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14.11.2011

Kriminologe Thomas Feltes über Gewalt im Fußball

»Stadionverbote sind Blödsinn«

Interview: Marius Gutowski  Bild: Imago

Thomas Feltes ist Kriminologe an der Ruhr-Universität Bochum und berät die DFL im wissenschaftlichen Beirat zu gewaltbereiten Fans. Im Interview warnt er vor einer gefährlichen Hysterie und erklärt, warum drastische Maßnahmen ein falsches Signal senden.

Kriminologe Thomas Feltes über Gewalt im Fußball - »Stadionverbote sind Blödsinn«


Am 14. und 15. Januar findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche lest hier auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur. Ihr findet alle Berichte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Das folgende Interview wurde erstmals im November 2011 veröffentlicht.


Thomas Feltes, Hooligans des BFC Dynamo Berlin greifen nach dem Spiel gegen Kaiserslautern Gästefans an, Dresden-Ultras stürmen den Stadioneingang in Dortmund, der Magdeburger Profi Daniel Bauer wird sogar von den eigenen Anhängern bedroht. Sehen Sie ein Gewaltproblem im deutschen Fußball?

Thomas Feltes: In meinen Augen hat sich an der Gesamtsituation in den letzten Jahren nichts geändert, es kommt auf die Darstellungsweise an. Was mir fehlt ist die Herausstellung des Positiven. Auf ein schwieriges Spiel kommen zehn vollkommen unproblematische Begegnungen, wo alles glatt läuft. Das wird einfach verschwiegen.



Was beobachten Sie in der Debatte?

Thomas Feltes: Ich sehe eine gefährliche Hysterie, die vor allem von Vereinsvertretern, Politik, Polizei und Gewerkschaftsvertretern ausgeht. Man fordert jetzt härtere, repressivere Maßnahmen, obwohl alle Beteiligten wissen müssten, dass diese nicht zum Erfolg, sondern eher zu einer Eskalation führen. Was wir brauchen, ist eine Beruhigung und eine Fortsetzung des konstruktiven Dialogs.

Vom DFB ist immer wieder die Rede von diesem konstruktiven Dialog. Warum wurden dann keine Fanvertreter zum runden Tisch gegen Fußballgewalt eingeladen?

Thomas Feltes: Der runde Tisch ist, was die Teilnehmer angeht, von vornherein so konzipiert gewesen und keine Reaktion auf die aktuellen Ereignisse. Ihre Frage ist schwierig zu beantworten, aber ich bin der Auffassung, dass es vom Prinzip her nicht viel ändern würde, wenn ein oder zwei Fanvertreter eingeladen wären.

Warum?

Thomas Feltes: Die Fan- und Ultraszene ist dermaßen heterogen, dass es in einem solchen Gremium unmöglich ist, die Interessen der Fans zu vertreten. Die Kommunikation muss regional vor Ort geführt werden. Die Verantwortlichen in den jeweiligen Städten müssen sich zusammensetzen und maßgeschneiderte Lösungen erarbeiten. Die Probleme sind individuell anzugehen, wie die Ereignisse der letzten Wochen und Monate auch gezeigt haben.

Wo hatten Sie denn den Eindruck, dass es in der Diskussion um Fangewalt Fehlwahrnehmung gibt?

Thomas Feltes: Man muss ja nur dieses kaum wahrgenommene Ereignis in Hannover sehen, wo 36 Menschen durch einen Polizeieinsatz verletzt wurden. Anstatt dann zu fragen: »Was ist dort von Seiten der Polizei falsch gemacht worden?«, wird das unter den Teppich gekehrt oder in einen Topf geworfen mit den Ereignissen in Dortmund.

Was muss in der Diskussion sonst noch bedacht werden?

Thomas Feltes: Es gibt bundesweit nicht nur viele Ultraszenen, sondern auch verschiedene räumliche Bedingungen, wenn Sie Leverkusen oder Schalke mit Dortmund vergleichen.

Die An- und Abreise verläuft jeweils ganz unterschiedlich.

Thomas Feltes: Die Auswärtsfans werden dort teilweise durch Busse wie im Käfig ins Stadion gebracht. Dann gibt es die Anreise zum Stadion wie in Dortmund, wo man die Fanmischung hat und wo es eigentlich bisher immer friedlich ablief. Bis auf das Dresdener Intermezzo. Sonst sind die Fans sehr kooperativ und tun genau das, was die Polizei von ihnen verlangt.


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Kommentare

  • User
  • 15.11.2011 09:01:49 einrudithömmes

    Wat ja dem Polizeigewerkschaftsfuzzi neulich in Fernseher (also diese Diskussion, wo ich hier drauf hin wies und ich keine Quelle im Netz zu find) voll abging war, dass ihm abgeht, dass so einige Krawallmacher die Gesetzeslage total am Arsch vorbei geht. So lange brauch man mit denen gar nichmal diskutieren, sagt er.

