Gladdbachs Torwart Marc-André ter Stegen im Interview
»Kahn ist Kahn. Ich bin ich«
Interview: Moritz Herrmann Bild: Imago
Im Saisonfinale von Lucien Favre ins Tor gestellt, trug Marc-André ter Stegen mit seinen Paraden wesentlich zum Klassenerhalt bei. Im Interview spricht das 19-jährige Torwarttalent über Begeisterung, Fußballwunder und Vergleiche mit Oliver Kahn.
Marc-André ter Stegen, Sie werden als das größte deutsche Torwarttalent gefeiert, die Lobeyhymnen reißen nicht ab. Dabei haben Sie mal gesagt: »Ich kam nur ins Tor, weil ich so krumm lief.«
Marc-André ter Stegen: Ich habe bis zur E-Jugend im Feld gespielt und hatte einen komischen Laufstil. Ins Tor gestellt wurde ich komischerweise erst, als mein Laufstil schon wieder normal war (lacht).
Eine gute Entscheidung. Beim Auftaktsieg gegen Bayern München hatten Sie von allen Gladbachern die meisten Ballkontakten: 74. Das moderne Torwartspiel macht Sie fast zum fünften Verteidiger.
Marc-André ter Stegen: Bayern München hat sehr viel Druck gemacht, wir kamen nur schwer hinten raus. Da behilft man sich dann oft mit dem Pass nach hinten. Mir gibt so ein Wert natürlich Selbstvertrauen. Ich merke, dass meine Mitspieler kein Problem haben, mich anzuspielen.
Und Sie haben kein Problem damit, sich anspielen zu lassen?
Marc-André ter Stegen: Richtig. Danté hat gesagt: »Schrei mich an, wenn irgendwo Gefahr droht, die ich nicht sehe.« Das funktioniert gut. Wenn ich etwas besser sehen oder beurteilen kann, sage ich das. Jeder akzeptiert hier jeden. Jede Meinung ist wichtig.
Ein 19-Jähriger, dessen Meinung Gewicht hat gibt nicht so oft. Aber Sie haben ja auch schon mit 16 Jahren bei den Profis reingeschnuppert.
Marc-André ter Stegen: Das macht vor allem stolz, dass ich schon so jung Einheiten mitmachen durfte. In dem Alter ist sehr viel Begeisterung dabei, und bei mir hat diese Begeisterung bis heute nicht aufgehört. Ich hoffe, man sieht mir das immer noch an, wenn ich auf Platz stehe.
Sie haben nur für Borussia Mönchengladbach gespielt. Lucien Favre hat in der letzten Saison, nachdem er Sie ins Tor beorderte, gesagt: »Gerade in schwierigen Situationen ist es wichtig, dass Spieler da sind, denen der Klub etwas bedeutet.«
Marc-André ter Stegen: Für mich ist der Klub etwas ganz Besonderes. Hier habe ich mit Fußball begonnen, hier spiele ich noch immer Fußball. Ich habe hier eine gewisse Vertrautheit entwickelt. Es macht großen Spaß, für den Verein aufzulaufen. Ich hatte das Glück, dass man mir auch in einer schwierigen Situation das Vertrauen geschenkt hat. So lernt man sehr gut mit dem Druck und der Mannschaft umzugehen. Ich fühle mich wohl.
Gerne wird sich in Gladbach an den Mythos »Fohlenelf« erinnert. Die goldenen Jahre mit Weisweiler, Vogts und Netzer haben den Verein geprägt. Aber spielen die Helden von früher auch für Ihre Generation noch eine Rolle?
Marc-André ter Stegen: Gladbach hat eine historische, schöne Vergangenheit. Wir alle wissen um diesen Erfolg von früher. Jeder weiß, dass damals etwas Großartiges passiert ist. Deswegen versucht man umso mehr, an der eigenen Sache zu arbeiten, etwas eigenes zu leisten und so oft wie möglich zu gewinnen.
Spürt man in Gladbach jetzt, nach der überragenden Rettung der letzten Saison und dem Auftaktsieg in München, eine große Aufbruchsstimmung?
Marc-André ter Stegen: Man sollte wirklich ruhig bleiben. Wir haben jetzt erst ein Spiel gespielt und sind in der letzten Saison gerade so drin geblieben. Das muss man genau so sehen und darf diesen Nichtabstieg nicht verklären. Wir werden natürlich weiter kämpfen und die Euphorie in die neue Saison zu nehmen versuchen, aber man darf auch nicht sofort zu viel erwarten. Es geht darum, Schritt für Schritt zu gehen.
War der Nichtabstieg ein Fußballwunder?
Marc-André ter Stegen: Es ist viel gegen uns gelaufen. Wir haben uns da vor allem mit harter Arbeit rausgekämpft – wie viel da in den letzten Wochen der vergangenen Saison investiert wurde, ist wirklich nicht zu unterschätzen. Wir haben uns das Glück, nicht absteigen zu müssen, erarbeitet. Der Klassenerhalt hat nicht nur die Fans erleichtert und den Verein, sondern die ganze Stadt Mönchengladbach.
Sie haben sich in der letzten Saison unmittelbar vor Favres Amtsantritt verletzt und so die Chance verpasst, vielleicht sogar noch früher Ihr Debüt als Nummer 1 zu feiern.
Marc-André ter Stegen: Ich habe mich sogar am ersten Trainingstag von Lucien Favre verletzt. Das war doppelt bitter. Wenn ein neuer Coach kommt, hofft jeder Spieler auf seine Chance. Es war mein Traum, Fußballprofi zu werden, und als die Möglichkeit da war, kam die Verletzung! Da hadert man schon. Die folgenden sechs Wochen nach der Verletzung waren schwer. Ich musste um den Anschluss kämpfen, darum, wieder zurück zu kommen. Als mich Lucien Favre dann gegen Köln reingeschmissen hat, war es soweit. Da hatte ich endlich mein erstes Bundesligaspiel.
Was haben Sie in dem Moment gedacht?
Marc-André ter Stegen: Das war der Lohn für die Mühen. Ich habe mich sechs Wochen fit gemacht, körperlich wieder rangebracht. Und dann auch noch im Derby gegen den 1. FC Köln – ich konnte mir kein besseres Debüt vorstellen.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Borussia Mönchengladbach






