Die Geschichte der Fußballfans

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24.10.2011

Woher kommen die Boateng-Brüder?

Ein Käfig voller Helden

Text: Lucas Vogelsang  Bild: Christian Spreitz

Die Boateng-Brüder und ihre Kumpels Patrick Ebert, Änis Ben-Hatira, Chinedu Ede und Askhan Dejagah sollten einmal die Zukunft von Hertha BSC sein. Heute sorgen sie anderswo für Furore. Jeder für sich. Die Geschichte einer Entfremdung.

Woher kommen die Boateng-Brüder? - Ein Käfig voller Helden


Im Frühjahr 2011 begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart von Hertha BSC Berlin noch einmal auf engstem Raum. Es ist ein Montagabend in der Diskothek Maxxim am Kurfürstendamm, Friseusenchic direkt über dem Q-Dorf. Aus den Lautsprechern plärrt Ibiza-House, und im VIP-Bereich, durch eine Kordel vom Rest der Besucher getrennt, feiert Patrick Ebert, lange blonde Haare, Tattoos auf den Unterarmen, seine Rückkehr in die Bundesliga. Nicht weit entfernt, irgendwo in diesem Menschensee, krault Chinedu Ede von Union Berlin durch schwitzende Körper.



Er will irgendwo hin, doch das zuckende Stroboskop scheint ihm die Orientierung zu rauben. Und an der Bar lehnt Jerome Boateng, bald Profi beim FC Bayern, schwarzes Brillengestell unter einer dunklen Basecap, mit einer Flasche Cola in der Hand. Boatengs Blick huscht teilnahmslos über die Aufstiegseuphorie, bleibt an nichts hängen. Er wirkt abwesend, distanziert der blau-weißen Freude gegenüber, die nicht mehr seine ist. Und Ede drängelt immer noch und sucht die Party, die doch überall um ihn herum ist.

Ein junges Rudel Hochbegabter

Patrick Ebert, Jerome Boateng und Chinedu Ede bewegen sich kaum drei Meter voneinander entfernt. Doch die Distanz könnte in diesem Moment kaum größer sein. Sie sind, das wird deutlich, nicht gemeinsam hier, sondern jeder für sich. Wie vom Zufall noch einmal zusammengeführt, für einen Abend, vielleicht zum letzten Mal.
Dabei kennen sie sich seit mehr als zehn Jahren, sie haben ähnliche, fast parallel verlaufene Biografien. Sie gehören gemeinsam mit Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Zafer Yelen und Änis Ben-Hatira zum wohl besten Jahrgang, den der Berliner Fußball jemals hervor gebracht hat. Zwischen den Jahren 1986 und 1988 geboren, die Straße unter und bald auch in den Füßen, ein junges Rudel Hochbegabter, das einmal der Stolz der Hauptstadt werden sollte. Berliner Jungs allesamt, die Hertha BSC, einem Verein ohne Eigenschaften, ein Gesicht hätten geben können, die am Ende aber, bis auf wenige Ausnahmen, erst die Stadt verlassen mussten, um ihren Platz im Profifußball zu finden. Sie gingen, begleitet von einer Kakophonie aus Missverständnissen und Skandalen, und hinterließen, das Ghetto als Stigma, verbrannte Erde.

Die Frage ist nur: Wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Die Geschichte dieser Jungs beginnt nicht, wie oft in romantischer Verklärung behauptet, in einem engen Käfig an der Panke, sondern in den Köpfen von Frank Friedrichs und Dennis Hoy-Ettisch, zwei jungen E-Jugend-Trainern der Reinickendorfer Füchse. Friedrichs ist damals, 1996, gerade 26 Jahre alt. Seine Mannschaft trägt selbstgeschneiderte Trikots, die denen von Ajax Amsterdam nachempfunden sind, dem niederländischen Erfolgsklub, der berühmt ist für seine Nachwuchsförderung. Neben dem normalen Training müssen die jungen Füchse, ein bunter Haufen Zehnjähriger, zum Drill, zur Willensschulung. Frank Friedrichs wird von der Idee getrieben, aus ihnen die perfekten Fußballer zu machen. In seinem Kader stehen damals, neben dem späteren Rostocker Zafer Yelen, auch Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede. Ashkan Dejagah ist gerade in die D-Jugend gewechselt. »Wir haben schon damals drei, vier Mal die Woche trainiert«, erinnert sich Chinedu Ede. »Deswegen waren wir technisch auch alle so gut ausgebildet.«

