Der Turnvater und die Zensur
System Hopp
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Wer auch immer den BVB-Fans in Hoffenheim mit einer Alarmsirene das Singen vermiesen wollte: Er diente nicht einem Verein, sondern einer Art politischem System. An dessen Spitze steht Dietmar Hopp, der dauerbeleidigte Turnvater.
Stellen wir uns nur mal vor, es sei wirklich ein Einzeltäter gewesen. Dieser Mann, angeblich ein Hausmeister, der ein anderthalb Meter großes Wägelchen mit einem 60 Meter langen Kabel an vier Bundesligaspieltagen hintereinander vor den Gästeblock gerollt und per Laptop eine Alarmsirene ausgelöst hat, wann immer die gegnerischen Fans sich anschickten, seinen Chef zu beleidigen.
Stellen wir uns also vor, diese Aktion könnte jemand in einem Stadion, in das man nicht einmal eine Filzlaus unbemerkt hineinschmuggeln kann, wirklich ganz allein durchziehen, ohne Wissen, geschweige denn Unterstützung des Hausherren. Es wäre wohl nicht vermessen, diesen Mann einen Eiferer zu nennen. Jemanden, der für eine Sache kämpft.
Worin aber besteht diese Sache? Welcher Kult ist in Hoffenheim entstanden, seit Dietmar Hopp 2006 beschlossen hat, den Weltfußball aufs Dorf zu holen?
Es ist kein guter. Und auch wenn Hopp die umstrittene Kontra-Beschallung nicht selbst veranlasst haben will: Er trägt dafür die Verantwortung.
Als Boss des Softwareriesen SAP war er es nicht gewohnt, seine Entscheidungen in der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Er lenkte im Stillen. So gedachte er es offenbar auch in der Bundesliga zu tun. Und wenn er überhaupt ein Image haben wollte, dann das des buddhistisch lächelnden Turnvaters im Halbschatten der Ehrentribüne.
Auch Konzernlenker können naiv sein
Erstaunlich, dass er nicht mit der Emotionalität der Bundesliga gerechnet hat. Die klinischen, geradezu aseptischen Bedingungen, unter denen er sein Zukunftslabor erschaffen hatte, wollte er unbedingt aufrecht erhalten. Er will es immer noch, nach nunmehr drei Jahren Ligazugehörigkeit. Wir sehen: Auch Konzernlenker können naiv sein.
Bei den gegnerischen Fans nämlich gilt Turnvater Hopps Leibesertüchtigung als Ausgeburt des Bösen. Die TSG Hoffenheim war und ist für sie, trotz des eilends in den Vereinsnamen implantierten »1899«, ein Verein ohne nennenswerte Tradition – und damit auch ohne Berechtigung, überhaupt dabei zu sein. Der neureiche Emporkömmling. Der Klub des Milliardärs.
Ihr Hass könnte Hopps Stolz sein. Und ist doch nur sein verletzter Stolz. »Diese Leute sollten mal darüber nachdenken, wie es ist, vor 30.000 im Stadion und Millionen Fernsehzuschauern als ›Sohn einer Hure‹ beschimpft zu werden«, sagte er am Samstag. Seine Mutter sei eine herzensgute Frau gewesen. »Es tut weh.« Weh mag es unbesehen tun, aber die Bundesliga ist nun mal das Land des Schmerzes. Genauer gesagt: des unechten Schmerzes, denn jede Schmähung, besonders die der Mutter, ist Teil eines Spiels. Primitiv zwar, zugegeben, aber wir sind hier ja nicht in der Oper.
Kein Identität, die über die des ungebetenen Gastes hinausgeht
Dietmar Hopp jedoch mahnt die Sitten der Hochkultur an. Er jammert sich seit 2008 dauerbeleidigt durch die Interviews – und hat es dabei versäumt, seinem Verein eine Identität zu verleihen, die über die des ungebetenen und deshalb eingeschnappten Gastes hinausgeht.
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