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14.10.2011

Michael Schulz-»Dusau« über Bremen gegen den BVB

»Wir sind ja quasi Amok gelaufen...«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Wo Michael Schulz hintrat, da wuchs einst kein Gras mehr. Vor dem Spiel seiner Ex-Klubs aus Bremen und Dortmund erinnert sich der ehemalige Verteidiger an das Amok-Spiel von 1995, seine Ähnlichkeit zu Michael Ballack und einen besonderen Spitznamen.

Michael Schulz-»Dusau« über Bremen gegen den BVB - »Wir sind ja quasi Amok gelaufen...«


Michael Schulz, nach 133 Spielen für Borussia Dortmund und 59 Partien für Werder Bremen – welches Spiel Ihrer beiden Ex-Vereine ist Ihnen noch am lebhaftesten in Erinnerung?

Michael Schulz: Der 29. Spieltag in der Saison 1994/95. Wir gewannen mit 3:1. Da ging es ganz ordentlich zur Sache...

Jetzt untertreiben Sie aber. BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld japste nach dieser Begegnung den legendären Satz in die Kameras: »Die Bremer sind ja quasi Amok gelaufen!«

Michael Schulz: Wo Sie es sagen: Ja, das war eine ordentliche Treterei. (überlegt) Stimmt nicht, das war eine richtig üble Treterei. Wir sind wirklich Amok gelaufen. Jetzt fallen mir auch wieder ein paar Szenen ein... Mann, Mann, Mann...

>>> Haare, jede Menge Haare: Die Karriere von Michael Schulz



Sie sind ja ganz gerührt!

Michael Schulz: Das war ja auch ein ganz besonderes Spiel. Jedenfalls für einen wie mich, der die gepflegte Grätsche von hinten noch im Repertoire hatte beziehunsgweise haben durfte.

Auch Sie gehörten zu den »Amok-Läufern«. Schiedsrichter Markus Merk musste Ihnen nach einem Foul die gelbe Karte zeigen.

Michael Schulz: Und das war noch sehr sehr großzügig von ihm. Ich erinnere mich an die Grätsche, ein ziemlich böses Tackling. Leider fällt mir der Gegenspieler nicht mehr ein...

Ihr Partner in der Bremer Defensive hieß damals jedenfalls Uli Borowka.

Michael Schulz: Der ja nun auch kein Kind von Traurigkeit war. Im Ernst: In diesem Spiel wurde 90 Minuten lang auf beiden Seiten furchtbar zugetreten. So eine Partie wäre heute ja gar nicht mehr denkbar. Allein die Szenen, die sich vor den Standardsituationen abspielten: Da wurde getreten und überall hingekniffen. Und ich betone: Wirklich überall hingekniffen!

Wenn Sie und Borowka heute Abend mit auf dem Platz stehen würden, wie lange würde man Sie wohl spielen lassen?

Michael Schulz: Mit der Spielweise von 1995? Also, wenn wir es in den zweistelligen Minutenbereich schaffen würden, wäre das schon eine Riesenleistung (lacht).

Werder gewann damals zwar mit 3:1, aber am Ende hieß der Deutsche Meister Borussia Dortmund. Wie konnte das denn passieren?

Michael Schulz: Da fragen Sie mich was, ich weiß es doch auch nicht! Noch vor dem 33. Spieltag waren wir quasi schon Meister, dann verloren wir gegen Schalke und am letzten Spieltag auch noch gegen die Bayern. Was für eine Katastrophe! Und der Schulz hatte schon wieder keinen Titel geholt...

Wie meinen Sie das?

Michael Schulz: Ich verrate Ihnen mal was: Ich habe zwischen 1987 und 1997 für drei Mannschaften gespielt – den 1. FC Kaiserslautern (1987-89), Borussia Dortmund (1989-94) und Werder Bremen (1994-97). In diesen zehn Jahren sind diese Klubs zusammen viermal Deutscher Meister, fünfmal DFB-Pokalsieger, einmal Europapokal der Pokalsieger, einmal Champions-League-Sieger und einmal Weltpokalsieger geworden. Und nun raten Sie mal, wer diese Titel nie gewonnen hat?

Tatsache! Sie waren ja nie dabei!

Michael Schulz: Verrückt, oder? Der Schulz hat es wirklich immer geschafft, zum exakt falschen Zeitpunkt den Verein zu wechseln. Wenn man so will, bin ich der Michael Ballack meiner Generation. Zumindest, was die verpassten Titel anbelangt...

Haben Sie Ihre Klubs denn immer freiwillig verlassen?

Michael Schulz: Nicht ganz. Beim BVB bin ich quasi gegangen worden. Ich wäre gerne dort geblieben und bei den Fans war ich sicher auch nicht der unbeliebteste Spieler. Aber dann begann die Zeit, als der BVB plötzlich sehr viel Geld in die Hände nahm und all die Italien-Legionäre ins Westfalenstadion einkaufte. Da war dann plötzlich kein Platz mehr für mich, mit 32 Jahren war ich den Verantwortlichen wohl auch schon zu alt. Nur gut, dass es damals einen Spitzentrainer in der Bundesliga gab, der ein Herz für alte Männer hatte.

