weil ich nicht richtig danach gesucht habe.
Sie haben nie mit anderen Familienangehörigen über die Tragödie gesprochen?
Stig Tøfting: Wenig. Ich habe seit jeher die Einstellung, dass ich für Dinge, die ich nicht beeinflussen kann, keine Energie verschwende.
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Aus Heft#119 10/2011
Magische Momente – Warum wir Fußball lieben
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Ankunft in der Bundesliga: 1993 wechselt Stig Töfting vom Aarhus GF. Er bleibt zwei Jahre, macht allerdings nur acht Spiele. 1995 geht er zurück nach Dänemark...






