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25.11.2011

Nürnberg-Fan verliert Arm

Zum Hooligan erklärt

Text: Erik Peter, Ron Ulrich, Andreas Bock  Bild: Imago

Ein Nürnberg-Fan wird am vergangenen Samstag im Kölner Hauptbahnhof von einem Zug überrollt und schwer verletzt. Manche Medien erklären das Opfer vorschnell zum »Hooligan«. Nun stehen Nachrichtenagenturen und die Polizei in der Kritik.

Nürnberg-Fan verliert Arm - Zum Hooligan erklärt


Am 14. und 15. Januar findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche lest hier auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur. Ihr findet alle Berichte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Der folgende Text wurde erstmals im November 2011 veröffentlicht.


Ein Fußballfan, der im Beisein anderer Fans verletzt wird, muss ein Hooligan sein. So einfach diese Erkenntnis sein mag, so falsch kann sie auch sein. Der Fall eines Nürnberger Fußballfans, der am vergangenen Samstagabend im Kölner Hauptbahnhof von einem Zug überfahren wurde und dabei schwer verletzt wurde, zeigt jedoch die Beliebtheit solcher Erklärungen.



Was passierte an diesem Samstag, gegen 19:30 Uhr am Kölner Hauptbahnhof? Als sicher gilt, dass Fans des Clubs aus Nürnberg auf der Rückreise von ihrem Auswärtsspiel bei Schalke 04 auf eine Gruppe von Mainz-05-Anhängern stießen, die vom abgesagten Spiel aus dem Kölner Stadion kamen. Es soll eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Fangruppen gegeben haben, wie von den beteiligten Nürnberger Ultras in einer Stellungnahme bestätigt wurde. Dann ereignete sich der tragische Vorfall, bei dem der 19 Jahre alte Nürnberg-Fan André von einer einfahrenden Regionalbahn erfasst wurde. In einer Notoperation musste dem jungen Mann der rechte Arm amputiert werden.

Polizei ermittelt wegen versuchten Tötungsdeliktes

Die Polizei erklärte zunächst, das Opfer sei vor den Zug gestoßen worden. Doch inzwischen sind auch gegenteilige Aussagen publik geworden. Oberstaatsanwalt Alf Willwacher berichtete der »Nürnberger Zeitung« (Dienstagsausgabe) von Zeugen, die keiner Fangruppe angehören: »Sie haben ausgesagt, dass der 19-Jährige über die Bahngleise gelaufen war und dabei vor den Zug gefallen sei.« Beide Varianten, Sturz mit oder ohne Fremdeinwirkung, würden nun geprüft, so Willwacher.

Diese Version, wonach das Opfer die Bahngleise selbst betreten hatte, wollte die Polizei Köln heute auf Nachfrage von 11FREUNDE »weder bestätigen noch dementieren«. Die Mordkommission ermittele »nach wie vor wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdelikts«, so Sprecherin Nadine Perske. Zum möglichen Tatzeitpunkt hätten sich viele Personen an den angrenzenden Bahnsteigen befunden – nicht nur Mainzer und Nürnberger, sondern auch andere Fußballfans. Eine Auswertung des Videomaterials brachte vorerst keine Klärung. Die Polizei sucht weiterhin Hinweisgeber, die sich unter der Rufnummer 0221/229-0 melden können.

»Eine Hexenjagd«

Derweil wird Kritik an den Agenturen und der Polizei laut. Von »bodenlosen Vorverurteilungen« und »einer Hexenjagd« spricht in diesem Zusammenhang Rechtsanwalt Ralf E. Peisl, der einen Zeugen vertritt. Auch die Nürnberger »Rot-Schwarze Hilfe«, ein Verein zur juristischen Unterstützung von Fans, kritisiert die »reißerische Berichterstattung« und die »Öffentlichkeitsarbeit der Ermittlungsbehörden«.

Die Kritik dreht sich um drei Punkte:

1. Dass das Opfer als »Hooligan« tituliert wurde.

»Unser Gruppenmitglied war weder einer, der körperliche Gewalt gesucht hat, noch war er in irgendeiner Weise vorbestraft«, schreibt die Gruppe »Banda di Amici«, der das Opfer angehören soll. Das bestätigt auch FCN-Fanbeauftragter Jürgen Bergmann im Interview mit 11FREUNDE: »Er gehört nach unserem Kenntnisstand nicht zur Hooliganszene.« Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader pflichtet in einem auf der Club-Homepage veröffentlichten Interview bei: »Nach unseren Informationen gehört André nicht der Hooligan-Szene an.«


weiterlesen [1] [2]



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Kommentare

  • User
  • 25.11.2011 19:28:12 gurgelwasser

    Absolut schwer, das zu kommentieren. Was soll man dem Fan nun wünschen, gute Besserung? Irgendwie unangebracht, bei der Verletzung...
    Und dann noch diese Berichterstattung, die an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten ist. Es ist doch zum Heulen, wie unbestraft mediell Rufmord betrieben wird, der auch mit einer nachträglichen Richtigstellung kaum mehr rückgängig gemacht werden kann.

  • User
  • 25.11.2011 21:13:24 penalty

    wie das mit den medien und dem aufbauschen ist, nur um bekannte klischees zu bedienen und zu pflegen, ham wa jüngst erst erlebt und seit gestern auch als teil eines urteils.

    interessant auch, wie begeistert der kommentator eben angesichts der brennenden gladbachkurve in köln von toller stimmung sprach.

  • User
  • 25.11.2011 22:55:43 Ganna

    Punkt 3 finde ich den Oberhammer!
    In Köln scheint ja nicht nur die Presse sondern auch die Polizei verantwortungslos und kriminell zu sein!
    Das bestätigt jedes Vorurteil über diese Stadt: Klüngel, Klüngel, Klüngel…

  • User
  • 26.11.2011 04:37:51 Marco Polo

    Das Problem mit der Polizei und ihrem mangelnden Grundrechtsbewusstsein ist kein rein Kölner Problem. Das ist mindestens in Bayern und Hamburg auch so.

  • User
  • 26.11.2011 07:43:13 jimmybondano

    Also diese Gewalt, nein, wird ja immer schlimmer. Nürnberg und Mainz würde ich gleich sperren, am besten in Liga und Pokal.

  • User
  • 27.11.2011 11:43:56 echterborusse

    Ne, da passiert SOWAS ja normalerweise nicht. Außerdem liegen die beiden Städte in den alten Bundesländern. Aber mit den Dresdenern....jaja, da habense genau die richtigen erwischt!

    Interessant dazu auch die netten Aussage des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (ok, sorry, was will man da auch groß anderes erwarten): „Ich bin entsetzt über diese erneute Eskalation von Gewalt unter Fußballfans“, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU). „Der gemeinsame Kampf von Vereinen, Polizei und Sicherheitsbehörden muss im Jahr 2012 verstärkt werden.“ (Münchener Abendzeitung, 20.11.2011)

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