Otto Rehhagel.

Michael Schulz: Genau! Und in Bremen hatte ich eine überragende Zeit. Sie glauben gar nicht, wie lustig das teilweise beim Training und in der Kabine war. Kein Witz: Bei manchen Mannschaftsbesprechungen bin ich vor Lachen vom Stuhl gefallen! Ganz anders als in Dortmund: Wenn dort der General Ottmar Hitzfeld das Wort ergriff, war es mucksmäuschenstill.

Werder Bremen unter Otto Rehhagel – eine Partytruppe?

Michael Schulz: Vor und nach dem Spiel: Ja. Aber wenn wir den Rasen betraten, passierte etwas mit uns. Dann war der Spaß vorbei, dann ging es richtig zur Sache. Ich habe niemals eine Mannschaft erlebt, die so heiß war, wenn sie auf dem Platz stand. Und als wir dann auch noch so kurz vor Saisonende die Chance hatten, tatsächlich Deutscher Meister zu werden und wir dann auch noch gegen unseren größten Verfolger, den Verein, der mich nicht mehr haben wollte, antreten mussten – da hatte ich richtig Schaum vor dem Mund!

Herr Schulz, während Sie mir all diese schönen Geschichten erzählen, wäre ich fast auf den Trick meines Kollegen reingefallen. Der hat mir gerade einen Zettel auf den Tisch gelegt. Darauf steht: »Michael Schulz, der einzige Bundesliga-Spieler mit Doppelnamen: Michael Schulz-Dusau.«

Michael Schulz: (lacht) Ja, damit werde ich sogar heute noch begrüßt!

Wie bitte?

Michael Schulz: Das begann alles bei einem Spiel gegen den MSV Duisburg. Ich wurde gefoult, lag den Zuschauern wohl etwas zu lange auf dem Rasen und dann schallte es plötzlich durchs gesamte Stadion: »SCHULZ, DU SAU! SCHULZ, DU SAU!« Und damit hatte ich meinen »Spitznamen« weg. Egal, wo ich in den kommenden Jahren auch spielte, die Begrüßung war immer dieselbe. Später, in Bremen, habe ich mir sogar eine kleine rosafarbene Sau auf meine Autogrammkarten drucken lassen. Und wenn mich heute Leute wieder erkennen und rufen: »Ey, Schulz-Dusau«, dann freue ich mich!

Damit haben Sie den Lesern dieses Interviews einen Freifahrtschein verschafft, wenn ihnen danach sein sollte, einen verdienten Bundesliga-Profi mal anständig zu beleidigen.

Michael Schulz: Kein Problem, dafür stehe ich mit meinem Namen.

Michael Schulz-Dusau, heute Abend trifft Borussia Dortmund auf Werder Bremen. Gibt es aktuell einen Spieler in diesen Vereinen, der bei der Amok-Partie von 1995 auch so viel Spaß gehabt hätte wie Sie?

Michael Schulz: (traurig) Nein, ich wüsste jedenfalls keinen. Der Fußball von 2011 ist mit dem Fußball von 1995 überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Ich weiß nicht, ob das den Sport schöner und attraktiver macht – gesünder ist es auf jeden Fall!




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Willkommen in der Bundesliga: 1987 präsentiert der 1. FC Kaiserslautern stolz seine Neuzugänge. Rechts neben Michael Schulz (hinten in der Mitte): Mario Basler!


Fotostrecke

  • Willkommen in der Bundesliga: 1987 präsentiert der 1. FC Kaiserslautern stolz seine Neuzugänge. Rechts neben Michael Schulz (hinten in der Mitte): Mario Basler!
  • Drei Jahre Erfahrung hat der Defensivmann bereits beim VfB Oldenburg sammeln können, beim FCK reift Schulz schließlich...
  • ...zum Nationalspieler und Olympiateilnehmer. 1988 gewinnt er mit seiner Mannschaft (hier im Halbfinale gegen Brasilien)...
  • ...immerhin Bronze durch ein 3:0 gegen Italien. Olympiasieger wird die Sowjetunion durch ein 2:1 gegen Brasilien. Mit Schulz auf dem Foto: Frank Mill (mit Pokal) und Oliver Reck.
  • Hallo Wahnsinn: Beim FCK spielt Schulz auch mit Mittelfeldmann Wolfram Wuttke zusammen.
  • 1989 wechselt der 1,94 Meter-Mann zu Borussia Dortmund – unser Bild zeigt ihm im Duell mit Kölns Tony Baffoe.


