Die Geschichte der Fußballfans

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Die Geschichte der Fußballfans

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
25.09.2011

Depressionen und »Burnout«-Syndrom

Verletzt an der Seele

Text: Michael Rosentritt  Bild: Imago

Der Fußball kann verwunden – das zeigen spätestens die Fälle Deisler, Enke und Rangnick. Und wieder heißt es schnell: Im Spitzensport herrscht spezieller Druck. Doch Depressionen können wirklich jeden treffen.

Depressionen und »Burnout«-Syndrom - Verletzt an der Seele


Vielleicht hat Ralf Rangnick sich gestern das Fußballspiel seiner Mannschaft von Schalke 04 im Fernsehen angesehen. Vielleicht auch nicht, was spielt das noch für eine Rolle? Ralf Rangnick, 53 Jahre alt, einer der führenden Trainer des deutschen Profifußballs, leidet an einem Erschöpfungssyndrom. Diese Diagnose überbrachte der Schalker Vereinsarzt Torsten Rarreck der Öffentlichkeit; mit dem Einverständnis des Patienten. »Der Körper ist ausgelaugt, körperlich ist er am Ende. Die Speicher sind einfach leer«, sagte der Mediziner diese Woche.



Seitdem sind in den Zeitungen viele Seiten gefüllt und im Fernsehen viele Sendeminuten ausgestrahlt worden. Darin war viel von Betroffenheit die Rede, von Hochachtung für den Mut des öffentlichen Umgangs und natürlich von der Hoffnung auf rasche Genesung und eine Rückkehr Rangnicks auf die Bühne Profifußball. Dieser Fall hat erneut berührt und nachdenklich gemacht. Und er hinterlässt Fragen.

Kann das auch mir passieren?

Kann mir das auch passieren? Fühle ich mich nicht auch oft ausgebrannt und leer? Ab wann sprechen wir von einer Depression? Und würde ich mir das eingestehen? Was dann? Depression ist eine Volkskrankheit. Jeder zehnte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens unter einer psychischen Krankheit. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation wird die Depression im Jahr 2020 die zweithäufigste Erkrankung weltweit sein, übertroffen nur von Herz-Kreislauf-Störungen. Warum macht diese tückische Krankheit eine solche Karriere? Warum werden immer mehr Menschen depressiv? Und wie gehen wir damit um?

»Depression ist ein hässliches Wort. Ich möchte die Krankheit aber nicht mehr verbergen.« Mit diesen Sätzen war Sebastian Deisler im Herbst 2003 an die Öffentlichkeit gegangen. Er war der bis dato prominenteste Fall im deutschen Fußball. 2007 beendete der damals 27 Jahre alte Bayern- und Nationalspieler seine Karriere, die von Beginn an unter Genieverdacht stand. Zwei Jahre später nahm sich der Torwart Robert Enke das Leben. Enke hatte seine Erkrankung über Jahre hinweg verschwiegen. Mit der Selbsttötung wurde sein Fall zwar öffentlich, er aber brauchte damit nicht mehr zu leben. Das ist tragisch. Sein Tod erschütterte die Nation gewaltig.

»Fußball ist nicht alles«, sagte Theo Zwanziger auf der Trauerfeier im vollen Fußballstadion von Hannover und Millionen Fernsehzuschauern. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes hatte zu mehr Menschlichkeit miteinander aufgerufen. Trauer und Einkehr hielten ein paar Tage, vielleicht Wochen an. Dann drehte sich der Fußball wie eh und je.

Macht das Fußballgeschäft krank?


