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31.10.2011

Als Christian Rahn die Fußball-Welt erobern wollte

»Junge, du fährst nicht mit«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

In der aktuellen Ausgabe berichten ehemalige U-21-Spieler von 2000 über ihre gescheiterte Karriere. Auch Christian Rahn sollte zur Jahrtausendwende die Zukunft des deutschen Fußballs retten – heute spielt er bei Greuther Fürth II. Wir sprachen mit ihm.

Als Christian Rahn die Fußball-Welt erobern wollte - »Junge, du fährst nicht mit«


Christian Rahn, Sie sind jetzt seit 15 Jahren Fußball-Profi, aber Ihre Bilanz weist lediglich 117 Erst- und 131 Zweitligaspiele auf. Warum sind es nicht mehr?

Christian Rahn: Vereinfacht gesagt: Meine Leistungen waren einfach zu unbeständig und ich hatte zu viele Trainer, auf die ich mich zu oft neu einstellen musste. Ein Beispiel dafür ist mein erster Wechsel vom FC St. Pauli zum Hamburger SV. Bereits anderthalb Jahre vor dem Ablauf meines Vertrages beim FC St. Pauli hatte ich den Wechsel öffentlich gemacht, doch weil wir aufstiegen, wollte man mich unbedingt am Millerntor behalten. Ich blieb und ging erst 2002 zum HSV. Da war Frank Pagelsdorf, der Trainer, der mich haben wollte, bereits entlassen worden. Für Kurt Jara, den neuen Mann, war ich lediglich ein Neuzugang, den er nicht gewollt hatte.



Die Bedingungen für den Nachwuchs der ersten und zweiten Liga sind heute mehr als professionell. Fühlen Sie sich als Teil einer Generation, an der das noch vorbei ging?

Christian Rahn: Durchaus. Als ich beim FC St. Pauli in der Jugend spielte, sind wir noch über Ascheplätze und Bezirkssportanlagen getingelt, es gab eine kleine Kabine, einen Physiotherapeuten, eine Massagebank. An eine eigene Trainerkabine war damals noch gar nicht zu denken. Wir hatten ja noch nicht einmal eigene Gymnastikmatten! Der Nachwuchs von heute würde unter solchen Bedingungen erst gar nicht zum Training kommen.

Wie würden Sie das Verhältnis zu den Platzhirschen von damals beschreiben?

Christian Rahn: Als ich die ersten Male bei den Profis mittrainieren durfte, standen noch solche Typen wie André Trulsen, Carsten Pröpper oder Holger Stanislwaski auf dem Platz. Mein Respekt vor diesen Spielern war so groß, dass ich am Anfang gar nicht wusste, ob ich sie jetzt mit »Du« oder »Sie« ansprechen sollte.

Ist das heutzutage anders?

Christian Rahn: Der Respekt ist ein wenig verloren gegangen. Ich habe früher gerne den Rat eines älteren Spielers angenommen, das ist heute – leider – nicht mehr so häufig der Fall.

Mussten Sie damals auch die Taschen der Kollegen schleppen?

Christian Rahn: Früher galt das unausgesprochene Gesetz: »Die Jungen machen das schon«. Also haben wir Taschen und Tore geschleppt und Flaschen aufgefüllt. Ich erinnere mich noch an mein erstes Trainingslager bei den Profis vom FC St. Pauli: Da musste ich morgens um zwei Uhr aufstehen, um gemeinsam mit unserem Zeugwart, einem Betreuer und dem dritten Torwart das komplette Gepäck der Mannschaft am Flughafen einzuchecken! Der Rest der Mannschaft kam schließlich um acht Uhr und brauchte nur noch einzusteigen.

Und heute?

Christian Rahn: Heute wählen wir bei Greuther Fürth drei Spieler aus, die dann die ganze Woche diese Jobs übernehmen...

Sie haben 13 U-21-Spiele und fünf A-Länderspiele absolviert. Weshalb hat man Sie irgendwann nicht mehr eingeladen?

Christian Rahn: Eigentlich sollte ich im Kader für die Europameisterschaft 2004 stehen, Rudi Völler und Michael Skibbe wollten mich ursprünglich dabei haben. Kurz vor dem Trainingslager verletzte ich mich allerdings am Oberschenkel. Ich bin trotzdem zu unserem ersten Treffen gefahren. Und schon nach einer Stunde stand der Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt vor mir und sagte: »Tut mir leid Junge, du fährst nicht mit.« Die EM lief aus deutscher Sicht katastrophal, Völler und Skibbe mussten gehen, Klinsmann kam, ich hatte keine gute Zeit im Verein und damit war ich weg vom Fenster.

Wie haben Sie das verkraftet?

Christian Rahn: Es war keine schöne Zeit. Ich hatte einen großen Traum und der hieß: Europameisterschaft. Innerhalb von Sekunden war dieser Traum zerstört worden. Ich bin dann auch nicht gleich abgereist, sondern einfach noch ein paar Tage bei der Nationalmannschaft geblieben. Das Gefühl, Teil dieser Mannschaft zu sein, wollte ich noch etwas auskosten.

Sie sind jetzt im Herbst Ihrer Karriere – hat sich die ganze Schinderei der vergangenen zehn Jahre gelohnt?

Christian Rahn: Auf jeden Fall. Es gibt nichts schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen. Außerdem glaube ich, dass es Schlimmeres gibt, als jede Woche vor vielen Fernsehzuschauern und Tausenden Fans im Stadion Fußball zu spielen.

Wie wahren Sie sich die Erinnerung an all die Jahre und Spiele als Fußballprofi?

Christian Rahn: Trikots sind ein wunderbares Souvenir. Inzwischen habe ich an die 300 Stück in meinem Keller, wohlbehütete Schätze, an die keiner ran darf. Außer natürlich meiner Frau und mir.



Ergänzung zu Heft#120 11/2011

Das große Interview mit Bernd Schuster




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Kommentare

  • User
  • 31.10.2011 12:11:35 PittiTrueffelschwein

    Ich mochte Rahn bei Rostock damals. Hab ihn seinerzeit schon beim Testspiel im alten Stadion an der Alten Försterei noch als Testspieler gesehen und war mir völlig sicher, dass Hansa ihn holen würde. Er hatte dann in meinen Augen auch ne gute Zeit da, unvergessen sein Aufstiegsfreistoßtor gegen Unterhaching.
    Wenn ich mich recht erinnere wurde er dann damals von Oczipka verdrängt und eben nach Fürth verkauft. Da kamen Verletzungen und heute ist er eben bei Fürth II. Schade irgendwie...

  • User
  • 31.10.2011 12:19:07 Jim Panse

    Ich mochte Rahns Eigentor im DFB-Pokal, damals noch für den FC Kölle.

  • User
  • 31.10.2011 12:40:51 Hardy Lopner

    Was macht den H.P. Baxxter da oben auf dem Foto?

  • User
  • 31.10.2011 16:37:52 siroj

    Ich mochte Rahns Tor zum Saisonauftakt 2001 in Wolfsburg.

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  • 08.11.2011 13:27:50 stuebner

    ich mochte gern vorm fernseher rufen "aus dem hintergrund müsste rahn schiessen......"

  • User
  • 09.11.2011 09:37:47 valenciano

    nummer 2 der vergessenen Generation, und was haben se gemeinsam? Den 1.FC Koeln, ganz grausam, diese Zeit. Brr da schuettelt es einen wirklich. Obwohll es auch nicht direkt besser wurde, Ishiaku als Beispiel. Davor war natuerlich auch schlimm, wieso der FC in der Zeit Mitgliederzuwachs und selbst in Liga 2 40.000+ Zuschauer hatte wird wohl noch in ein paar Jahren die Redaktion von Galileo Mystery beschaeftigen koennen.

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  • 09.11.2011 10:59:47 PittiTrueffelschwein

    Gab es beim 1. FC Köln Zeiten, die nicht grausam waren?
    Ich frag ernsthaft, weil so lange ich denken kann, war Köln immer der Verein, wo man im Kopf schon Meister war, am Ende aber wieder mal abgestiegen ist. Selbst MIT Podolski.

  • User
  • 09.11.2011 12:41:25 valenciano

    Gute Zeit, naja Anfang der neunziger halt, aber da es ja schon 90er Parties gibt, ist es wohl ein gute Zeichen, dass das schon sehr lang her ist.
    Und im Kopf Meister, ist ja das Klischee, aber nur so halb wahr. Von Umfeld und so hat Koeln halt einen gewissen Anspruch, vielleicht wie Hamburg. Aber der FC musste halt auch lernen, dass der Anspruch allein nicht reicht.
    Und 2te Liga war ab und zu sogar ganz schoen mit dem FC, ausser man verliert 5:0 gegen Rot Weiss Essen.
    ARRRGGGH, mach doch einer dass diese Bilder wegegehn (jetzt krieg ich das ohh RWE wieder nicht aus dem Kopf, dass nach jede Tor lief)

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  • 09.11.2011 13:19:33 PittiTrueffelschwein

    Oh ja, RWE ist diese Saison für mich auch n rotes Tuch. ;)

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