Natürlich bleibt den Verantwortlichen bei Hertha BSC diese außergewöhnliche Konzentration von Hochbegabung nicht lange verborgen. Änis Ben-Hatira kommt als Erster, nach und nach wechseln Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede, später auch Ashkan Dejagah, zum großen Klub nach Charlottenburg, sie trainieren nun im Schlagschatten des Olympiastadions. Ihre Entdecker Friedrichs und Hoy-Ettisch werden in die Nachwuchsabteilung eingebunden. Zudem holt der Verein 1998 einen kleinen, hellblonden Jungen von der TSV Russee. Sein Name ist Patrick Ebert.
2003 sind Dejagah, Ebert und vor allem Kevin-Prince Boateng die Leistungsträger einer Mannschaft, die unaufhaltsam und mit einem für die Gegner furchteinflößenden Selbstverständnis durch die deutsche B-Jugendmeisterschaft rollt. »Wir wussten damals immer: Wenn es normal läuft, gewinnen wir«, erinnert sich Chinedu Ede, in dessen Erzählungen er und seine Mitspieler wie eine Liga Superhelden in Stollenschuhen wirken: »Patrick konnte Freistöße treten wie kein Zweiter, Kevin millimetergenaue Pässe spielen, Ashkan war am Ball eine Granate. Und ich war pervers schnell.«



Aus 11 FREUNDE-Spezial: 00er

Das waren die Nuller Jahre


weiterlesen [1] [2] [3] [4]



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Kommentare

  • User
  • 24.10.2011 20:44:17 PittiTrueffelschwein

    War einer der besten Artikel im Sonderheft.
    Allein schon, weil ich bis dato nicht wusste, dass Zafer Yelen, immerhin bei Hansa Rostock lange DAS Talent, zu dieser Clique gehörte.

    Ansonsten, was soll man sagen? Ben-Hatira und Ebert sind noch bzw. wieder bei Hertha, Dejagah scheint in Wolfsburg wieder gefragt zu sein, Ede hat sich bei uns in an der Alten Försterei in die Herzen gedribbelt. Nur Yelen ist der einizige, bei dem die Karriere gehakt hat (dazu n ganz netter Link). Die Boatengs sind Weltstars geworden, Nationalspieler, spielen bei den Topteams Europas (Tottenham, Manchester City, AC Mailand, Bayern München).

    Vielleicht sympthomatisch, dass der größte Lautsprecher von den Jungs am Ende am erfolgreichsten geworden ist. Untermalt meine Theorie, dass Spieler mit Charakter und eigenem Kopf weiter kommen.

  • User
  • 24.10.2011 23:28:52 Donaldo

    Egal wie: du kriegst die Asis aus Berlin...aber nicht Berlin aus den Asis...

  • User
  • 25.10.2011 10:05:05 Leo Hintermann

    Bleibt die Frage, welche disziplinarischen Gründe Hotte Hrubesch dazu bewogen haben, K.-P. nach Hause zu schicken. Das hat sich ja dann doch zu ner Angelegenheit von größerer Tragweite entwickelt. Weiß jemand mehr dazu?

  • User
  • 25.10.2011 11:35:03 Hoss

    Hmm, irgendwie war man in Berlin zur D. Hoeneß Ära mit psychologischen Problem überfordert, wenn man das hier so liest und die Geschichte um Deisler als er nach Berlin ging noch im Hinterkopf hat...

  • User
  • 25.10.2011 13:59:37 czechmate

    War es damals nicht so, dass Hrubesch K-P überhaupt erst wieder in die U21 zurückholte? Er wurde dann glaub ich wegen der pubertären Autospiegel-Aktion mit Kollege Ebert eine Zeit lang nicht nominiert, vor der EM aber wieder begnadigt. Im Kicker hab ich jedenfalls gefunden, dass er aus Verletzungsgründen beim Turnier nicht dabei war: Link
    Aber schon krass, was für Talente Hertha mehr oder weniger vergrault hat. Es gab ja auch noch Jungs wie Sejad Salihovic, Christopher Samba, Ibrahima Traoré, Tomasz Kuszczak oder Hakan Balta..

  • User
  • 25.10.2011 14:39:29 Bouba

    Berlin, die aufreizend geschminkte Hure, kann ein zerstörerisches Umfeld für die Entwicklung junger Spieler sein.

  • User
  • 25.10.2011 15:08:58 PittiTrueffelschwein

    Aber schon krass, was für Talente Hertha mehr oder weniger vergrault hat. Es gab ja auch noch Jungs wie Sejad Salihovic, Christopher Samba, Ibrahima Traoré, Tomasz Kuszczak oder Hakan Balta..

    Ich hab letztens für nen Kumpel der Herthafan ist mal ne vollständige Mannschaft von ehemaligen Herthajugendspielern erstellt. Neben den von dir genannten und denen, die schon im Artikel stehen, reiht sich ebenfalls nahtlos ein gewisser Ivica Olic ein.

  • User
  • 25.10.2011 16:56:41 Capocannoniere

    Untermalt meine Theorie, dass Spieler mit Charakter und eigenem Kopf weiter kommen.