Man darf die Fälle Deisler, Enke und Rangnick nicht vermengen, dafür ist jeder Fall zu individuell. Eine Depression hat viele Gesichter. Und doch nimmt die Zahl derer zu, die sich dazu bekennen. Die Bezeichnung Erschöpfung oder Burnout hilft vielen Betroffenen, auch dazu zu stehen. Wie öffentlich auch immer. Depression kommt noch immer einer Stigmatisierung gleich, es steht zu allererst für Schwäche. Das Wort Burnout ist längst nicht so negativ belegt. Steht es doch dafür, dass hier einer etwas geleistet hat, dass einer über alle Maßen geschuftet hat, ohne Rücksicht auf die Grenzen des körperlich und seelisch Zulässigen. Das hat was Trophäenhaftes. Das macht es insbesondere egomanen Personen leichter, allen voran Männern. Bekanntlich gelten leistungsbereite Menschen, die zum Perfektionismus neigen, als besonders gefährdet für psychische Krankheiten. Zudem wird das Thema Burnout im Gegensatz zum Tabuthema Depression auch gern von den Medien ausgegriffen. Burnout bietet eine Art schnelle wie auch halbwegs akzeptierte Erklärung für das Scheitern, »etwas, mit dem man eigene Fehlleistungen durch Umstände erklären kann, die man selbst nicht beeinflussen kann – und das wird von den Menschen gerne aufgenommen«, sagte unlängst der Medienwissenschaftler Wolfgang Donsbach.

So hat sich beispielsweise der »Spiegel« in diesem Jahr schon zwei Mal umfassend mit dem Thema Burnout beschäftigt: »Ausgebrannt - Das überforderte Ich« und »Neustart - Wege aus der Burnout-Falle«. Die Konkurrenz vom »Focus« titelte mit: »Generation Burnout - Warum die Psychokrise jeden treffen kann«. Das Thema verkauft sich gut. Auch weil es immer mehr Menschen betrifft, direkt oder als Lebenspartner eines Betroffenen. Nun ist ein Outing nicht in jedem Fall ratsam. Nicht jeder Angestellte ist gut beraten, sich im Kollegenkreis zu dieser Krankheit zu bekennen, weil es immer noch an Verständnis und Akzeptanz für seelisches Leiden mangelt. Wichtiger ist hier, sich selbst eine Erkrankung einzugestehen und sein privates Umfeld einzuweihen, um die Unterstützung für die Behandlung zu erhalten. Bei einer solchen sind die Genesungschancen gar nicht mal schlecht.

Tagesspiegel@11Freunde


weiterlesen [1] [2]



---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Schalke 04






Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 25.09.2011 17:12:42 rumpler

    Die Presse und der Druck

    Alles in einen Eimer schmeißen und durchquirlen zur "Verwundung durch den Fußball".
    Nebenbei nicht vergessen, davor zu warnen, alles in einen Eimer zu schmeißen und durchzuquirlen.
    Denn Depression ist nicht Burnout ist nicht Erschöpfung!

    Aaaaaaber: Es kann jeden treffen, überall, jederzeit

  • User
  • 25.09.2011 17:25:30 Conde de Cordoba

    Dann bist Du wahrscheinlich der Nächste.

  • User
  • 25.09.2011 19:40:58 gabagabahey

    Medizinisch/psychiatrisch/psychotherapeutisch gesehen ist nach dem aktuellen Diagnosesystem nur die Depression relevant. Burn Out Syndrom und Erschöpfungssyndrom sind ihrem Namen nach Syndrome und keine Störungen. Wenn die Kriterien für eine (leichte, mittelgradige oder schwere) Depression erfüllt sind, wird genau diese Diagnose gestellt, sei es eine erstmalig aufgetretene Störung oder eine wiederholt aufgetretene (rezidivierende) Episode. Burn Out klingt netter und ist weniger negativ besetzt, ebenso das Erschöpfungssyndrom. Kein Wunder, wenn in der Öffentlichkeit liebder diese Ausdrücke genannt werden. Dieser Aussage des Artikels stimme ich gerne zu.

