Zu Besuch im Gladbacher Jugendinternat
An die Wand genagelt
Text: Karol Herrmann Bild: Karol Herrmann / Imago
Selten gab es im deutschen Fußball eine solche Fülle von hoch veranlagten Talenten. Die Ernte der jahrelangen Arbeit in den Jugendinternaten wird gerade eingefahren. Zu den besten Standorten zählt Borussia Mönchengladbach. Ein Blick hinter die Kulissen.
Wenn Mario Hesse sich im Kabinentrakt des Mönchengladbacher Borussia-Park die Stiefel schnürt und sich durch die Katakomben in Richtung Trainingsplatz begibt, kommt er an einer Reihe von eingerahmten Trikots vorbei. Es sind jene Trikots, die Spieler wie Marcell Jansen, Marko Marin oder Eugen Polanski bei ihrem ersten Bundesliga-Einsatz getragen haben. Sie alle haben den Sprung aus der Gladbacher Jugend ins Profigeschäft geschafft. Die Jugendspieler sollen daran erinnert werden, dass es hier, am Niederrhein, möglich ist, den ganz großen Traum zu schaffen, dass man hier auf den eigenen Nachwuchs baut. Zuletzt wurde das Leibchen von Torwart Marc-André ter Stegen hinzugefügt. Eine weitere Erfolgsgeschichte.
Mario Hesse stürmt für Gladbachs U 19 und wohnt seit über zwei Jahren im Jugendinternat der Borussia. Zehn Spieler der A- und B-Jugend sind dort aktuell untergebracht, die restlichen Mannschaftskollegen stammen aus der Region und wohnen noch bei ihren Eltern. Hesse kommt aus Helbra in Sachsen-Anhalt, verließ sein Elternhaus aber bereits im Alter von zwöf Jahren, um in ein Sportinternat nach Halle zu gehen. Mit 16 wurden bei einem Jugendturnier in Duisburg dann diverse Scouts auf ihn aufmerksam: »Ich hatte direkt eine Reihe von Angeboten. Auch Wolfsburg und Hoffenheim waren in der engeren Auswahl, aber in Gladbach waren das Umfeld und die Perspektiven einfach am besten« berichtet der 18-Jährige.
Schnell wird klar, was Hesse mit diesem Umfeld meint. Die zweistöckige Internatswohnung befindet sich direkt im Stadion. Jeden Tag laufen die Profis an seiner Haustür vorbei, das Trainingsgelände liegt nur wenige Meter entfernt und wenn Hesse die Wohnung verlässt und über die Treppe einen Stock nach oben geht, steht er direkt im Oberrang des Borussia-Park und blickt auf das saftige Grün. In diesem kleinen Kosmos kann sich das junge Talent voll auf den Fußball konzentrieren, fernab von jeglichen Reizen, die beispielsweise eine Großstadt mit sich bringt. »Der Typ für Partys und Diskotheken bin ich aber sowieso nicht«, stellt er klar.
Marko Marin kommt gerne auf ein Plausch vorbei
Wenn er was unternehmen will, muss er das mit dem Ehepaar Lintjens absprechen, eine Art Ersatzfamilie für die Jungs im Internat. Die Lintjens bewohnen selbst eine Wohnung im Stadion, bereiten Frühstück und Abendessen zu und kümmern sich um die kleinen und großen Probleme. Sie sorgen für den Wohlfühlfaktor, der fernab des Elternhauses nicht immer zwangsläufig gegeben ist. Wenn Werder Bremen zu Gast ist, kommt Marko Marin regelmäßig bei den Lintjens auf einen kleinen Plausch vorbei. Eine Bestätigung dafür, dass er hier einst eine gute Zeit hatte.
Zeit hat Mario Hesse gerade genug. Es sind Sommerferien. Was also tun, den lieben langen Tag auf dem Stadion-Gelände? Das tägliche Training findet schließlich erst um 18 Uhr statt. »Man kann in die Stadt fahren und Freunde besuchen, aber meistens spielen wir einfach Fußball«, sagt er auf einem Sofa im Aufenthaltsraum des Internats. Vor ihm steht ein Flachbild-Fernseher mit Sky-Receiver, man schaut sich die Fußballspiele im Kollektiv an. Sein Zimmer ist tapeziert mit Postern von Idolen wie Didier Drogba oder Fernando Torres, die Bettwäsche selbstverständlich im Gladbach-Design überzogen. Auffällig ist ein Ballack-Trikot an der Wand. »Er hat es mir persönlich gegeben, wir haben den gleichen Spielerberater«, klärt Hesse auf. Dr. Michael Becker, schon bei so jungen Spielern? »Nicht persönlich, aber seine Mitarbeiter. Sie haben mir damals die Angebote der Bundesligisten vorgelegt und wir haben über meine Optionen diskutiert.«
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Mario Hesse auf seinem Zimmer im Gladbacher Jugendinternat. Auch wenn er in Sachsen Anhalt aufgewachsen ist, hat die Borussia bereits sein Herz erobert.






