Stephane Chapuisat über die BVB-Krise
»Ich traue dem Team noch viel zu«
Interview: Gareth Joswig Bild: Imago
Borussia Dortmunds Stürmer treffen die Hütte nicht mehr: Erst neun Tore in sieben Spielen. Wir sprachen mit Stephane Chapuisat über die Kunst der Chancenverwertung, die Schmach von Marseille und Flemming Povlsen.
Stephane Chapuisat, neulich fragten wir Flemming Povlsen, warum die Dortmunder momentan das Tor nicht mehr treffen. Er zuckte mit den Schultern und sagte: »Ich habe doch selber zu viele Torchancen vergeben. Fragen Sie den Chappi.« Wir fragen Sie also: Wie schießt man Tore?
Stephane Chapuisat: (lacht) Ich habe sicher einige Tore gemacht, doch auch ich habe viele Chancen vergeben.
Momentan ist die Chancenverwertung dennoch gravierend. Dortmund erzielte erst neun Tore in dieser Saison, nur ein Tor mehr als der Tabellenletzte vom HSV.
Stephane Chapuisat: Dass man mal ein paar Spiele kein Tor macht, kennt jeder Stürmer. Besonders schwer ist es, wenn die Mannschaft dann auch nicht gewinnt.
Sie haben sich in 228 Bundesligaspielen mit 106 Toren in die Dortmunder Herzen geschossen. Wie konnten Sie so eiskalt vor dem Tor sein?
Stephane Chapuisat: Ich habe schon in der Jugend stets viele Tore geschossen – auch deswegen hatte ich später als Profi oft die nötige Ruhe vor dem Tor.
Kann man im Training einer Torflaute durch gezielte Einheiten entgegenwirken?
Stephane Chapuisat: Wenn man schlechte Phasen hat, ist es wichtig, dass man vor dem Tor arbeitet. Und dass man man nicht zu viel nachdenkt. Das wusste ja schon Gerd Müller.
Seit 2008 sind Sie als Stürmertrainer bei den Young Boys Bern tätig. Wie vermitteln Sie Ihren Stürmern, nicht nachzudenken? Kann man Kaltschnäuzigkeit trainieren?
Stephane Chapuisat: Stürmertraining beinhaltet nicht nur das Toreschießen, es ist natürlich auch wichtig, dass man überhaupt erst zu Chancen kommt: Laufwege sind da sehr wichtig und natürlich die Technik. Man muss die einfachen Dinge vor dem Tor immer wieder einstudieren. So muss man nicht mehr überlegen, was man macht, wenn der Ball im Spiel kommt. Wichtig ist, dass einfach eine gewisse Grundtechnik reinbekommt, sodass es zur Selbstverständlichkeit wird, die einfachen Bälle reinzumachen.
Sollte der Trainer auch den Torwart anhalten, ein paar Schüsse mehr ins Tor zu lassen?
Stephane Chapuisat: Nein, der Torwart muss richtig mitmachen. Im Spiel steht ja der Torwart auch noch da. Dennoch ist es auch eine Kopfsache. Wenn man die ganze Woche schöne Tore geschossen hat, ist das gut fürs Selbstvertrauen und hat man auch eher das Vertrauen der Kollegen.
Sie hatten in Dortmund Ihre erfolgreichste Zeit und waren dort Publikumsliebling. Schauen Sie heute noch die BVB-Spiele?
Stephane Chapuisat: Ich gucke immer, wie sie gespielt haben, und wenn ich Zeit habe, schaue ich mir die Spiele auch an.
Wie habe Sie die bittere Lehrstunde am Mittwoch gegen Olympique Marseille wahrgenommen?
Stephane Chapuisat: Eines von den Spielen, das man gewinnt, wenn man einen Lauf hat. Und wenn es mal nicht so läuft, dann verlierst du ein solches Spiel. Das ist Fußball.
Dortmund verließ diese Saison den Platz zumeist als das bessere Team und hinkt den Ansprüchen hinterher. Das liegt nicht an der Laufbereitschaft oder dem Zweikampfverhalten.
Stephane Chapuisat: Misserfolg und Erfolg trennt oft nur ein schmaler Grat. Nehmen wir Marseille: Geht die Chance zu Anfang rein, steht es 1:0 für Dortmund, geht die Chance nicht rein, fällt das Tor auf der anderen Seite. Es gab zwar noch Ausgleichschancen, aber auf einmal steht es 2:0 und dann verliert man das Spiel.
Borussia Dortmund war in der Sommerpause an Niklas Bendtner dran. Fehlt in der derzeitigen Situation ein Stürmer wie Bendtner?
Stephane Chapuisat: Ich denke nicht - vorne hat sich ja nichts verändert. Es ist natürlich Pech, dass Lucas Barrios verletzt ist und dass die Möglichkeiten nicht genutzt werden. Aber auch die Mittelfeldspieler müssen in diesem System Tore schießen. Im Moment klappt das zwar nicht optimal, aber das kann sich schnell ändern und dann wird Dormtund wieder kommen.
Das hören die Dortmunder Spieler sicher gerne aus Ihrem Mund, zumal Sie vielen aus ihrer Jugend als Tormaschine in Erinnerung geblieben sind. Ivan Perisic zum Beispiel sagt, Sie seien sein Vorbild.
Stephane Chapuisat: Ich hoffe auch für die Dortmunder Spieler, dass sich die Lage wieder bessern wird. Nach einer guten Saison ist es immer schwierig, denn man muss seine Leistung gegen andere gute Mannschaften der Bundesliga bestätigen. Es ist nicht immer einfach, auf einmal der Gejagte zu sein.
Sie haben mit Dortmund die Champions League und den Weltcup gewonnen, Sie waren zweimal Deutscher Meister. Sehen Sie in der derzeitigen Dortmunder Mannschaft ein Potenzial für solch große Erfolge?
Stephane Chapuisat: Letztes Jahr hat sie ja mit der Deutschen Meisterschaft gezeigt, über welches Potenzial sie verfügt. Vermutlich ist das gerade eine Kopfsache. Wenn der Druck zu hoch ist, kann es eben passieren, dass man es zu gut machen will. Aber die Qualität ist vorhanden. Wir hatten in unseren erfolgreichen Zeiten beim BVB auch mal einen schwächeren Monat, das ist vollkommen normal. Ich traue der Mannschaft noch viel zu.
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