  • User
  • 26.09.2011 02:20:00 Man the Van

    Ja klar, das aktuelle Diagnosesystem ist natürlich auch unantastbar, und alle halten sich daran! Ich habe letzte Woche noch in einer Gerichtsverhandlung gesessen, in der der psychiatrische Gutachter bei dem Angeklagten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hat. Blöd nur, dass es die laut aktuellem Diagnosesystem überhaupt nicht mehr gibt! Noch blöder, dass zahlreiche Gutachter und vor allem Psychoanalytiker die narzisstische Persönlichkeitsstörung auch dann noch diagnostizieren werden, wenn es sie schon 20 Jahre nicht mehr gibt! Bis 1973 galt ja in diesem Diagnosesystem Homosexualität noch als psychische Störung. Und ja, es gibt nicht wenige Psychoanalytiker, die das noch heute für richtig halten. Psychoanalyse wird übrigens von der Krankenkasse bezahlt. ADS übrigens steht für "Aufmerksamkeitsdefizit-Störung" - ist aber unbestritten auch ein Syndrom. Und nur Psychoanalytiker und Eckdatenpisser wie gabagabatralala halten ADS für eine nicht überwundene anale Phase beziehungsweise für eine Erfindung der Pharmaindustrie / Ausrede für inkonsequente Eltern / Folge ungezügelten Medienkonsums...
    "Depression ist nicht Burnout ist nicht Erschöpfung" - völlig richtig.
    Eine Depression zum Beispiel kann (nicht: muss) man aus heiterem Himmel bekommen, ein Burnout ist immer das Ende einer langen Entwicklung.
    Burnout und Depression stellen sich außerdem im Stoffwechsel anders dar: Der Burnout-Kranke hat in aller Regel eine völlig erschöpfte Nebenniere und dementsprechend einen sehr niedrigen Cortisolspiegel, während der typische Depressive im Gegenteil einen viel zu hohen Cortisolspiegel hat. In zehn Jahren sind diese Erkenntnisse auch im Max-und-Moritz-Institut angekommen, in 20 vielleicht bei gabagabatralala.
    Bis dahin... - ach so, nicht einfach wilde Thesen behaupten und dann keine Quellen angeben:
    Link

  • User
  • 26.09.2011 19:25:07 Ganna

    „Die gesellschaftliche Akzeptanz muss erhöht werden“

    Was soll das denn bedeuten?
    Wie stellt der Mann sich das vor?
    Hat irgendjemand den Rücktritt von Ralf Rangnick nicht akzeptiert?
    Es wäre wohl eher angesagt, sich dazu zu äußern, welche Mittel und Methoden es geben könnte oder sollte, um psychischen Erschöpfungszuständen vorzubeugen.
    Da sind wir wahrscheinlich sehr schnell beim Psychologen – vielleicht ist das auch gar nicht so verkehrt?
    Allerdings weiß auch jeder Sportler, dass man nach einer Trainingsbelastung die Erholung braucht. Sonst erhöht man nicht seine Leistungsfähigkeit sondern bestenfalls seine Leidensfähigkeit.
    Ein guter Trainer plant entsprechend auch Erholungsphasen ein. Wer plant diese aber für den Trainer ein?

    So gesehen könnte man ketzerisch behaupten, dass Horst Heldt, als Vorgesetzter von Ralf Rangnick, versagt hat. Aber das haben sie ja alle (inklusive Arzt) unisono prophylaktisch dementiert: „War nicht vorherzusehen“.
    Und was werdet ihr dafür unternehmen, dass es den nächsten Trainer nicht auch erwischt?

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Thema: Fußballfans. Eure Wunschgäste für Maischberger, Lanz, Plasberg und Co.?

Werner Schulze-Erdel
Charly Steeb
Alf
Bono
Frank Zander
Zini
Max Power
Johannes B. Kerner
Günter Wallraf
Campino
Andreas Elsholz
Alfred Biolek
Vera Int-Veen
Marius Müller-Westernhagen
Ich




Hertha-Idol Erich »Ete« Beer wird 65


Rekordtorschützen in der U21

  • Pierre Littbarski (21 Spiele, 18 Tore)
  • Heiko Herrlich (20 / 17)
  • Benjamin Auer (23 / 15)
  • Mike Hanke (26 / 14)

Das Tagesticker-Archiv

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER