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21.08.2011

Osteopath Thorsten Taenzer über unnötige Verletzungen

»50 Prozent lassen sich verhindern«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Der Sportosteopath, das unbekannte Wesen. Was in den USA längst zum guten Ton in der Sportmedizin gehört, ist in Deutschland noch weitestgehend verpönt. Dabei sind 50 Prozent aller Verletzungen im Fußball vermeidbar. Sagt Thorsten Taenzer. Wir sprachen mit ihm.

Osteopath Thorsten Taenzer über unnötige Verletzungen - »50 Prozent lassen sich verhindern«


Thorsten Taenzer, Sie sind Sportosteopath und behaupten: Die meisten Verletzungen in der Bundesliga sind unnötig, weil vermeidbar. Das müssen Sie uns erklären.

Thorsten Taenzer: Ich arbeite seit Jahren mit Leistungssportlern zusammen, darunter sind auch Fußballer u.a. vom 1. FC Köln, dem Karlsruher SC oder der TSG Hoffenheim. Sehr häufig muss ich feststellen, dass die Spieler von Ihrer medizinischen Abteilung nach Verletzungen nicht vollständig untersucht wurden. Und die meisten Verletzungen in der Bundesliga resultieren nun einmal aus Folge-Verletzungen.



Ehrlich gesagt: Das verstehe ich nicht.

Thorsten Taenzer: Ein Beispiel: Wenn sich Spieler X bei einem Spiel den rechten äußeren Knöchel verstaucht und anschließend nicht korrekt behandelt wird, kann das Folgeverletzungen auslösen. Ich hatte einen Spieler aus Hoffenheim in Behandlung, der bekam wenige Monate nach der auskurierten Verstauchung Probleme an der linken Unterschenkelseite, noch später verletzte er sich an den Adduktoren. Sie sehen, die Verletzung kann quasi durch den Körper wandern.

Und warum wird das von den Vereinsärzten nicht erkannt? Schließlich stellt jeder Klub heutzutage doch ein ganzes Heer an Medizinern, um die Spieler rundum zu versorgen.

Thorsten Taenzer: Sportosteopathen werden von Schulmedizinern in der Regel noch immer als eine Fremdkörper empfunden. Als Mediziner für einen Profi-Fußballklub zu arbeiten, kann ein sehr lukratives Geschäft sein. Der Physiotherapeut, den der neue Sportchef vom HSV, Frank Arnesen, mit nach Hamburg bringen wollte, verlangte mehr als 400.000 Euro Jahresgehalt. In einer solchen Position lässt man sich nur ungern in der eigenen Arbeit verbessern oder belehren. Als ich vor einiger Zeit in der Presse von der Adduktorenverletzung eines Bundesliga-Spielers erfuhr, bot ich dem Klub mein Wissen an. Das wurde ziemlich deutlich abgelehnt.

Wie sieht Ihre Behandlung aus?

Thorsten Taenzer: Zunächst behandele ich natürlich die eigentliche Verletzung des Fußballers. Wenn sich sein Gesundheitsszustand verbessert hat, nehme ich mir den Rest seines Körpers vor. Um einen bildlichen Vergleich zu liefern: Wenn sie ein Haus bauen, aber das Fundament schief ist, wird auch der Rest des Hauses niemals gerade sein. Und irgendwann haben sie dann vielleicht einen Riss in der Fassade. So ähnlich ist das beim menschlichen Körper: Verletzungen hinterlassen nahezu unsichtbare Folgeschäden, die irgendwann sichtbar werden, wenn man sie nicht behandelt. Oft ist es nur ein schiefer Lendenwirbel, der eine spätere Verletzung auslösen kann.

Das klingt zwar spannend, aber hat es denn auch Erfolg?

Thorsten Taenzer: In der Saison 2010/11 hat ein deutscher Drittligist meine Hilfe in Anspruch genommen. Der Klub hatte in der Vorsaison insgesamt mehr als zehn Spieler, die durch Muskelfaserrisse fehlten. In der Saison 2010/11 war es nur noch ein Spieler mit Muskelfaserriss.

Wie viele Verletzungen ließen sich in der Bundesliga vermeiden?

Thorsten Taenzer: 20 bis 25 aller Knieverletzungen im deutschen Profifußball sind vermeidbar. Bei den Muskelfaserrissen sogar bis zu 50 Prozent. Mit meinem Denkmodell lassen sich Verletzungen quasi voraussagen.

Wenn das so ist: Warum orientieren sich die Mediziner der Bundesligisten dann nicht einfach neu und versuchen sich in den neuen Behandlungsmethoden?

Thorsten Taenzer: In den USA ist das bereits gang und gäbe. Hierzulande scheint man noch nicht reif dafür zu sein. Um es provokant zu sagen: Die deutsche Sportmedizin befindet sich auf dem Gebiet der Sportosteopathie noch im Steinzeitalter.






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Kommentare

  • User
  • 21.08.2011 10:55:09 misterkite

    ich kann nicht verstehen, wie diese millionen euro schweren "unternehmen" in sportmedizinischer hinsicht so bescheuert sein können. es muss ja einen grund haben, weshalb spieler aller clubs zum dr. mull rennen. osteopathie ist KEINE "wunder medizin" oder irgendeine abgedrehte "pendelwissenschaft" ... osteopathen sind absolute spezialisten, deren ausbildung sehr langwierig ist. selbst wenn eine behandlung dort ggf. etwas esoterisch wirkt, ich kenne niemanden in meinem umfeld, dem eine ostheopathische behandlung nicht umgehend und langfristig linderung (rückenschmerzen!) gebracht hätte. wenn man bedenkt, wie negativ sich verletzungen von stammspielern und leistunsgträgern wegen vermeintlicher "wehwechen" (zerrungen,etc) auswirken und wie "einfach" man so was zumindets "auskurieren" kann, dann bin ich echt erschüttert, wie unprofessionell im medizinischen bereich da teilweise gearbeitet wird.

  • User
  • 21.08.2011 13:23:26 Man the Van

    Volle Zustimmung. Die Arbeit von Ärzten wir ja allenfalls dann hinterfragt, wenn plötzlich eine neue Niere hermuss.
    Bis dahin darf der Doktor tun und lassen, was er will, "der hat das doch studiert."
    Und was wäre das für eine Welt, in der man sich nicht einfach in die Hand eines Arztes fallen lassen kann, sondern selbst ein wenig mitdenken muss?

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