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Kommentare

  • User
  • 14.10.2011 15:23:07 misterkite

    ein "erfrischendes" interview nennt man das wohl...erfrischend ehrlich, das ist ja nen duo, wie hiess es neulich bei borowka Mein Kontrahent war George Weah. Auf den habe ich eingetreten, bis mir die Stollen abgebrochen sind, und trotzdem hat er sich nicht ein einziges Mal beschwert.

    auf was man heute als fussballer alles stolz sein kann, aber es waren eben andere zeiten.

  • User
  • 14.10.2011 15:51:07 Yvy

    naja ich find jetzt nicht, daß es so gigantische Unterschiede sind. Aber ok es gibt nur noch Maik Franz (Gomez hat ihn mal passend eingeschätzt) von der Sorte

  • User
  • 14.10.2011 16:00:58 Hilli69

    1989 wechselt der 1,94 Meter-Mann zu Borussia Dortmund – unser Bild zeigt ihm im Duell mit Kölns Tony Baffoe.

    Falsche Fortuna!

  • User
  • 14.10.2011 18:20:32 MarkusC63

    Mein Gott, was habe ich den gehasst. Und wie hätten wir ihn vergöttert, wenn er bei uns gewesen wäre. ;-)

  • User
  • 14.10.2011 19:29:45 wawerka

    Das Interview ist in der Tat recht unterhaltsam....

    ..aber auf der anderen Seite kotzt mich die (nachträgliche) Glorifizierung von diesem Treterpack (Schulz, Borowka, Hollerbach et al.) mächtig an.

    Manchmal streift mich da der Gedanke, wie vielen weitaus talentierteren Spielern diese Klopper schon in den Jugendmannschaften den Spaß am Fußball dauerhaft versaut haben.

    Ich bin jedenfalls froh, dass die Fußballspieler heutzutage viel besser geschützt werden als zu der Zeit, als diese talentfreien Haudraufs noch ungestraft Rasen, Waden und Knochen malträtieren durften.

    Ich freue mich für Uli Borowka, dass er von der Flasche losgekommen ist, aber sein blödes Geschwafel darüber wie er auf den großartigen George Weah eingetreten hat, könntet ihr einem gerne ersparen, jedenfalls meinethalben.

    Schulz scheint ja wenigstens noch einen guten Humor zu haben, was die ganze Sache erträglicher macht...wenn auch nur ein bisschen.

  • User
  • 15.10.2011 08:15:06 currygoi

    Mein Eindruck: Schulz und Borowka waren ähnliche Typen als Spieler. Aber Schulz hat trotzdem bisschen Hirn im Schädel. Im Gegensatz Borowka: Luft im Schädel.

  • User
  • 15.10.2011 09:56:49 mehmetwirdankendir

    Ich bin kein Fan von beidem. Der Fußball ist schon sehr körperlos geworden mit der Zeit. Versteht mich nicht falsch, den Gegenspieler absichtlich ins Krankenhaus zu treten ist verächtlich. Aber ein paar mehr hart Tacklings dürften schon sein.

  • User
  • 20.10.2011 20:43:12 Kirk77

    @wawerka: Ich unterschreib jeden Satz deines Beitrags!

  • User
  • 20.10.2011 22:31:18 misterkite

    Manchmal streift mich da der Gedanke, wie vielen weitaus talentierteren Spielern diese Klopper schon in den Jugendmannschaften den Spaß am Fußball dauerhaft versaut haben. andersrum wird ein schuh draus: mit "wie wenig talent" fussballer bis in die nationalmannschaft kommen konnten.

  • User
  • 21.10.2011 10:08:52 Redondo7 1

    Schulz-Dusau hat immer Wodka-O in sich reingekippt. Sah dann so aus, als würde er nix trinken. Verlogen wie auf´m Platz.

  • User
  • 21.10.2011 10:20:46 qwertz3000

    Ich verrate Ihnen mal was: Ich habe zwischen 1987 und 1997 für drei Mannschaften gespielt – den 1. FC Kaiserslautern (1987-89), Borussia Dortmund (1989-94) und Werder Bremen (1994-97). In diesen zehn Jahren sind diese Klubs zusammen viermal Deutscher Meister, fünfmal DFB-Pokalsieger, einmal Europapokal der Pokalsieger, einmal Champions-League-Sieger und einmal Weltpokalsieger geworden. Und nun raten Sie mal, wer diese Titel nie gewonnen hat?

    Das ist wirklich der Knüller!

  • User
  • 07.03.2012 18:53:04 Flachschupfer

    Seh ich ja jetzt erst. Der Beitrag von wawerka grenzt an Blasphemie - Schulz und Borowka gehören mitnichten in die Hollerbach-Klasse - im Ggs. etwa zu einem M. Franz. Hinterfotzig und wahrheitsdehnend bis an die Grenze zur Verlogenheit. Unfassbare Ekeltypen. Schulz und Borowka habe ich als "ehrliche Arbeiter" in Erinnerung. Kohler ist ein anderer, der ebenfalls - auch fußballerisch - in diese Klasse gehört.

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