    Daß ihnen "Charakter und eigener Kopf" attestiert wird, ist eine Konsequenz ihres Erfolgs: Bei Spielern, die infolge charakterlicher Defekte eine frühe Bauchlandung erleben, heißt es einfach: "Der hat den Ar**h offen". Woraus gefolgert werden kann, daß z.B. Balotelli ein Übertalent ist, wie es alle 30 Jahre mal vorkommt, denn sein quecksilbriges Naturell hat ihn zwar wieder und wieder in Schwierigkeiten gebracht, aber nicht hingereicht, seine Karriere zu entgleisen.

  • User
  • 25.10.2011 17:00:25 Capocannoniere

    Solange seine Dartpfeile in den Hintern statt ins Auge gehen, wird Balotelli eine Dauerpräsenz im europäischen Topfußball bleiben.

  • User
  • 25.10.2011 22:19:26 Donaldo

    Ja.
    Leider.

  • User
  • 25.10.2011 23:51:35 PittiTrueffelschwein

    Leider.

    Subjektiv. Für mich ist er ein großartiger Spieler, abseits des Mainstream von Ja-Sagern.

  • User
  • 26.10.2011 20:33:19 currygoi

    Subjektiv. Für mich ist er ein hirnamputierter Spieler, abseits des Mainstream von Normalos.

  • User
  • 26.10.2011 21:07:29 einrudithömmes

    War einer der besten Artikel im Sonderheft.

    Nä. Nich vor dem Hintergrund jedenfalls, dass das die Nuller Jahre waren. Sone Geschichten kannst du dutzendfach überall rauskramen. Edu und Yelen, nichts gewordene Jahrhundertalente? Da hat doch der Autor einen über die Phantasie getrunken. Die Hertha, die hätte sein können isses nich geworden wegen den 4-5 Jungs. Was bitte wird denn aus Sejad Salihovic, Christopher Samba, Ibrahima Traoré, Tomasz Kuszczak, Hakan Balta und Ivica Olic anderes als eine Bundeligamannschaft? Pah.

    Zu den Nuller Jahren fehlen ganz klar die geilen Spiele bei den Europa- und Weltmeisterschaften, die moderne Postmoderne sozusagen, die Klarstellung, dass nach 2002 gewonnen UND schön gespeilt wurde und und und.

  • User
  • 27.10.2011 06:47:02 El Buitre

    Du hast ziemlich recht. Der Text wollte zu Beginn auch ne andere Geschichte erzählen, als ihm dann klar wurde, dass dieser Kitsch vom Scheitern nicht funktioniert, kam er ins Schwingern.
    Herr Vogelsang, ich fand ihn nicht schlecht. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass da 2 Welten aufeinandertrafen. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Jungs mit den anderen, gestanden Profis ihre Probleme hatten und das Hertha ihre Probleme mit den Jungs fernab ihrer immer wieder durchgekauerten Routine (und Dieter war ja einer von den ganz flexiblen) bekam, aber warum belässt du es thematisch nich dabei? Was bringt die Nostalgie?
    Die Jungs warn nich reif für, Hertha nich einverstanden, dass für damals noch nich gute Profis einzugehen und durch.
    Schau dir mal nun den jungen Boateng an. Ein Muster-Profi. Was steckt da noch Wedding in ihm drin? Warum kommt bzw. will er nun so öffentlich wahrgenommen werden?
    Der Text is dennoch fein. Bis zu nem Punkt.

  • User
  • 27.10.2011 06:49:31 El Buitre

    "Zu den Nuller Jahren fehlen ganz klar die geilen Spiele bei den Europa- und Weltmeisterschaften, die moderne Postmoderne sozusagen, die Klarstellung, dass nach 2002 gewonnen UND schön gespeilt wurde und und und."

    Ich les da Deutschland raus. Und noch mehr die deutsche Nationalmannschaft. Das war hoffentlich noch nicht alles in den Nullern.

  • User
  • 27.10.2011 21:56:24 einrudithömmes

    Ich les da Deutschland raus.

    Falsch gelesen.

  • User
  • 28.10.2011 01:49:22 PittiTrueffelschwein

    Was sonst?
    Italien - Frankreich 06?
    Spanien - Holland 10?

  • User
  • 30.10.2011 06:52:56 El Buitre

    "Sone Geschichten kannst du dutzendfach überall rauskramen."
    Einschätzung und Willen, Pitti. Ich denk, ich hab da schon richtig rausgelesen. Was "geil" ist beschreibt ja jeder für sich selbst, nö?

  • User
  • 31.10.2011 11:00:18 einrudithömmes

    El meinte, Pitti, aber gesagt hast du's gar nicht, du Simbel.

    Herrschaftszeiten.

  • User
  • 31.10.2011 11:51:22 czechmate

    Schau dir mal nun den jungen Boateng an. Ein Muster-Profi. Was steckt da noch Wedding in ihm drin?

    Die Sache ist ja, dass Jerome gar nicht mit KP im Wedding aufgewachsen ist, sondern im bürgerlichen Charlottenburg.
    Hierzu gab's auch mal nen ganz interessanten Artikel in der Zeit: Link

  • User
  • 31.10.2011 14:12:48 saloth sar

    trottel, depp ...

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