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31.08.2011

11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingsspieler (7)

Hart wie Marmon

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Als Dirk Gieselmann jung war, war Maradona gut. Doch als Dirk Gieselmann jung war, war er selbst nicht gut, sondern schlecht. Also war nicht Maradona sein Lieblingsspieler, sondern Neale Marmon. Neale WER? Marmon! WER Marmon? Ach. Lesen Sie selbst.

11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingsspieler (7) - Hart wie Marmon


Vorab eines: Ich möchte mich entschuldigen. Bei meinen Eltern, die Hunderte von Samstagnachmittagen auf Auswärtsfahrt in Asendorf, Bruchhausen-Vilsen und Schwarmstedt verbracht haben, in der immer brüchiger werdenden Hoffnung, aus mir könnte doch noch mehr werden als der, der ich war. Bei meinem Trainer Uli Antrecht, der mir so viel beigebracht hat – allein, ich habe nichts verstanden. Und bei meinen Mitspielern, weil ich, der schweinsbeinige Vorstopper, bei allen Angriffen mit nach vorne eilte, mit gellendem »Hier! Hier! Hier!« den Ball einforderte, ihn aus Mitleid sogar manchmal bekam und dann doch nur kilometerweit neben das Tor in die Ligusterhecke setzte.

Ja, ich möchte mich bei Euch allen entschuldigen. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß – »ich hätte mit 17 meine Schuhe verbrannt« (Klaus Toppmöller).



Doch immerhin: In einem war ich realistisch – in der Wahl meines Lieblingsspielers. Ich eiferte nicht, wie es in den Achtzigern Mode war, dem Genie Diego Maradona nach, auch nicht Careca, Platini, Rossi oder Litti. Nicht einmal den Nationalzerstörern Förster, Borowka oder Augenthaler. Nein. Ich war Fan von Neale Marmon, dem destruktiven Glatzenmann vom VfL Osnabrück.

169 Spiele hat Neale Marmon für den VfL bestritten – ich aber sah keines davon. Damals existierten weder DSF noch »die beste 2. Liga aller Zeiten«, und mein Vater fuhr immer nur in die andere Richtung, ins Weserstadion zum SV Werder. Und doch wurde Neale Marmon mein Idol. Warum? Ich weiß es selbst nicht mehr, man müsste es erforschen.

Marmon mähte den Rasen und trug danach die schlafenden Fans ins Bett

Vielleicht war es das fehlende Haar, das mich so begeisterte. Auf jedem Mannschaftsbild des VfL im »Kicker-Sonderheft« entdeckte ich Marmon sofort, sein Schädel glänzte zwischen Ulf Metschies, Dietmar Grabotin und dem frühen Ansgar Brinkmann in der Sonne der anbrechenden Saison. Er war einfach immer da mit seiner Glatze. Das hatte etwas Verlässliches, beinah Väterliches – zumal er auch noch meinem Papa ähnlich sah, der ebenfalls nichts mehr zu kämmen hatte. Neale Marmon, da war ich mir sicher, mähte den Rasen an der Bremer Brücke noch eigenhändig und trug danach die schlafenden Fans ins Bett.

Vielleicht war es aber auch dieser seltsame Vorname. Dass er Engländer war, der Sohn eines in Deutschland stationierten Offiziers, wusste ich damals nicht, weil ich nicht wusste, dass es England überhaupt gab. Ich sagte nicht »Niel«, sondern »Ne-Ale«, in den seltenen Unterhaltungen, die sich über diesen nahezu unbekannten Spieler ergaben. Dazu der Nachname: Marmon. So hätten in meinen Kinderbüchern Phantasiewesen geheißen, die aus Marmor bestehen. Ich ahnte: Ne-Ale Marmon musste verdammt hart sein.

Kick ohne Rush, das war Marmons Konzept

Und das war er wohl auch. Ein kompromissloser Abwehrchef, der – wie ich! – den Ball wegdrosch, wenn es sein musste. Und sein musste es eigentlich immer, damals in »Osna«. Kick ohne Rush, das war Marmons Konzept. Hätte es bewegte Bilder von seiner Arbeit als Ausputzer gegeben und hätte ich überdies gewusst, dass er nebenbei erfolgreicher Basketballer und niedersächsischer Meister im Lagenschwimmen war, meine Bewunderung für ihn wäre ins Unermessliche gewachsen. Ich aber wusste so gut wie nichts über ihn. Umso erstaunlicher, dass ich ihn überhaupt bewunderte.

Auch bei seinem größtem Erfolg, einem 4:2 im Pokal mit dem FC Homburg gegen den FC Bayern, war ich leider nicht zugegen. Danach verlor ich ihn gänzlich aus den Augen, seine leuchtende Glatze fehlte ab 1992 in allen Sonderheften. Heute trainiert Neale Marmon, mittlerweile 50 Jahre alt, den SG Schwemlingen/Tünsdorf/Ballern, einen Minderligisten aus dem Saarland.

Sollte er dies lesen: Ich möchte mich auch bei ihm entschuldigen. Selbst er, der halbvergessene Glatzenmann mit dem seltsamen Namen, hätte bessere Bewunderer verdient als mich.




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Kommentare

  • User
  • 31.08.2011 14:13:36 PittiTrueffelschwein

    Er war einfach immer da mit seiner Glatze. Das hatte etwas Verlässliches, beinah Väterliches – zumal er auch noch meinem Papa ähnlich sah, der ebenfalls nichts mehr zu kämmen hatte.

    Gieselmann illustriert seine daddy issues! ;)
    Aber interessant, mal nen anderen als die üblichen Verdächtigen zu hören.

  • User
  • 31.08.2011 16:45:42 Yvy

    Olaidotter !

  • User
  • 31.08.2011 22:27:54 jawazi

    Die Engländer damals in der 1./2. Liga waren alle cool - alles Kämpfer : Neale Marmon, Dean und Wayne Thomas und Peter Hobday.

  • User
  • 01.09.2011 21:43:30 Jonathan Niva

    Das Gelaber von Dirk Gieselmann ist mir ja schon seit Ewigkeiten ein Grauen. Hier aber hat er aber eine echte Perle ausgepackt. Wer Neale Marmon live gesehen hat, weiss dies zu bestätigen. Der war ein echter 80erJahre-Haudrauf. Einfach klasse. Klasse auch der Vermerk von YvY: Detlef Olaidotter: Cooler Name und noch coolere Frisur. Dem bin ich mal nach einem Spiel auf dem Aachener Tivoli begegnet. Entweder hat der nicht geduscht oder die Frisur stand trotz Wasser wie eine Eins.
    Und jawazi: Dean und Wayne Thomas waren und sind für mich heute noch echte Alemannia-Helden. Nicht solche Weichspüler wie die heutige Generation von Alemannia-Kickern ( ausser Stehle und Auer )

  • User
  • 01.09.2011 21:55:49 Jim Panse

    Und Willi Landgraf natürlich. Unvergessen dass der OFC ihm das Jubiläum versaut hat, hehe.

  • User
  • 01.09.2011 22:17:45 jawazi

    Jonathan Niva: Hier ist beides zu sehen: Die coole Fri zum coolen Namen http://www.kickersarchiv.de/index.php/Main/Olaidot terDetlef

  • User
  • 03.09.2011 23:34:01 nemo2011

    Aber um seine zwei Kinder hat er sich nie gekümmert!

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