    Ich weiß jetz nich, wes Brot so ein Kriminologe isst, vielleicht ja wirklich das der Forschung, aber so pauschal mal eben das Hausrecht eines Hausherrn als Blödsinn darzustellen will nicht recht in seine sonst differenzierte Sicht passen. Von der Polemik übermannt, möchte man sagen.

    Und die Frage, warum Polizeieinsätze schief gehen könnte man auch sich auch mal kritisch von der Frage, warum "Fan"einsätze vermehrt (?) schief gehen. Bor.

  • User
  • 15.11.2011 13:42:49 gloeckner

    Ich geh ins Stadion, weil ich Fußball sehen will. Choreografien, Bengalische Feuer, Fahnen, dieser ganze Zinnober ist doch für'n Arsch. Diese ganze sogenannte Fankultur ist einfach nur kreuzdämlich. Vielleicht würden sogar ein paar mehr Fußball-"Fans" ins Stadion gehen, wenn Ultras und Kuttenträger nicht ständig hofiert würden. Kein Mensch braucht die.

  • User
  • 15.11.2011 15:12:20 GTEvo

    Das ist korrekt gloeckner.
    Aber die Vereinspräsidenten ge/- und brauchen ULTRAS und den HARTEN KERN!

    Ultras und der sog. "Harte Kern" der Fans sind keine externen Gruppierungen die sich manisch am Produkt Fußball, emotional fremdbereichern, aufgrund ihrer gescholtenen Fußballseele und als soziologisches Endprodukt ihres Unterschichten Umfeldes.

    Ultras und der "Harte Kern" sind interne Organisationen des jeweiligen "Clubs", das Spiegelbild und noch viel mehr, der Repräsentant derer politischen Gesinnung und dienen ausschliesslich als parteipolitsiches, straff organisiertes Instrument für regionale fußballpropagandistische Zwecke.

    "Ultras" & "Der Harte Kern" sind strukturell und organisatorisch, eigene neonarzistische "Obergrund" Parteien, die sich im DeckMantel der Südkurven tarnen dürfen und von ihren eigenen "Vereinen" systematisch manipuliert und temporär instrumentalisiert werden.

    Die Köpfe und Leader der dieser "Ultras" kommen meistens aus Oberschichten, besitzen einen hohen Bildungsgrad, demtentsprechend das oranisatorische Talent und die daraus resultiernde kriminelle Energie die von diesen ""Fanbeauftragten" nun systematisch kanalsiert werden.
    Hier in unseren ehemaligen Fußballstadien und heutigen Fußball "Commerz" Multifunktionsarenen wird doch seit Ewigkeiten Ursache und Wirkung sytematisch vertauscht und ausschliesslich zur Demagogischen Zwecken missbraucht.

    "Und wer ist Schuld dafür"

  • User
  • 15.11.2011 20:43:03 Teufelsgreis

    Stadionverböte sind Blodsinn

    Pauschalurteile sind ja meist mit Vorsicht zu genießen, egal ob Befürwortung oder Ablehnung... ich wär allerdings sehr angetan von einer gleichwertigen Anwendung... ein Spieler wird für unangemessen rüdes Vorgehen gesperrt, ein Zuschauer aus demselben Grund ebenfalls - und im Idealfall würden auch z.B. die offensichtlich überforderten Polizisten aus Hannover bei den nächsten Einsätzen in und um Fußballstadien von besonneneren Kollegen ersetzt.

    Ultras und Kuttenträger (...) Kein Mensch braucht die.

    Nunja... sie selbst schonmal mindestens, würd ich sagen. ;)
    Kultur als dämlich zu bezeichnen verrät ja viel über den Sprecher, nichts aber über die Kultur... und ja: genau so kann Kultur (auch) aussehen. Ist wie bei den Bayreuther Festspielen: Ein Großteil der Leute fährt nicht wegen des 'Ohren müssen bluten für den Sieg'-Gedonners dorthin, sondern weil sie gesehen werden wollen. Und daran werden auch die paar Puristen nix ändern, denen das ganze Gedöns um die spektakulärste Garderobe auf die Nüsse geht - egal ob im Opernhaus oder im Fußballstadion. Wenn man nämlich Menschen nicht die Gelegenheit bietet, sich in vorher abgestecktem Rahmen als Teil eines Ganzen hinträumen zu dürfen, dann suchen die womöglich von selbst nach Gelegenheiten - und dann verdient damit womöglich ein anderer Geld oder (für Deutsche noch schlimmer): es kommt zu unkontrollierten 'Kultur'-Auswüchsen. Und das geht ja wohl mal gar nicht, dann lieber jeden Samstag am selben Platz die selbe Fahne schwenken lassen und die selben Lieder singen. Sagt zumindest der Kassenwart. ;)

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